Jahresausstellung vom »Kreis 34« im Künstlerhaus Göttingen | © Photo: Fibiger
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Künstlerhaus

Sondierte Polaritäten

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»Kreis 34« Jahresausstellung
von Tina Fibiger, erschienen am 24. November 2024

Zum Abschluss einer schöpferischen Saison präsentiert sich nach dem BBK Südniedersachsen auch der »Kreis 34« mit seiner Jahresausstellung im Künstlerhaus. 25 KünstlerInnen der kreativen Gemeinschaft beteiligen sich mit neueren Arbeiten an der Werkschau, die am Sonntag eröffnet wurde. Auf ein thematisches Leitmotiv haben die »Kreis 34«-Mitglieder in diesem Jahr verzichtet, die mit Bildmotiven und Skulpturen, Fotografien und Materialexperimenten auf eine inspirierende Korrespondenz vertrauen.

Lesen Sie die Ansprache von Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger zur Eröffnung der Ausstellung.

Herzlich willkommen im Künstlerhaus zur Jahresausstellung Kreis 34 !

Für einen Einblick in die gemeinschaftliche Korrespondenz, auf die sich 25 Künstlerinnen und Künstler in diesem Räumen verständigt haben… für eine schöpferische Bilanz über Fragestellungen und Reflexionen, über bewegende Erfahrungen und schmerzhafte Erinnerungen, Momente von Experimentierlust und Aufruhrstimmung oder auch kontemplativ eingefärbte Impulse.

Nicht immer vermag sich eine Bildkomposition mit einer Zeichnung oder einer Fotografie zu verständigen, mit einer Skulptur, einer Assemblage oder einer Installation. Die unterschiedlichsten Werkstoffe können sich zwar produktiv aneinander reiben, in ihrer mitteilungsbereiten Wirkung, ihrer erzählerischen Vitalität und ihrer Berührbarkeit. Aber das bedeutet keineswegs, dass es dabei zu einer unmittelbaren Verständigung kommt, weil sie sich in dem, was die KünstlerInnen mit ihnen thematisch bekunden möchten, nicht einfach so preisgeben. Lieber verhalten sie sich störrisch und widerspenstig als suchten sie – wie auch die Künstler:innen, die sich an ihnen mitunter bis zur Erschöpfung abarbeiten – die Herausforderung... verbunden mit der Aufforderung, sieh zu und mehr noch, sieh hinein, was es da zu deuten gibt, um es vielleicht ein bisschen besser zu begreifen – lange, bevor es an das Verstehen geht.

Bei der Materialsprache möchte ich gern noch verweilen, weil sie in dieser Ausstellung in sehr vielen Stimmen und Stimmlagen zum Ausdruck und zur vertiefenden Wirkung kommt. Vielleicht sind Sie ja bereits im Eingangsbereich bereits auf das Ausstellungsdossier aufmerksam geworden, wo neben biografischen Anmerkungen auch Arbeitsprozesse und Konzepte beschrieben werden und welche materiellen Zutaten dabei eine Rolle spielen. Daran würde ich gerne anknüpfen – allerdings ohne sie jetzt an einzelnen Werken nochmal abzurufen, um mit Ihnen zunächst diese vieldeutigen materiellen Unruheherde zu erkunden. Was sie in der schöpferischen Verwandlung alles an assoziativen Kräften freisetzen und wie sie über die einzelnen Galerieräume hinweg oft sehr subtil miteinander korrespondieren, auch ohne eine thematische Korrespondenz auszuhandeln.

Es wäre ein Leichtes, sich jetzt hier im großen Saal auf Spurensuche zu begeben und sich über einzelne Motive und stilistische Kontraste anzunähern. Aber ich möchte damit im weißen Saal beginnen. Bei diesen skulpturalen Lichtspiegelungen, die Birte Körbel aus Alabaster geschaffen hat. Man könnte meinen, der Stein birgt ein paar gelehrte Köpfe und ihr ständig wechselndes Minenspiel, während sie einem erhellenden philosophischen Disput aushandeln. Sie haben dabei vermutlich nichts mit den Musikern der Latin Jazzband im Sinn, die sich in Sabine Lösings malerisch und digital bearbeiteten Momentaufnahmen so expressiv bestürmen. Und noch weniger mit den Assemblagen von Maria Truskolawska, wo die Glücksillusionen von Macht- und Überlebenskämpfen blutig aufgerieben werden und eine herrische Grimasse aus dem Bildraum drängt. Aber vielleicht würden sie in ihren erhellenden Reflexionen bei diesem »moment musical« von Pettra Biertümfel verweilen, die eine sanft dunkelnde Blaustimmung mit einem filigranen Schleier von Farbtönen bewegt. 

