Ein Ausweg aus der Realität, zeitgleich jedoch auch ein Spiegel, der uns helfen kann, unsere komplexen Lebenswirklichkeiten zu ordnen. Das Theater stellt genau diese Illusionsmaschine dar, die uns in eine Geschichte zieht und uns unserem wirklichen Leben entfliehen lässt. Was jedoch passiert, wenn sich das Theater der weniger schönen Wirklichkeit bemächtigt und diese auf die Bühne holt, zeigt uns die Darbietung des Deutschen Theaters in der von Nick Whitby entwickelten Komödie »Sein oder Nichtsein«, das unter der Regie von Nick Hartnagel am 1. Juni seine Premiere feierte.
Basierend auf dem Film »To Be or Not to Be« von Ernst Lubitsch befinden wir uns im Jahr 1939, in dem ein polnisches Theater-Ensemble – das vor Klischees nur so strotzt – eine Komödie über Nazi-Deutschland probt. Letztlich wird die Erstaufführung jedoch durch die Zensur verboten. Schnell wird auf den ewigen Klassiker »Hamlet« von Shakespeare zurückgegriffen, dessen Hauptrolle, der eitle und sich selbst überschätzende, Josef Tura spielen soll. Während der Aufführung bricht jedoch der Zweite Weltkrieg aus und Polen wird von den Deutschen besetzt. Dies geht auch nicht spurlos am Ensemble vorbei, welches sich im Polski-Theater versteckt, um nicht gefasst zu werden. Als die Schauspieler:innen erfahren, dass ein Spion eine Liste mit Namen der polnischen Untergrundbewegung der Gestapo übergeben will, fühlt sich die Truppe verpflichtet etwas zu unternehmen. Sie bedienen sich des einzigen was Ihnen geblieben ist: ihrer Schauspielkunst. Ein Unterfangen, dass gefährlicher ist als es zunächst scheint und die Darsteller:innen, vor allem Josef und Maria, Tura gespielt von Gabriel von Berlepsch und Rebecca Klingenberg, zu schauspielerischen Hochleistungen zwingen, bei denen es schließlich um Leben oder Tod geht, um Sein oder Nichtsein.
Eine vielschichtige Komödie, bei der es heikel erscheint, den richtigen Ton zu treffen, und bei der sich die Frage stellt, ist eine humoristische Erzählung, in der die Grausamkeiten Nazi-Deutschlands thematisiert werden, überhaupt möglich?
Innerhalb des Stückes wird immer wieder deutlich, dass die Ernsthaftigkeit des Themas nicht durch den eingesetzten Humor der Charaktere verharmlost wird. Viel zu oft blitzen dafür die schrecklichen Taten der Nazis durch, was besonders durch die Figur des Gestapo-Gruppenführer Erhard, gespielt von Christoph Türkay, auffällt. Dieser wirkt zwar auf der einen Seite wie eine Witzfigur, die nicht ernst zu nehmen ist, auf der anderen Seite symbolisiert er jedoch exemplarisch den klassischen Schreibtischtäter, der den Beinamen „Konzentrationslager-Erhard“ trägt und für den die Gewaltverbrechen der Nazis zur Tagesroutine gehören. Eine komplexe Figur, die durch das schauspielerische Talent von Christoph Türkay das richtige Gleichgewicht gefunden hat.
Humor ist innerhalb der Komödie vielmehr das Mittel mit denen die Schauspieler:innen des Polski-Theaters die Nazis innerhalb des Stückes enttarnen. Dies gelingt ihnen durch die Fähigkeit des Theaters Realitäten zu verschieben und zu verändern, die allerdings auch das Regime des Dritten Reiches perfektioniert hatte. Wo der Faschismus jedoch strenge Vorgaben und Strukturen hat und Sachverhalte festlegen will, weiß es das Theater besser. Es lebt davon durch Kleinigkeiten große Veränderungen zu bewirken und dadurch plötzliche Wendungen hervorzurufen. Eine Frage des Seins oder Nichtseins also. Diese Macht wendet das Ensemble vor allem durch seine humoristische Art an, sodass schließlich klar wird, dass Ernsthaftigkeit und Witz keine unvereinbaren Komponenten sind, sondern die Art der Umgangsweise bereichern können.
Mit dieser mutigen Wahl für seine erste Komödie hat Regisseur Nick Hartnagel mit »Sein oder Nichtsein« bewiesen, dass er sowohl den Humor als auch die anspruchsvolle Thematik miteinander vereinen kann, ohne dabei in Geschmacklosigkeit oder Verharmlosung abzudriften. Ein wahrhaftiger Balanceakt zwischen Lachen und Nachdenken, der das Publikum gleichermaßen unterhält und zum Grübeln anregt. Denn eins sollte klar sein: Eine Komödie, die unter anderem auch das nationalsozialistische Deutschland behandelt, kann nur gelingen, wenn ihr – wie in dieser Darbietung – mit einem gewissen Respekt begegnet wird, denn die Herausforderungen sind vielfältig.
Die von Nick Hartnagel inszenierte Interpretation der Komödie »Sein oder Nichtsein« wird noch in zwölf weiteren Vorführungen bis zum 21. Juni im Deutschen Theater in Göttingen gezeigt. Für weitere Informationen zu den Aufführungsterminen und Tickets empfiehlt es sich, die Website des Deutschen Theaters in Göttingen zu besuchen oder direkt dort anzufragen.