Was geschah wirklich im Herbst 1941, als sich die Begründer der Quantenmechanik Werner Heisenberg und Niels Bohr in Kopenhagen trafen? Diese Frage beschäftigt Historiker und Theaterliebhaber gleichermaßen – und steht im Zentrum von Michael Frayns vielschichtigem Drama »Kopenhagen«. In der aktuellen Inszenierung am Jungen Theater Göttingen widmet sich Regisseur und JT-Geschäftsführer Tobias Sosinka diesem historischen Rätsel – als metaphysischer Krimi, in dem moralische Fragen und widersprüchliche Theorien aufeinandertreffen. Anlässlich des Quantenjahrs 2025 feierte »Kopenhagen« Premiere am 10. Oktober.
Stimmen aus dem Jenseits
Im Zwischenreich der Toten treffen Werner Heisenberg, sein ehemaligen Lehrer Niels Bohr und dessen Frau Margrethe aufeinander und versuchen, den mysteriösen Abend in Kopenhagen zu rekonstruieren. Das Gespräch zwischen den beiden Physikern endete abrupt. Warum genau war Heisenberg nun nach Kopenhagen gekommen? Was hat sie entzweit? Hätte die Entwicklung der Atombombe verhindert werden können? Ein spannungsgeladenes und intensives Kammerspiel um die Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Krieges entwickelt sich!
Ethik, Erinnerungen und Ehrgeiz
Die dichten Dialoge zwischen Heisenberg und Bohr erwecken die angespannte und beklemmende Lage während der NS-Besatzung wieder – besonders, da Margrethe skeptisch und misstrauisch die Gespräche kommentiert. Agnes Giese als Margrethe ist vielleicht die unscheinbarste, und doch wichtigste Figur des Stücks. Denn sie wird zum Sprachohr, zur treibenden Kraft und gibt den Zuschauer:innen Einblicke in das Treffen. „Wir führen keinen Krieg mit den USA“, erklärt Heisenberg. „Noch nicht“, wirft Margrethe ein – mit direktem Blick ins Publikum.
Anschließend geben die drei aus unterschiedlichen Perspektiven das Treffen wieder – dabei verschwimmen die Erinnerungen. Somit bleibt es immer spannend, denn man weiß nie welchem Erzähler man wirklich glauben kann.
Hatte Heisenberg die Absicht, Bohr davon abzuhalten, den Alliierten beim Bau der Atombombe zu helfen – und somit den Tod von Millionen in Hiroshima und Nagasaki zu verhindern? Oder wollte Heisenberg lediglich, dass die Alliierten keine Superwaffe gegen Deutschland einsetzen konnten? Währenddessen hat Margrethe ihre ganz eigene Theorie: Heisenberg wollte lediglich damit angeben, ein führender Wissenschaftler in Deutschland zu sein – das Land, welches womöglich den Krieg gewinnt.
Die Frage, was genau Heisenbergs wahre Motivation war, bleibt unbeantwortet. Zwischen moralischer Selbstrechtfertigung und wissenschaftlichem Ehrgeiz entspinnt sich ein psychologischer Wettstreit um Wahrheit und Verantwortung.
Überzeugender Cast
Mit Jan Reinartz (Bohr) und Jens Tramsen (Heisenberg) stehen zwei überzeugende Darsteller auf der Bühne, unterstützt von Agnes Giese als klarsichtige, kritische Margrethe. Beide präsentieren glaubwürdige und dramatische Darbietungen der Wissenschaftler. Besonders Jan Reinartz überzeugt in der Rolle des Physikers, zum Beispiel wenn er leidenschaftlich und sachlich zugleich die Kernspaltung erklärt. Jens Tramsens Rolle als Heisenberg wechselt dabei. Zunächst ist er der moralbewusste Physiker, der sich die Frage stellt: Hat man als Physiker überhaupt das ethische Recht, an der Atomenergie zu arbeiten. Anschließend entwickelt er sich zum verrückten Wissenschaftler à la Frankenstein, der seine Arbeit an einem Reaktor mit allen Mitteln fortsetzen will!
In dieser Szene glänzt besonders das Bühnenbild mit Licht und Ton. Zu grünem, toxischem Scheinwerferlicht dreht Tramsen die bewegbare Bühne mit durchsichtiger Leinwand wie ein Verrückter, um eine selbsterhaltende Kettenreaktion in Bewegung zu halten. Ob diese Darstellung jetzt unbedingt historisch akkurat ist, lässt sich zwar anzweifeln, aber eine sehr starke Performance war dies allemal!
Fazit: Kluges Kammerspiel um Erinnerung und Schuld
Wer trägt die Schuld? »Kopenhagen« am JT Göttingen denkt nach – und weiter. Ein intensives, klug inszeniertes Kammerspiel über Erinnerung, Schuld und wissenschaftliche Verantwortung. »Kopenhagen« gibt keine einfachen Antworten – und genau darin liegt die Stärke des Stücks. Tobias Sosinka präsentiert dem Publikum plausible Theorien, wie sich das Treffen in Kopenhagen abgespielt haben könnte, ohne dabei den historischen Kern außer Acht zu lassen!