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Horizonte-Festival +Hintergrund

Wenn die Lyrik die Symphonie umkreist

Beim horizonte-Festival treffen Nadja Küchenmeister und das Göttinger Symphonieorchester aufeinander – ein Abend, der das Festivalmotto in einen literarischen Resonanzraum übersetzt

Nadja Küchenmeister | © picture alliance / dpa | Carmen Jaspersen

Eine Lyrikerin, die gerade den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikpreis bekommen hat, trifft im Literaturhaus auf ein Streichquartett. Was bei einem anderen Festival ein Begegnungsexperiment wäre, ist beim horizonte-Festival des Göttinger Symphonieorchesters Programm – und gehört zum literarischen Höhepunkt einer Woche, die das Leise zur Haltung erklärt.

Vom Festivalmotto zum literarischen Knotenpunkt

Am kommenden Sonntag eröffnet das Göttinger Symphonieorchester die dritte Ausgabe seines horizonte-Festivals; bis zum 6. Juni stehen fünf Abende, eine Projektwoche und ein offenes Sommerfest auf dem Programm. Festivalmotto in diesem Jahr: »Radikale Sanftheit« – eine Setzung, die Jens Wortmann in seinem Vorbericht vom April ausführlich vorgestellt hat. Sie wendet sich gegen die Logik der Lautstärke und übersetzt einen Begriff, der im angloamerikanischen Diskurs unter dem Stichwort »Radical Softness« seit Jahren Tradition hat, in ein deutsches Konzertformat.

Mitten in der Festivalwoche, am Freitag, 5. Juni, fällt diese Haltung mit der Literatur zusammen. Im Literaturhaus präsentieren die Berliner Lyrikerin Nadja Küchenmeister und die Musikdramaturgin Charlotte Oelschlegel den Abend »unterwältigt« – eine Koproduktion des Literarischen Zentrums Göttingen mit dem GSO. Küchenmeister liest aus ihrem jüngsten Gedichtband »Der Große Wagen« (Schöffling 2025), Oelschlegel arrangiert die Texte mit Kammermusik. Die Versuchsanordnung ist klar: nicht die Lesung mit musikalischer Untermalung, sondern Sprache und Klang, die einander befragen.

Eine ausgezeichnete Stimme

Dass Küchenmeister an diesem Abend in Göttingen ist, ist auch der Auszeichnung zu verdanken, die sie wenige Wochen vorher entgegengenommen hat: Am 10. April wurde ihr in Staufen der Peter-Huchel-Preis 2026 verliehen, mit 15.000 Euro die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Lyrik überhaupt, vergeben vom Südwestrundfunk und dem Land Baden-Württemberg. Die Jury, die im Januar getagt hatte, würdigte »Der Große Wagen« als ein lyrisches Sternbild der Übergänge – eine Formulierung, die ahnen lässt, wie die Berlinerin schreibt: nicht in lauten Setzungen, sondern in Verschiebungen, in Pausen, in Beobachtungen, die das Bedeutungsschwere meiden.

Küchenmeister, Jahrgang 1981, gilt seit ihren ersten Bänden »Alle Lichter« und »Unter dem Wacholder« als eine der präzisesten Stimmen ihrer Generation. Sie steht damit in einer Reihe von Lyrikerinnen, die in der deutschsprachigen Dichtung der letzten zwanzig Jahre einen leisen, beharrlichen Ton kultiviert haben – Marion Poschmann, Anja Utler, Daniela Seel. Dass der Peter-Huchel-Preis 2026 an Küchenmeister ging, ist deshalb mehr als eine Personalentscheidung: Es ist die Bestätigung, dass diese Schreibweise im deutschsprachigen Literaturbetrieb gerade ein Gewicht hat, das man ihr vor zehn Jahren nicht zugetraut hätte.

Warum Lyrik und Sanftheit zusammengehören

Die Wahl Küchenmeisters für »unterwältigt« ist also keine Verlegenheitsbesetzung, sondern programmatische Konsequenz. Ein Festival, das sich »Radikale Sanftheit« auf die Fahnen schreibt, kann kaum eine Schriftstellerin einladen, die das Pathos sucht. Was Küchenmeister anbietet, ist genau das Gegenteil: Gedichte, die mit dem arbeiten, was zwischen den Sätzen liegt. Und im Zusammenspiel mit einem Streichquartett, das nicht begleitet, sondern mitspricht, entsteht ein Resonanzraum, in dem die leisesten Töne die genauesten sind.

Dass ausgerechnet ein Symphonieorchester – eine Institution, die im 19. Jahrhundert als Klangkörper bürgerlicher Selbstvergewisserung entwickelt wurde – seine Akustik herunterregelt und sich für einen Abend in den Literaturraum verlegt, hat eine eigene Pointe. »Unterwältigt« ist insofern nicht nur ein Lesungstitel, sondern eine Programmansage: Es geht darum, das Hineinhören wieder zu erlauben, ohne es als Mangel zu vermarkten. Wer am 5. Juni ins Literaturhaus geht, betritt nicht nur eine Veranstaltung – sondern eine Versuchsanordnung darüber, was Sprache und Musik einander noch sagen können, wenn keine von beiden den Ton angeben muss.

+Hintergrund

Woher der Begriff »Radical Softness« stammt, warum ihn ausgerechnet ein Symphonieorchester aufgreift und wie Nadja Küchenmeisters Lyrik in eine größere Bewegung der deutschsprachigen Gegenwartsdichtung gehört: Hintergrund für Plus-Abonnent:innen.

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