Lou Andreas-Salomé lehnte fünf Heiratsanträge ab, begann mit fünfzig ein Studium bei Freud – und schrieb stets nur, um sich selbst besser zu verstehen. Lutz Keßler ist ihr schon einmal auf der Bühne begegnet. Jetzt kehrt er zurück: mit eigenem Text und einer KI als Spielpartnerin.
Eine Rückkehr mit eigenem Text
Am Deutschen Theater inszenierte Lutz Keßler einst ein Stück über Lou Andreas-Salomé – nach einem Text von Tine Rahel-Völker, entstanden zum Abschluss der Intendanz von Mark zur Mühle. Es hatte Erfolg, wurde aber nicht weitergespielt. Den Stoff ließ Keßler nicht los. Diesmal hat er selbst geschrieben, gemeinsam mit JT-Dramaturg Christian Vilmar entwickelt – und den Fokus verschoben: weg vom gesellschaftlichen Skandalon, hin zu Lou Andreas-Salomé als Analytikerin und kongenialer Partnerin Sigmund Freuds.
Drei Lous, eine KI und kein einfaches Bild
»Being Lou Andreas-Salomé« versammelt drei Versionen derselben Frau auf der Bühne: die junge Aufbrecherin, die Heiratsanträge reihenweise ablehnt; die mittlere, die wider alle eigenen Überzeugungen doch Ja sagt; und die alte Lou, die auf dem Hainberg ihre Praxis führt und auf ihr Leben zurückblickt – im Dialog mit einer Künstlichen Intelligenz. Die KI verarbeitet Daten und bildet Wahrscheinlichkeiten ab. Sie registriert Widersprüche. Lou Andreas-Salomé, so Keßler im Gespräch, war eine ganze Sammlung davon – und das ist keine Schwäche, sondern Programm.
Alles und nichts – gleichzeitig
Was die KI nicht leisten kann: fühlen, erinnern im eigentlichen Sinne, und vor allem – endlich sein. Genau diese Grenze macht das Stück zur kritischen Auseinandersetzung mit KI ebenso wie zum Porträt einer Frau, die Philosophie, Theologie und Psychoanalyse nie als Selbstzweck betrieb, sondern stets als Treibstoff zur Selbstbefragung. Ihr Lebensmodell: nicht Entweder-oder, sondern alles und nichts gleichzeitig aushalten.
Das Gespräch zwischen Tina Fibiger und Lutz Keßler gibt es hier zum Hören
Außerdem eine akustische Kostprobe aus der Inszenierung.