Diese Sonntagsmatinee des Göttinger Symphonieorchesters hatte einen klugen Spannungsbogen: Glinkas rasante Ouvertüre als hellwacher Auftakt, dann Anna Clynes geheimnisvoll schillerndes Saxophonkonzert »Glasslands« und nach der Pause Tschaikowskys Fünfte. Dass daraus ein so geschlossener und zugleich mitreißender Konzertvormittag wurde, lag an der Energie des Orchesters, der klaren Leitung von Nicholas Milton und vor allem an Asya Fateyeva, die dem Sopransaxophon eine erstaunliche Mischung aus Gesanglichkeit, Schärfe und Leuchtkraft verlieh.
Schon das Programm war gut gesetzt: erst Michail Glinkas Ouvertüre zu »Ruslan und Ludmilla«, dann Anna Clynes »Glasslands« für Sopransaxophon und Orchester, nach der Pause Tschaikowskys Fünfte. Drei sehr unterschiedliche Werke, die in der Stadthalle Göttingen dennoch überraschend gut zusammenfanden. Der russische Schwung des Beginns, die zeitgenössische Klangfantasie im Mittelteil und die große romantische Symphonie zum Schluss ergaben keinen bloßen Kontrastabend, sondern einen Konzertvormittag mit innerer Linie.
Vor dem Konzert gab es ein Künstlergespräch mit GSO-Geiger Thomas Scholz, Nicholas Milton und Asya Fateyeva. Das war mehr als freundliche Einstimmung. Milton sprach über seine Rückkehr aus Australien, wo er gerade wieder Oper dirigiert — nun auch wieder in Sydney, seit seine Zeit als Chefdirigent in Klagenfurt beendet ist. Neu ist zudem, dass er an der Universität Klagenfurt eine Professur für Dirigieren übernommen hat. Fateyeva wiederum sprach sehr anschaulich über das Saxophon als klassisches Instrument, über Bach als künstlerische Wurzel und über das merkwürdige Schicksal eines Instruments, das im Konzertsaal noch immer oft als Fremdkörper wahrgenommen wird. Dass Anna Clyne in dieser Spielzeit beim GSO als »Composer in Focus« präsent ist, gab diesem Mittelteil des Programms zusätzliches Gewicht.
Glinkas Ouvertüre wirkte dann genau so, wie ein Konzertauftakt wirken sollte: hellwach, zupackend, ohne Umwege im Geschehen. Dabei hätte man dem Orchester die Reisestrapazen der vergangenen Tage nicht im Geringsten angemerkt. Die Streicher gingen das hohe Anfangstempo mit bemerkenswerter Präzision an, die Bläser setzten klare Akzente, und Nicholas Milton hielt das große Ensemble auch im komplexen Schluss sicher zusammen. Das war kein vorsichtiges Einrollen in den Vormittag, sondern ein Auftakt mit Zug und Glanz.
Im Zentrum des Konzerts stand Anna Clynes »Glasslands«, ein Werk von gut zwanzig Minuten Dauer, das um die Gestalt der Banshee kreist, also um einen weiblichen Geist aus der irischen Folklore. Im Künstlergespräch hatte Milton diese Idee bereits aufgegriffen und das Stück als Reise durch eine weiblich geprägte Geisterlandschaft beschrieben. Man musste diese Deutung nicht kennen, um die Wirkung der Musik zu spüren. Schon der Beginn mit dem markanten, fast aufschreckenden Ruf des Sopransaxophons setzte etwas in Gang, das sich im weiteren Verlauf immer wieder verwandelte: schwebend, klagend, aufgewühlt, dann wieder fast entrückt. Die Banshee als Bezug des Werks ist auch im Programmheft benannt.
Asya Fateyeva trug dieses Stück mit großer Selbstverständlichkeit. Sie ist 1990 auf der Krim geboren, klassisch ausgebildet und gehört zu den prägenden Saxophonistinnen ihres Fachs; das Programmheft hebt ihre stilistische Offenheit zwischen Barock, Klassik, Romantik und neuen Programmen hervor.
