Deutsches Theater

Was erwartet man von einem Politiker? Klare Argumentationslinien, gutes Fachwissen, ehrliche Aussagen, Herr der Lage zu sein. Nichts ist schlimmer als wenn ein Skandal das Urvertrauen in einen Politiker erschüttert und eine menschliche Schwäche den Schein der unfehlbaren Führungsraft zerbricht.

„Außer Kontrolle“ ist eine rasante Verstellungskomödie von Ray Cooney (übersetzt ins Deutsche von Nick Walsh), in der ein Minister verzweifelt versucht einen drohenden Skandal von sich abzuwenden. Das Stück hatte jetzt in der Regie von Antje Thoms Premiere im Deutschen Theater Göttingen.

Richard Kleiber (Christoph Türkay) schwänzt eine Parlamentssitzung, um sich fern von seiner Frau mit dem Sekretär des Oppositionsführers (Daniel Mühe) im Hotel zu vergnügen. Leider hat der Mann des Sekretärs, Rene (Roman Majewski), einen Privatdetektiv (Lutz Gebhardt) engagiert, der die beiden in flagranti erwischen soll. Doch das defekte Fenster der Hotelsuite erschlägt den Lauscher. Als Kleiber die Leiche entdeckt, befürchtet er, die Verständigung der Polizei könnte seine Affäre auffliegen lassen. „Noch ein Skandal und wir fallen hinter die Liberalen!“ Daher informiert er seinen Sekretär Georg Weber (Marco Matthes) von seiner Misere und erbittet seine diskrete Hilfe bei der Beseitigung der Leiche. Damit das aufmerksame Hotelpersonal ja nichts mitbekommt, bedarf es nur einer kleinen Notlüge, die sich jedoch in Windeseile zu einem schlecht gebauten Lügenwolkenkratzer auftürmt. Kleiber dirigiert eine Symphonie von falschen Informationen, erfundenen Identitäten, bizarren Verwechslungen und kompromittierenden Situationen. Egal wie herzhaft sich sein dienstergebener Sekretär Georg ins Zeug legt, irgendwann müssen sie sich eingestehen: alles ist außer Kontrolle.

Eingerahmt wird die Komödie von der sprachgewaltigen Beschreibung eines Weins, vorgetragen von der enthusiastisch gelangweilten Stimme des Hoteldieners. Das Loblied auf den erlesenen Tropfen, der in Wahrheit nur aus dem Tetrapack gezapft ist, ist das satirische Spiegelbild für den Schein, den ein Politiker um sich mit eloquenten Phrasen aufbaut.

Das Theaterstück lebt von der Situationscomic, die dem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Charaktere in skurrilen Situationen erwächst. Jeder Charakter ist fein gezeichnet und schauspielerisch unglaublich gut umgesetzt. Besonders unvergesslich sind die Darbietungen des Sekretärs Georg, der sich mit seinem feinbesaiteten Temperament in diesem Schlamassel sichtlich unwohl fühlt, und des schwerfälligen Hotelpagen Alfons Edgar von Mischwald (Paul Wenning), der mit seiner altersbedingten Gelassenheit, einen komischen Kontrapunkt zum Chaos um ihn herum setzt..

Das Bühnenbild ist optimal geschnitten, um das hektische Hin und Her von Begegnung und Verstecken in energetischen Szenen zusammenzuführen. Jan-S. Beyer untermalt mit pointierten Tönen live vom Synthesizer die Atmosphäre musikalisch und beschließt das Stück ironisch mit der Melodie von „Killing me Softly“.

Insgesamt überzeugt das Werk mit einer sehr dynamischen und detailverliebten Inszenierung von Antje Thoms, der hervorragenden schauspielerischen Leistung und einem Feuerwerk an Witzen. Lacher im Minutentakt sind garantiert. Das Besondere an dieser Farce ist ihre Realitätsnähe. Trotz aller Übertriebenheit fühlt man, dass so etwas auch im Niedersächsischen Landtag passieren könnte. Die Gratwanderung zwischen Lüge und Wahrheit, der gefährliche Handel mit Informationen und das Aufräumen von Leichen (bildlich gesprochen) taucht immer wieder im Umfeld der Politik auf. Das Stück ist sowohl denen zu empfehlen, die sich nach zwei Stunden Unterhaltung sehnen, als auch denen, die hinter die Fassade einer Komödie blicken wollen.

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