Deutsches Theater

Premierenkritik

Wenn von einem dramatischen Leuchtturmprojekt die Rede ist und dann auch noch aus dem Munde Mephistos, dann kann es sich nur um Welttheater handeln, so wie es Goethe mit seinem Faust ersann. Aber ist diesem diabolischen Zeitgenossen überhaupt über den Weg zu trauen, wie er jetzt im größten Hörsaal auf dem Campus von dieser einmaligen Gemeinschaftsproduktion wissenschaftlicher Institute im Dienste der Kunst schwärmt und von einem gewaltigen Aufgebot an Theatermachern?

Allzu lange hält die Euphorie dann auch nicht an, mit der Nikolaus Kühn seinen Mephisto für seinen ersten Auftritt ausgestattet hat. Leider rauscht jetzt kein wilder Bach in Richtung Bühne. Auch die Homunculus Kreation hat das Teststadium für die geplante Faust Performance nicht überlebt. Ein bitteres Ende nahmen offenbar auch die Gagenforderungen- und Verhandlungen und so outet sich der Schauspieler als letzter verbliebener Darsteller, der schließlich seinen Vertrag am Deutschen Theater erfüllen muss. Am liebsten möchte er den Zuschauern das Geld für die Eintrittskarten zurückgeben, anstatt diesen gigantischen Faust allein zu stemmen.

Die vorgeschlagene Absage ist natürlich Teil des Spektakels „Science and Fiction (Faust II)“, mit dem das Deutsche Theater auf dem Campus zunächst so unterhaltsame Verwirrung stiftet. Doch nachdem das Stichwort Geld gefallen ist, protestiert Sascha Münnich aus dem Auditorium und verwandelt die Vorstellung vorübergehend in eine kleine VWL-Vorlesung über die Welt des Geldes und wie sie aus wissenschaftlicher Sicht tickt. Dass Geld zum Tauschen da ist und damit in der Gesellschaft Arbeit, Werte und Konsumgüter in Relation gesetzt werden. Und was den möglichen Wert der Eintrittskarte betrifft, macht Münnich später noch eine ganz besondere Rechnung auf,

Der Göttinger Soziologe hat sich für diesen Abend mit Regisseur Jan Philipp Stange und Bühnenbildner Jakob Engel auf eine theatrale Forschungsreise über das kapitalistische Zeitalter und die Finanzkrise begeben, in der neben Spekulanten, Profiteuren und Mehrwertschöpfern eben auch Goethes Meisterwerk eine besondere Rolle spielt. Nachhaltig inspirierende Bedeutung hat vor allem die Szene aus Faust II, wo Mephisto die drohende Pleite eines Kaiserhofes mit der Erfindung des Papiergeldes meistert und auf die Goldreserven verweist, die auch als nichtgeborgene Bodenschätze Sicherheiten garantieren.

Während der wissenschaftlichen Performance über Goldhaufen, Warenkörbe und Geldströme, Schuldbeziehungen und Kreditverschreibungen liegt Nikolaus Kühns Mephisto natürlich weiter auf der Lauer. Er unterwandert die wissenschaftliche Expertise immer wieder mit Texten aus dem Drama, in denen Faust Erkenntnisgewinn einfordert, wissenschaftliche Rendite und Lebensgewinn. Den Ball nimmt auch der Soziologe auf, wenn er Goethes maßlos gierigen Forscher in das zeitgenössische Wirtschaftssystem einbettet, die nur noch von der Jagd nach materiellen Sicherheiten diktiert wird. Die Verbindungen zwischen Faust und VWL sind nicht immer so leicht nachvollziehbar und verwirren gelegentlich. Aber nach dem Crashkurs in Sachen Ökonomie bekommt das Publikum eine anschauliche Demonstration der Finanzblase und ihrem Kollaps, der kaum noch Verständnisfragen offenlässt.

Jetzt kommen die Theatermacher mit viel Fantasie und den allerschönsten Spekulationen zum Zuge und schmieden ihr Bündnis zwischen Wissenschaft und Fiktion.

Was wäre, wenn das gescheiterte Leuchtturmprojekt, wie es Mephisto beschrieben hat, doch funktioniert? Ganz sicher, wenn die Zuschauer plötzlich alle Vorstellungen stürmen und der Run auf die Karten nach oben treibt und wenn nach der halben Stadt schon bald das ganze Land darüber redet und die Faustinszenierungen überall boomen. Da wird am Ende sogar das globale Finanzkapital hellhörig für einen offenbar profitablen Geschäftszweig und vertraut auf eine fantastische Theaterblase, die einfach nicht platzen darf.

Dafür haben sich die Theatermacher bei „Science and Fiction (Faust II)“ auch ein wunderbar hintersinniges Finale einfallen lassen. Und wo nach Goethe alles am Golde hängt und zum Golde drängt, fragen sie lieber nach, was die Welt vielleicht noch zusammenhält und erklären sich zu kreativen Ruhestörern, die auf dieser Weltbühne gerne Stoff zum Nachdenken stiften und das sogar unterhaltsam.

Weitere Aufführungen sind am 3., 4., 5., 7., 24., 25. und 26. Mai 2019 im ZHG 011 der Universität Göttingen, Platz der Göttinger Sieben 4. Tickets für die Produktion gibt es hier im Ticketshop des Kulturbüros, an allen Eventim Vorverkaufsstellen und an der Theaterkasse des Deutschen Theaters.

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