Vor allem aber war an diesem Vormittag zu hören, was für eine starke Bühnenpersönlichkeit sie ist. Ihr Ton konnte binnen weniger Takte die Farbe wechseln: erst weich und beinahe vokal, dann wieder hell, direkt und mit energischer Schärfe. Dabei blieb das Spiel nie dekorativ. Fateyeva riss das Stück nach vorn und zog Orchester und Publikum mit.
Besonders eindrücklich geriet der zweite Satz, der mit einem lyrischen Dialog zwischen Saxophon und Solocello begann. Joanna Kielar-Zachlot spielte diese Cello-Linie mit Ruhe und Wärme; später traten Solobratsche und Kontrabass hinzu, ehe sich der Klangraum nach und nach erweiterte. Gerade hier zeigte sich, wie gut Milton und das Orchester auf Fateyeva abgestimmt waren. Er ließ ihr hörbar Freiheit, hielt das Orchester aber so präsent und zugleich so beweglich, dass die Balance durchweg stimmte. Das war bei einem Instrument wie dem Sopransaxophon alles andere als selbstverständlich. Die geisterhaften, anfangs fast körperlos wirkenden Klangbilder waren im Saal förmlich zu greifen.
Nach dem jubelnden Applaus bedankte sich Fateyeva mit einer Zugabe: Bartóks »Rumänische Volkstänze« in einer Fassung für Saxophon und Orchester. Das war eine kluge Wahl. Nach den schillernden Klangflächen von »Glasslands« wirkte Bartók direkter, erdiger, rhythmischer — und zeigte noch einmal sehr schön, wie mühelos Fateyeva zwischen Gesangslinie und tänzerischer Schärfe wechseln kann.
Nach der Pause folgte Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 e-Moll, also ein Werk, das vom Schicksalsgedanken durchzogen ist und zugleich eine große emotionale Reise entwirft. Milton ließ dieser Musik viel Raum für Ausdruck, ohne sie ins Sentimentale kippen zu lassen. Das war einer der stärksten Züge dieser Aufführung: Die Emotionen waren da, durchaus reichlich, aber sie wurden nie breitgewalzt.
Besonders zu nennen ist Sakura Koyama, die das Hornsolo zu Beginn des zweiten Satzes nicht nur technisch makellos, sondern mit einem weichen, berührenden Ton spielte. Auch die weiteren solistischen Passagen in Klarinette, Oboe und Fagott fügten sich sehr schön in das Ganze ein. Der dritte Satz behielt seine tänzerische Leichtigkeit, der Walzer hatte Luft und Bewegung. Und im Finale blieb der große Ton frisch, hell und entschieden. Nichts wirkte abgespult, nichts bloß routiniert. Gerade nach einem bereits dichten ersten Konzertteil war das bemerkenswert.
Nicholas Milton zeigte an diesem Vormittag einmal mehr, warum die Zusammenarbeit mit dem Göttinger Symphonieorchester so gut funktioniert. Im Künstlergespräch beschrieb er das fast kammermusikalische Vertrauensverhältnis mit dem Ensemble: Er müsse vieles gar nicht mehr erklären, weil das Orchester sehr genau wisse, was er wolle. Genau dieser Eindruck stellte sich auch im Konzert ein. Das Zusammenspiel wirkte eingespielt, die großen Linien waren klar, und zugleich blieb genug Freiheit für Farben, Soli und spontane Energie. Dass das Orchester nach Tourtagen und spätem Vorabendtransport derart präsent und frisch spielte, machte diesen Eindruck nur noch stärker.
So blieb von dieser Matinee mehr als nur der Eindruck eines gelungenen Konzertvormittags. Glinka brachte den Saal sofort auf Spannung, Clynes »Glasslands« öffnete einen ungewöhnlichen und sehr eigenen Klangraum, und Tschaikowskys Fünfte führte die Energie des Vormittags noch einmal in eine große symphonische Form. Im Mittelpunkt aber stand Asya Fateyeva, die dem Sopransaxophon nicht nur Glanz, sondern auch Selbstverständlichkeit verlieh.