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Göttinger Frühjahrslese

Der rasenden Welle des Wahnsinns standhalten

Kristina Lunz mit ihrem Buch »Empathie und Widerstand« zu Gast im Literaturhaus

Kristina Lunz im Literaturhaus Göttingen | © Photo: Kratzsch

Der Göttinger Literaturherbst und das literarischen Zentrum Göttingen haben zum Festival »Göttinger Frühjahrslese« die Aktivistin, Unternehmerin und Autorin Kristina Lunz eingeladen. Viele Menschen haben sich am Samstag Abend im Literaturhaus eingefunden, um dieser ausgesprochen interessanten Lesung zu lauschen. Nach der Begrüßung durch Gesa Husemann teilt Kristina Lunz im Gespräch mit Kulturwissenschaftlerin und Autorin Madita Oehming Erlebnisse, Ansichten, Erfahrungen und Erkenntnisse mit einem neugierigen Publikum.

Nicht zuzulassen, „dass die stetige, rasende Welle des Wahnsinns [die eigene] Menschlichkeit abnutzt“, der Irrsinn und die Komplexität der Herausforderungen unserer Welt uns lähmen. Dazu bedarf es einer Haltung, die die unauflösbare Verbindung aller Menschen über Zeit und Raum und alle identitären Grenzen, wie Gender, Race und soziale Herkunft hinweg erkennt, annimmt und daraus eine Verantwortung für das eigene Handeln ableitet. 

An die Stelle der Konzentration auf die eigene Identität und starres Festhalten an Ideologien oder eigenen Überzeugungen, setzt Kristina Lunz ein Prinzip des Universalismus, welches betont was uns als Menschen verbindet, nicht was uns trennt. In diesem Prinzip spielt Menschlichkeit im Sinne mitfühlender „Empathie, Freundlichkeit, Güte und Rücksicht anderen Personen und Lebewesen gegenüber“ eine zentrale Rolle. Es ist eben diese Haltung mit der Kristina Lunz der Welt begegnet und konstruktiv an der Veränderung eines patriarchal geprägten Status Quo mitwirkt. Ihr Einsatz für Menschenrechte, die Gleichberechtigung der Geschlechter, Eindämmung des Klimawandels, Schaffung und Erhaltung des Friedens ist bemerkenswert. Als Aktivistin bewegt sich Kristina Lunz auf politischem Parkett und zeichnet für die Implementierung eines feministischen Ansatzes in der Europäischen Außenpolitik verantwortlich. Lunz arbeitet(e) für die Vereinten Nationen und realisierte Projekte sowohl mit NGOs als auch mit einem breiten Netzwerk von Unterstützer:innen.  Sie ist Mitbegründerin und  Geschäftsführerin des Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP) und war bereits als Beraterin im Auswärtigen Amt tätig. Für ihr politisches Wirken ist Kristina Lunz vielfach mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet worden. Ihr Einsatz ist dabei geprägt von der Verbindung von  Empathie und  Widerstand (2024), die namensgebend für ihr neu erschienenes Buch stehen.

An diesem Abend gewinnen die Zuhörenden im Literaturhaus einen Eindruck von Kristina Lunz’ Leben, Schaffen und Wirken, von ihren Ansichten, Erfahrungen, Erlebnissen und Standpunkten. Das Gespräch mit Lunz führt Madita Oehming und es entspinnt sich dabei ein sehr persönlicher, von Humor geprägter Dialog, der zentrale von Lunz in ihrem Buch thematisierte Begriffe und Aspekte ebenso beleuchtet wie persönliche Erfahrungen der Autorin und ihre berufliche Laufbahn. Natürlich liest Lunz auch Passagen aus ihrem Buch, die weitere Eindrücke ihrer Gedankenwelt vermitteln.

