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Aulakonzert

Musikalische Nachtwanderung auf höchstem Niveau

Voces8 gastierte mit dem A-cappella-Programm »Nightfall« in der Aula der Universität Göttingen

Voces 8 in der Universitätsaula | © Titelbild: Michael Schäfer, Bild im Text Leonie Trzeba

Das Vokaloktett Voces8 aus Großbritannien gastierte am Sonntagabend mit seinem aktuellen A-cappella-Programm »Nightfall« in der Aula der Universität. Das Publikum erlebte eine beeindruckende Nachtwanderung durch die abendländische Vokalmusik, die an technischer Präzision, Klangschönheit und berührenden Momenten nichts zu wünschen übrig ließ.

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Das Programm umfasste eine weite Zeitspanne von der Renaissance bis James Bond, wobei alle Stücke durch das gemeinsame Thema „Nacht" vereint wurden. Die Zusammenstellung spannte immer wieder Bögen von beschwingt zu ernst und zurück und zeigte damit die vielen Gesichter der Nacht. Die ersten Klänge waren heiter und spielerisch. »Buccinate in neomenia tuba«, eine Komposition des italienischen Frühbarockkomponisten Giovanni Croce, ruft zum nächtlichen Feiern und Musizieren auf. Das Stück besticht durch seine Doppelchörigkeit, deren Verwobenheit Voces8 kunstvoll zur Schau stellten.

Es folgten zwei Stücke, die von der Bitte an Gott um Schutz in der Nacht handeln: »Te lucis ante terminum« des englischen Renaissancekomponisten Thomas Tallis und »Nachtlied op. 138 Nr. 3« von Max Reger. Tallis verarbeitet die Bitte in essenzieller Einfachheit, während Reger sie in all ihrer emotionalen Tiefe romantisch zelebriert – eine Tiefe, die das Ensemble meisterhaft auskostete.

Dieser emotionale Höhepunkt wurde durch einen Ausflug in die Film- und Populärmusik inklusive James Bond abgelöst. Mit einer weiteren Renaissancekomposition, diesmal »Libera nos« von John Sheppard, erreichte der Abend einen Moment existenzieller Eindringlichkeit. Der Wunsch nach Erlösung von den Beschwernissen des Tages und des Lebens brach sich noch unmittelbarer Bahn in »Nunc dimittis« von Gustav Holst, das in einer geradezu kathartischen Weise endet.

Nach der Pause schlug das Ensemble in kleineren Besetzungen mit Bobby McFerrins Vertonung des 23. Psalms, die seiner Mutter gewidmet ist, und Franz Schuberts »Liebe« aus seinen »Vier Gesängen für vier Männerstimmen op. 17« zarte, innige Töne an. Mit Johannes Brahms' »Nachtwache I« und »Nachtwache II« war ein Klassiker der Vokalmusik zu hören. Zum Ende des Konzertes wendeten sich Voces8 nochmals der Populärmusik zu. Mit viel Witz und solistischem Können wurden Jazz-Standards wie »April in Paris« und »Fly Me to the Moon« in herausfordernden Arrangements vorgetragen. Den krönenden Abschluss bildete die vom frenetisch jubelnden Publikum eingeforderte Zugabe: ein Medley aus Liedern über New York.

Dass Voces8 nach Göttingen kommen, hatte sich schnell herumgesprochen. Das Konzert war schon zwei Monate im Voraus ausverkauft. Das 2005 gegründete achtköpfige Ensemble kann mittlerweile auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückschauen, in der es unter anderem für einen Grammy nominiert wurde. Voces8 treten überall auf der Welt in namhaften Konzertsälen auf und arbeiten mit Komponisten wie Eric Whitacre und Musikern wie Paul Simon zusammen. Sie haben zahlreiche Aufnahmen veröffentlicht und treten auch regelmäßig in Deutschland auf.

Die hohe Qualität, für die sie bekannt sind, konnten die Sänger:innen auch in Göttingen wie selbstverständlich abrufen. Besonders beeindruckend war die lupenreine Mischung der Einzelstimmen, sodass es an Unisonostellen klang, als würden nur eine hohe und eine tiefe Stimme singen, nicht insgesamt acht. Gleichzeitig zeigten sich die Mitglieder des Ensembles in den Pop- und Jazzsongs als souveräne Solist:innen. Ebenfalls auf höchstem Niveau waren Klangschönheit und Intonation, wie sie in dieser Reinheit kaum jemals live zu hören sind. Die Textverständlichkeit ließ selbst bei den deutschsprachigen Stücken kaum Wünsche offen.

Das Ensemble zeigte sich in der Interpretation zeitgenössischer Stücke genauso präzise und stilsicher wie bei Max Regers »Nachtlied«. Bei kaum jemandem im Saal blieben am Ende des Stückes die Augen trocken, so überwältigend war die emotionale Schlagkraft der Interpretation. Die Sänger:innen schienen im Laufe des Abends immer wieder selbst berührt. Das Publikum honorierte diese emotionale Offenheit und verfolgte die Nachtwanderung den Abend über atemlos bis zu ihrem beschwingten Ende. Voces8 spürten diese Resonanz offenbar und versprachen, bald wieder nach Göttingen zu kommen. Für alle, die diesmal nicht zwei Monate im Voraus Karten bekommen haben, bleibt das nur zu hoffen. Vokalmusik auf diesem Niveau live zu erleben ist etwas ganz Besonderes.

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