Wieviel an zerstörerischen Kräften hat bereits in diesem hölzernen skulpturalen Relikt gewütet, das Grete Mindermann-Lynen mit einer goldfarbenen Masse veredelt, bei dem sich jetzt anders verweilen lässt. Und welche emotionalen Höhenflüge und Abstürze durchdringen auch das dritte Auge dieser Frauengestalt mit der eingefärbten Hautpartie, die ihr Karl-Heinz Haselmeyer wie einen wachsamen Schatten für den inwendig bekümmerten Blick zur Seite stellt.

Malerisch, mit symbolischen Flammenspuren und einem Nest aus Drähten bannt Frank-Helge Steuer hier die Furcht vor einer drohenden Katastrophe, die auch nicht nur im weißen Saal mehrstimmig zu Sprache kommt. Wo sie sich dann an Lichtdurchfluteten Stimmen und Stimmungen reibt kann oder an einem Durchblick, der von dunklen Schatten bedrängt wird, während ein graziles Holzgewächs fast zu schweben scheint, und der Ausblick auf ländliches Idyll wie zur aufmunternd kontemplativen Verstärkung mit einem weiteren Panorama-Idyll collagiert wurde.

Vielleicht haben Sie sich bereits im Eingangsbereich von Daniela Rennebergs Tänzerin belebend bewegen lassen und von ihrer »Hommage à Pina Bausch« gelesen, die nicht nur die schwebende Gestalt mit Worten wie Liebe, Freiheit, Kampf und Sehnsucht gedanklich beflügelt, um sich dann diesen herrlich turbulenten Szenarien von Mina Farjadi zu widmen, die aus einem unerschöpflichen Fundus an alltäglichen und besonderen Materialien kleine, hintersinnige Schauspiele collagiert. Möglicherweise hat Ihnen das muntere Fensterbank-Quartett von Bernhard Preis ein bisschen spöttisch oder vorwitzig zugeblinzelt, obwohl Sie eigentlich gerade bei Christiane Christen andocken wollten und ihrer schwimmenden Aussicht auf Torún, bei der sie auch die historischen Gebäudekulissen mit malerischen Schwingungen bedacht hat, damit die an der Weichsel nicht nur standfest posieren. 

Es kann passieren, dass Sie sich unterwegs ganz unmittelbar von diesem rot aufleuchtenden Signal inmitten eines von Blaustimmungen gefluteten Unruheherdes angesprochen fühlen, um jetzt ohne weitere Seitenblicke im hintersten Galerieraum dem malerischen Diskurs von Peter Malcher zu folgen, der im großen Saal mit Arbeiten aus der Serie Kontakt beginnt.  Die Farbkörper, die er hier miteinander auf der Suche nach Berührung und Berührbarkeit in Beziehung setzt, wie sie sich einander annähern und wieder verweigern, verwickelt er dort in einen kriegerisch anmutenden Aufruhr, der von einem Hoffnungsschimmer durchdrungen wird. 

In diesem Ausstellungsraum werden Polaritäten sondiert, in denen die klassische quo vadis Frage anklingt. Auch in den Arbeiten von Anke Dilé Wissing, die harmonisch beschworene Verhältnisse mit symbolisch aufgeladenen Zutaten wie Brautschleier und Dornenkrone in Frage stellt und nach möglichen Zwischenräumen forscht, in denen Freiräume nicht nur verhandelbar, sondern auch lebensfähig und erlebbar sind. Da muten die Arbeiten von Andreas Tichy fast wie Sehnsuchtsorte an, in denen oft auch in sanft anmutenden Farbgesten um eine Vision gerungen wird

Man könnte von einem Echoraum sprechen, in dem die Quo-vadis-Frage thematisiert wird, weil sie den anderen Ausstellungsräumen ebenso nachdrücklich gestellt wird und dort weitere künstlerische Lesarten erfahrbar werden, die sich auch einer möglichen Polarisierung stellen. Gerade in der Begegnung von individuellen stilistischen und ästhetischen Konzepten, die einander immer wieder herausfordern und sei es in der thematischen Anamnese, die nicht immer verstörend sein will und dann für einen nachdenklichen Raum votiert. Für eine kontemplative Sprache in den Motiven oder für eine heiter beschwingende Komposition, die in den Farbgesten und den narrativen Formen berührt und den betrachtenden Blick gleichwohl vertiefen kann.

Vielleicht sogar für eine »terra incognita«, in der Friederike Hammers malerisches Blumenaufgebot auf seine Weise Spuren hinterlassen möchte. Sicherlich andere als Greta Mindermann-Lynens collagierte Fotografien »Intensives Blau« mit diesen launigen Vogelschwärmen oder Bernd Michael Hoffmanns berührende Farbkörper, wie sie aneinander entlangzugleiten scheinen und dabei eine Gefährdung ahnen. Und auch anders als Arash Garemanis Momentaufnahmen unterwegs in Lissabon, wo die Straßenbahn mühsam bergauf zu schnaufen scheint, während die dichte Häuserlandschaft für die Kamera schon fast ein bisschen pittoresk posiert. 