Nach einer kurzen Beschreibung des wechselvollen Schreibprozesses ihrer Bücher, Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch (2022/23) und Empathie und  Widerstand (2024), enthüllt Lunz auf Oehmings Frage hin die Motivation für ihr Schreiben. Lunz erklärt dazu, dass sich ihr ersten Buch mit dem Was?, dem Warum? beschäftige, mit der Frage, was neu und anders gedacht werden muss, damit sich bestehende Verhältnisse, geprägt von Ungleichheit und Ungerechtigkeit, kriegerischen Auseinandersetzungen, einem Mangel an Empathie, dem Fehlen einer weiblichen Stimme und Handschrift in der internationalen und europäischen Außenpolitik verändern lassen. In ihrem neuen Buch behandle sie nun die Frage des Wie?. Es versucht eine Antwort zu finden auf die Frage, wie sich ein Wandel  politischer Diskurse mitgestalten lasse, und beschäftigt sich mit dem Finden einer eigenen Haltung und Position. Lunz versucht in diesem Zusammenhang nicht, abschließende Antworten zu geben, sondern betont die Notwendigkeit, die eigenen Überzeugungen stets zu hinterfragen, diese gegebenenfalls anzupassen und stets die Offenheit zu besitzen, von anderen zu lernen und von deren Wissen und Erfahrungen zu profitieren. Dazu dürfe man nicht  starr an Ideologien festhalten, sondern müsse vielmehr eine Ambiguitätstoleranz entwickeln, die auch andere Meinungen gelten lässt. Es gilt dem eigenen moralischen Kompass zu folgen, dabei jedoch auch klare Grenzen zu ziehen gegenüber menschenverachtendem oder gewaltvollem Verhalten, von Haltungen oder Weltanschauungen, die Menschen oder Gruppen marginalisieren und/oder diskriminieren. Es sei von jeglichem Dogmatismus Abstand zu nehmen. Ein Lernzuwachs und Fortschritt sei nur möglich, so Lunz, wenn man auch die Falsifizierung eigener Überzeugungen durch neue Erkenntnisse und Informationen nicht  für unmöglich halte und sich in eine zynische Haltung begebe, die Diskussionen erstickt.

Diese Ansichten fließen ein in den Prozess des Peace-Building, der ebenfalls einen Schwerpunkt der Arbeit von Kristina Lunz bildet. Sie erklärt auf Oehmings Frage zu diesem Punkt, dass sie aggressiv kriegerisches und gewaltvolles Verhalten klar ablehne und es eine wichtige Frage sei, wie wir zu einem dauerhaften Frieden gelangen können, während sich Nuklearwaffen in den Händen von Massenmördern befinden. Abrüstung stellt für Lunz eine Notwendigkeit dar. Zur Erreichung dieses und anderer Ziele gehört die Verbindung zu Allianzen, um gemeinsam und solidarisch auf Ergebnisse hinwirken zu können. Solidarität kann besonders unter widerständigen Frauen fruchtbar sein, um Sexismus, Ungleichheit und Unterdrückung entschieden entgegenzutreten und Veränderungen zu bewirken.

Madita Oehming und Kristina Lunz führen ein offenes Gespräch über Rollenmuster, Empathie und Widerstand und nicht zuletzt über die politischen Auseinandersetzung im medialen Raum einer digitalisierten Welt. Während, wie Lunz betont, das kollektive Gedächtnis zu wenig Beispiele widerständiger Frauen beinhaltet, sehen sich Frauen, die sich selbstbewusst, öffentlich für feministische Ziele auch politisch einsetzen, in sozialen Netzwerken extremen Beleidigungen, Angriffen, Drohungen und Schmähungen ausgesetzt. Auch Kristina Lunz sieht sich gerade in emotional geführten Diskussionen in sozialen Medien diesen Belastungen ausgesetzt. Sie erklärt, dass sie nicht mit Wut und Empörung reagieren möchte, sondern versucht zu deeskalieren. Hilfe erhalte sie durch ihren Coach und Freunde. Es sei manchmal schwierig ruhig und konstruktiv  zu bleiben.

Kristina Lunz hat mit Empathie und Widerstand ein wichtiges und ermutigendes Buch geschrieben, dass dazu anregen kann, den eigenen Standpunkt zu überdenken, dass auffordert, sich für wichtige eigene und kollektive Ziele einzusetzen. Es begegnet dem Publikum in Kristina Lunz, eine sehr freundliche, aufgeräumte junge Frau, in deren Buch noch so viel mehr steht, als es hier nur in Ansätzen skizziert werden kann. Wir werden wahrscheinlich in den kommenden Jahren noch einiges von Kristina Lunz hören und sehen. Wir können uns glücklich schätzen, dass sich mutige Frauen, wie Kristina Lunz für eine friedvolle, gerechtere Welt, einen empathischen Umgang miteinander, visionär und widerständig einsetzen.

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