musa

Spätestens seit Jan Böhmermanns Persiflage Menschen Leben Tanzen Welt aus dem Jahr 2017 werden Lieder deutscher Pop-Musikerinnen und -Musiker auf den Prüfstand gestellt. Böhmermanns These: Diese Texte seien oft klischeemäßig, redundant und bestünden oftmals nur aus Floskeln. Sein Lied, dessen Fragmente von Affen zusammengesetzt wurden, erreichte durch die gezielte Kampagne der Sendung Neo Magazin Royale Platz 10 der deutschen Singlecharts und wurde vielerorts als Bestätigung der Vermutung gefeiert. Dass es abseits der großen deutschen Musikindustrie Ausnahmen gibt, das bestätigten der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und seine Vorband Yippie Yeah, die ihr Publikum in der Göttinger Musa gute zwei Stunden lang mit handgemachter Musik und komplexen Texten begeisterten.

„Das ist ja so gar nicht Yippie Yeah“, so der Kommentar einer Freundin nach dem ersten Lied der Band, die an diesem Abend ohne den dritten im Bunde, Peter Bartz, auftritt. Aber auch ohne ihn schaffen es die Sängerin Kristina Koropecki und die Cellistin Marlène Colle, ihr Publikum „in unser kleines Universum zu entführen.“ Musikalisch primär getragen durch ruhige Instrumentalsounds kommt die klare Stimme Koropeckis gut zur Geltung, wenn sie von melancholischen Großstadtgeschichten singt. Teilweise geht ihre Stimme fast in eine Art Sprechgesang über, der mit der musikalischen Untermalung bricht und den Kontrast zwischen zarter und brachialer Sprache noch verschärft. Diese Ambivalenzen spiegeln sich auch im Bandnamen wieder: „Vielleicht ist es ja auch schön, wenn alles vorbei ist“, so Koropecki zur zunächst irreführenden Namensgebung.

Diese ironisierende Verwendung positiv besetzter Sprache erinnert doch auch sehr an Gisbert zu Knyphausen, der seinem zweiten Album den programmatischen Titel Hurra! Hurra! So nicht. (2010) gab. Seine poetisierten Alltagsschilderungen füllen mittlerweile drei Alben, das erste erschien 2008. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat er sich in der deutschen Liedermacherszene einen Namen gemacht, dementsprechend gut gefüllt ist der Konzertraum der Musa. Auffallend ist, dass das Publikum sehr durchmischt ist: Von Mittzwanzigern über Rentnerinnen und Rentnern sind alle Altersgruppen dabei. Vielleicht liegt es an den Texten zu Knyphausens, die poetisierte Alltagsgeschichten erzählen, mit denen sich viele auf ihre individuelle Art identifizieren können. Vielleicht liegt es auch an der gefälligen und eingängigen akustischen Instrumentalisierung und der Stimme des Sängers mit diesem charakteristischen weichen und dann wieder reibenden Timbre, das live genau so klingt wie aufgenommen.

Von seiner Stimme hört man sprechend jedoch wenig. Zu Knyphausen ist nicht der Künstler, der viel mit seinem Publikum interagiert, sondern lieber seine Texte sprechen lässt. Wie sympathisch, dass einem so manche unbeholfenen oder gefälligen Kommentare gen Konzertbesucherinnen und -besuchern, wie man sie oft auf Konzerten erlebt, dadurch erspart bleiben. Die befriedigende Erkenntnis daraus: Seine Musik funktioniert auch ohne Erklärungen und Einführungen, die Texte funktionieren für sich, auch wenn man zuvor nicht mit seinen Liedern vertraut war. Wenn man sich allerdings schon mit ihnen auseinandergesetzt hat, so konnte man neben wiederkehrenden Leitmotiven auch Entwicklungstendenzen erkennen.

Seine Lieder sind gesetzter geworden. In Liedern wie Grau, Grau, Grau (2010) oder Flugangst (2008) sinniert er noch über das Verlorensein des Ichs in der Realität und verkündet energisch den Ausbruch aus dieser. Die neueren Texte hingegen kommen weniger rebellisch daher – auch wenn die Sprache ihren typischen rustikalen und poetischen Charme beibehält – und akzeptiert den Jetzt-Zustand viel eher. „Ja, so soll es sein. So leicht, so schön, so frei“, singt zu Knyphausen das Lied Unter dem hellblauen Himmel (2017) innig ins Mikrofon und das Publikum fühlt es mit, so wie es bei den lauten Verkündungen zum Aufbruch in Bewegung gerät.

Nach 100 Minuten und drei Zugaben sind die emotionalen Wechselbäder dann vorbei. Ein gelungener Konzertabend, der sicherlich bei vielen einen längeren Nachklang erzeugte und bewies, dass deutsche Texte alles andere als stumpf sein können.

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