Anders mitteilen würde sich die belebende Atmosphäre, in der sich die Fülle an architektonisch komponierten Details in Ornamenten, Säulen und Balustraden nur ahnen lässt, in einer anderen malerischen Umgebung ebenfalls. Sei es in der Nachbarschaft von Anna Tarach, die ihre Blütenpflanzenkörper zu einer Landschaft im Lichtschimmer verwebt, die mit ihrem Wildwuchs an Formen und Verzierungen den klimatischen Zumutungen ausgesetzt ist. Oder dann mit Blick auf das globale Szenario in Digital Art Print von Oswald Krumbach, der die Unruherde im Säulenraum mäandern, zirkulieren und implodieren lässt.  

Das lebhaft pulsierende Lissabon korrespondiert in dieser Gemeinschaftsgalerie ebenso wie andere Werke mit weiteren Motiven an mehreren Schauplätzen und doch an einem Schauplatz ganz unmittelbar.  Dort spürt Wolfgang Hiltscher den Spuren existenziellen Verwerfungen nach, imaginiert sie in erodierenden Erdlandschaften, Flussläufen und Wolkenhorizonten, die sich vor den lichten Reflektionen verdunkeln und eine schmerzhafte Verlassenheit atmen. Manchmal dürfen noch Sterne am Finstergewölk funkeln oder auch Verszeilen, die einen sanften Schimmer hinterlassen.

Wo sich die schwarz-weißen Fotografien dieser Düsternis verweigern. die immer weiter auszuufern scheint, kontrastiert auch Gudrun Friedrich-Kopp die Atmosphäre mit ihrer sich aufbäumenden Welle, in der die Blaustimmungen noch nicht verblassen wollen. Die Warnsignale, auf die der Titel »fragil« deutet, wirken hier wie eine sanfte Mahnung, die nicht nur beklemmt, sondern belebende Einsichten für Aussichten einfordert. Auch solche, wie sie diese erschöpfte Gestalt in den Arbeiten von Ebtihal Hussein im Säulenraum ersehnt, oder die Frau, die auch ihren Körper mit Stolz gegen Armut und Elend behaupten möchte. Und wie der Junge mit dem müden Blick, den die Künstlerin aus Katar, in seinem Trotz posieren lässt, um sich wenigstens so den desolaten Lebensbedingungen für den Moment zu verweigern. 

Als ich vorhin von Aufruhrstimmen sprach, dachte ich auch an Ebtihal Hussein, die als neues Mitglied im Kreis 34 erstmals an dieser Gemeinschaftsgalerie teilnimmt, malerisch expressiv aufrührt und ihre kulturelle Identität thematisiert, wenn sie ihre künstlerische Arbeit mit einem politischen Diskurs verwebt. 

Für Christine Herbold-Ohmes ist die Jahresausstellung ebenfalls eine Premiere als neues Mitglied. Und das mit einer expressiven Materialsprache. die sich in ihren Arbeiten wie eine skulpturale Kraft entfaltet, die aus dem Bildraum drängt. In versteinert anmutenden Körpern, die sich wie Monolithen aus vielschichtigen Ablagerungen erheben und auch beim Anblick dieser Landschaft, wo eine massive Front zur Mauer wird, an der ein wolkiges Panorama haftet und neben dem Horizont auch die Niederungen bedrängt.  

Die Experimentierlaune, die sich bei der Erforschung von Materialien ebenso einstellt wie bei der malerischen Verdichtung mit Acryl und Tinte oder in Collagen und Assemblagen hat auch Ingrid Rosine Floerke aufs Neue beflügelt. Für Bilderzählungen, in denen jetzt literarische Relikte und verstaubte Verse umtriebig sind, die sich nicht an Stoffresten und Deko-Papier stören, selbst wenn sie dann von Farbstimmen umlagert werden oder für ein malerisches Capriccio sanft geflutet. 

Die Aussicht »Über den Wolken« ist immer noch so verführerisch, dass selbst die Bronzefigur, mit der Marina Böminghaus den freien Blick auf die luftigen Fantasieräume unterwandert, kaum trüben kann. Es sei denn, der Blick verweilt bei der reflektierenden Erdung in Bronze mit dem Titel »mindwatching« und fühlt sich dann vielleicht umso mehr von den Bilderzählungen in der unmittelbaren Umgebung angesprochen. Was sie jetzt an Gedankenwelten und Erfahrungen bekunden, und ob ihre Echos sich auch in anderen Werken aufspüren lassen. Beim Flanieren durch die Galerieräume, beim spontanen Innehalten und Entdecken, dass sich eine Bilderzählung erneut zu Wort meldet, dass sich weitere einmischen und dass sich auch die Skulpturen im weißen Saal untereinander nicht ruhig verhalten. Nicht, solange diese schöpferische Bilanz der Kreis 34 Gemeinschaft im Künstlerhaus so vielstimmig zirkuliert. 

Lassen Sie sich weiter überraschen, inspirieren und bewegen und schwärmen Sie einfach noch mehr weiter aus!

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