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Händel-Festspiele +Hintergrund

Ein Geburtstag in zwei Akten

Galakonzert zum 20-jährigen Bestehen des FestspielOrchesters Göttingen am 14. Mai 2026 in der Stadthalle

© Photos: Frank Stefan Kimmel

Ein 20. Geburtstag, eine fast ausverkaufte Stadthalle, ein Programm aus Rameau, Bach und Händel. Und am Ende doch der Eindruck, dass das eigentliche Fest erst begann, als die Bühne der Stadthalle leer war.

Eine Familie aus zwei Adressen

Die Konstruktion ist heikel und seit 20 Jahren ungebrochen: Im Mai fliegen rund vierzig Musiker:innen aus elf Ländern nach Göttingen und werden für drei Wochen zu einem Orchester, das es in dieser Form sonst nicht gibt. Konzertmeisterin Elizabeth Blumenstock und Solo-Cellistin Phoebe Carrai mobilisierten 2006 ihre Netzwerke für Gründungsdirigent Nicholas McGegan – die eine vor allem in Kalifornien, wo McGegan seit 1985 das Philharmonia Baroque Orchestra leitete, die andere bis nach Amsterdam zum Orchestra of the 18th Century. Aus diesen beiden Adressen kam der Stamm, dazu Stimmen aus Les Arts Florissants, der Akademie für Alte Musik Berlin, Concerto Köln und dem Freiburger Barockorchester. Eine Versammlung Erster Liga – und drei Wochen Zeit, daraus ein Orchester zu machen. Drei Künstlerische Leiter haben dieses Wagnis geformt: McGegan (bis 2011), Laurence Cummings (2012–2021) und seit 2022 George Petrou. Am Mittwochabend stand Petrou am Pult, vor sich ein opulent besetztes Festtagsorchester von über vierzig Spieler:innen, darunter Veteran:innen, die für den Geburtstag extra zurückgekehrt waren.

Rameau, der nicht ganz auflodern wollte

Den Auftakt machten Auszüge aus Jean-Philippe Rameaus „Les Indes Galantes" – jene Ballettoper, in der das Wetter zur Hauptdarstellerin wird. Donnerblech, Windmaschine und allerlei Schlagwerk waren denn auch die Momente, in denen sich der Saal sichtbar belebte: Die Geräuschdramaturgie zündete, das Publikum reagierte unmittelbar. Dazwischen aber nahm das Konzert Rameau eher ernst, als ihn zu feiern. Die Tanzpattern, die Rameaus Idiom prägen, waren mehr zu hören als zu fühlen; das Federnde, Übermütige, das diese Musik trägt, kam an diesem Abend nicht vollständig durch.

Bach: das Air als heimlicher Höhepunkt

Bachs Orchestersuite Nr. 3 BWV 1068 folgte – und mit ihr jenes berühmte Air, in dem für einige Minuten alles da war: schwebende Linien, eine Atmung, die sich auf die letzte Reihe übertrug, jene Wolke, von der das Orchester selbst gern spricht und die nur entsteht, aber nicht hergestellt werden kann. Es ist immer wieder dieses kurze Stück, in dem Bach das Orchester findet – oder umgekehrt.

Nach der Pause: Bach Nr. 4 und das Feuerwerk

Mit der Orchestersuite Nr. 4 BWV 1069 nach der Pause hätte man dem FOG den charakteristischen Barock-Swing besonders gewünscht, der das Ensemble sonst auszeichnet – an diesem Abend blieb er etwas verhaltener. Erst Händels „Music for the Royal Fireworks" brachte dann das, was man von einem Galakonzert erwartet: Pauken und Trompeten in voller Festtagspracht, ein Klang, der den Saal füllte und endlich auch die Stimmung mitnahm.

Händel 14.05.2026 386 200x200 Händel 14.05.2026 429 200x200 Händel 14.05.2026 445 200x200

»Parea« – der Schlusspunkt, der zum Mittelpunkt wurde

Den eigentlichen Abschluss des Konzertteils bildete eine Uraufführung. Die FOG-Cembalistin Hanneke van Proosdij hatte für das Jubiläum eine Auftragskomposition der Internationalen Händel-Festspiele geschrieben: „Parea". Das griechische Wort bedeutet so viel wie Freundeskreis, gemeinsame Runde – und es ist kein Zufall, dass eine niederländische Komponistin sich für ein griechisches Wort entscheidet, wenn am Pult der griechische Petrou steht. Van Proosdij kennt die Qualitäten ihrer Kolleg:innen wie wenige sonst. Sie verteilt das musikalische Geschehen so, dass jede Stimmgruppe ihre eigene Farbprobe bekommt. Berührend besonders ein Dialog zwischen Konzertmeisterin Elizabeth Blumenstock und Phoebe Carrai am Cello – beide Frauen der ersten Stunde, Carrai war in den letzten beiden Spielzeiten nicht dabei und kehrte für das Jubiläum zurück. Zwei Stimmen, die sich seit 2006 kennen und die sich an diesem Abend Worte zuspielten, für die man nicht mehr proben muss. Es war der innigste Moment des Konzerts – und ein klüger gesetzter Schlusspunkt als jedes Feuerwerk. Das Publikum applaudierte stehend, ehrlich beglückt – ein Orchester wird zwanzig, das verdient Begeisterung.

Der Abend gehörte den Foyers

Doch die eigentliche Parea fand danach im Foyer statt. In drei kurzen Programmen zeigten Mitglieder des FOG, was sie miteinander verbindet, wenn kein Dirigent am Pult steht. „REELING IN THE FOG" mit Brian Berryman (Travers-Flöte), Catherine Aglibut, Dáša Valentová, Jarek Thiel und Hanneke van Proosdij brachte irischen und schottischen Folk aus Händels Zeit und heute. „JAZZY RIFFS" wurde zur kammermusikalischen Spielwiese für Gregor DuBuclet (Gesang), Henning Vater (Violine) und – als Gast – Christoph Engel am Piano. Und „MUSICA GLOBUS" mit Milos Valent, Dáša Valentová, Peter Spišsky, Jarek Thiel, Mauro Zavagno und Jan Rokyta verband Telemann mit traditionellen Tänzen aus der Slowakei, Mähren, Deutschland und England. Hier passierte, was im großen Saal nur in Momenten gelang: gemeinsames Spielen mit dem ganzen Körper. Moderator Volker Muthmann brachte es mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Das passiert eben, wenn man alle Orchestermitglieder Jahr für Jahr in dasselbe Hotel steckt, wo sie sich gegenseitig bekochen, abends zusammen den Tag ausklingen lassen und auch gemeinsam musizieren."

Geburtstagsfazit

p>Es war ein Geburtstag in zwei Akten – beide gehören zu diesem Orchester. Der große Konzertabend, in dem das FOG seit 20 Jahren seine Maßstäbe setzt, mit dem Air und der Uraufführung als Höhepunkten. Und der Foyer-Klang, der sonst nicht zu erleben ist, weil er nur entsteht, wenn dieselben Menschen für drei Wochen unter einem Hoteldach leben. Beides hat dieses Orchester seit 2006 zusammengehalten, beides gehört zu seinem Selbstverständnis. Dass beide Seiten an diesem Abend nebeneinander zu erleben waren, war das eigentliche Geburtstagsgeschenk.

+Hintergrund

Wieso die Festspielorganisation und das Orchester nicht dasselbe sind, woher die Idee eines „eigenen" Festivalorchesters überhaupt kam – und welche Rolle die drei Künstlerischen Leiter für die Klangsprache des FOG gespielt haben.

+Hintergrund

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