Theater im OP

Barocke Kostüme, gekünstelte Sprache, Gestik, Mimik versus Nacktheit. Zur Premiere des Stückes „Operette“ im Theater im OP in Göttingen wurde ein umfassendes Paket künstlerischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen geliefert. Die Inszenierung (Felix Lentge) hinterließ einen lauten Knall sowie ein leises Nachsinnen über die tiefere Thematik.

„Wie viele Frauen hab‘ ich zur Strecke gebracht?“, lautet die Frage des Grafen Charme (Aaron Fiess) an seinen Diener Adalbert (Georg Rakovszky). Es steht 257 gegen 256 gegen den Baron Firoulet (Oliver Eberhardt), Feind und Herausforderer des Grafen. Die neueste Eroberung soll das junge Albertinchen (Malin Ramswig) werden, die von ihrer Mutter stets „eine wahre Gottesstrafe“ genannt wird. Auch der Graf wird bald von der Forderung des jungen unschuldig aussehenden Mädchens überfordert sein: „Nacktheit!“. So lange Albertinchen nicht nackt sein darf, wird sie schlafen – ein stiller Protest.

Der Gegner der Nacktheit ist in diesem Stück der Vertreter der Mode. Maestro Fior (Tobias Wojcik) tritt als gefeierter Modeschöpfer auf und soll die obere Schicht mit stetig neuen Trends versorgen. „Denn was wäre, wenn der Plebs entdeckt, dass der Arsch der gleiche ist?“ – Entsetzen und Angst in den Gesichtern der Bourgeoisie. Es wird also ein Ball geplant, auf dem die neuen Kleider enthüllt werden sollen. Doch ein Störenfried stellt sich dem friedlichen Treiben der oberen Klasse entgegen: Graf Hufnagel (Matthias Hofmann) fordert eine Revolution im Galopp. Er will Faschisten und Mitläufer gleichermaßen rasend in die Knie zwingen. Der verwirrte Professor (Christopher Seltmann) leidet unter Selbsthass und der damit verbundenen ständigen Übelkeit. Er hasst sich selbst und hasst seinen Hass, so dass er regelmäßig spucken muss. Angetrieben von dieser Qual und dem Wunsch, endlich sterben zu dürfen unterstützt er den Revolutionär Hufnagel, der mit aller Härte und Gewalt gegen seine Feinde vorgehen möchte.

Mittendrin der verzweifelte Maestro, der doch eigentlich nichts Böses wollte, sondern vielmehr versuchte, das Verlangen seiner Umgebung zu befriedigen. „Schwindelnd schnell rast alles voran. Wohin?“ – Die Zukunft ist das, wovor sich der Maestro fürchtet – Trump und co. – „Wohin, wie, in welche Richtung?“, fragt sich der Maestro in einem einprägsam vorgetragenen Monolog. Tobias Wojcik schafft es, im Gefühl des Publikums zur Figur des Maestro einen Wandel zu bewirken: Anfänglich ist der Zuschauer beinahe gezwungen, eine gewissen Abneigung gegen den oberflächlich und naiv handelnden und denkenden Modeschöpfer zu empfinden. Doch dann wird deutlich, dass der Maestro die größte Identifikationsfläche bietet – er ist Mitläufer, der nie Böses will und dabei letztlich Probleme schafft. Seine Verzweiflung, seine Verwirrung, seine Angst vor der Zukunft, der Nacktheit und der Gewalt entspricht den wohl verbreiteten Ängsten vieler Gesellschaften.

Übersättigung und Langeweile führen schließlich zum Ausbruch aus allen Konventionen. Es kommt zu einer Art Orgie, bei der die Figuren wie wild auf der Bühne umherrennen. Hände berühren Körper; Lustschreie ertönen. Der Mensch befreit sich; die Nacktheit, die längst tot geglaubt war, erhebt sich wieder aus dem Sarg. Es stellt sich die Frage, warum – wenn die Befreiung von den Konventionen doch als tieferes Verlangen aller Figuren auf der Bühne dargestellt wird – lediglich die Schöne am Schluss die Nackte ist. Wenn der „[…] Arsch der gleiche ist […]“, sollte dann nicht ein solches Stück, das die Gleichheit in der Nacktheit propagiert, ein Vorbild sein?

Trotz der tiefgreifenden Probleme, die im Stück angesprochen werden, kann sich das Publikum vor Lachen kaum halten. Sowohl die herrlich gekünstelte Vortragsweise einiger Schauspieler als auch die Sprache bieten Anlass zur Heiterkeit. Bis zum 9. März 2019 können Freunde des Humors sowie der Tiefgründigkeit die Operette im Theater im OP in mehreren Aufführungen (jeweils um 20.15) sehen.

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