Literaturherbst

Zugegeben: Der Rezensent hatte seine Hausarbeiten nicht gemacht, und kam infolge dessen etwas unvorbereitet zur Lesung von Stephan Thomes neuen Roman „Gott der Barbaren“. Im Zuge des 27. Göttinger Literaturherbstes stellte Thome vergangenen Donnerstag (18.10.) sein neues Buch im Haus des Geistes vor. Der Raum erschien etwas klein, war jedenfalls vollständig ausverkauft, ließ dafür aber ein wenig die Erinnerungen an universitäre Seminarveranstaltung aufleben. Nur eben ohne Tische. Der Abend war dann auch eher eine Mischform aus Lesung, Gespräch und Vortrag, denn neben dem Sinologen und Romancier Stephan Thome befand sich noch der Literaturwissenschaftler Prof. Daniel Göske auf dem Podium. Das erwies sich aber gerade für jene, die mit ihrer Lektüre entweder noch nicht begonnen oder noch nicht fertig waren, als ein sehr dankenswertes Grundkonzept.

Der historische Roman, wie die Zuhörerschaft erfuhr, verhandelt den christlich-fundamentalistisch geprägten Taiping-Aufstand chinesischer Bauern gegen das chinesische Kaiserreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zwischen -Achtung- 16 bis 30 Millionen Menschen das Leben kostete. Dem Rezensenten werden krasse Bildungslücken jenseits seines kleinkontinentalen Wissenstellerrandes unangenehm bewusst. Und das obwohl neben dem fanatischen Konvertiten Hong Xiuquan, der als Aufrührer und Anführer des Aufstands gegen die Qing-Dynastie sturmlief (wobei die meisten seiner Anhänger weniger aus fundamentalistischem Interesse als vielmehr wegen innerpolitischen Beweggründen mitzogen), wieder einmal die üblichen Verdächtigen mit im Knäul von historischer Verirrung, Gewalt und Katastrophe dabei waren. In diesem Zusammenhang also schon fast selbstverständlich, handelt Thome’s Roman auch von Engländern, Franzosen und Deutschen – kurz, vom europäischen Kolonialterrorismus.

Nach dem der historische Hintergrund des Romans in groben Zügen umrissen war –was sich bei einem solchen Thema dann doch als umfangreich und wie hier unter Erwähnung mancher (wirklich interessanter) Details zeitigt- las Thome erstmals vor. An diesem Abend wurden drei Figuren aus dem Buch vorgestellt, die wie drei Sonden die Zuhörerschaft in den über 700 Seiten starken Roman eintauchen ließen und neben der Komplexität der historischen Verwobenheit auch einen Eindruck gaben von den unterschiedlichen narrativen Verfahren die dem Roman zu Eigen sind.

Man hörte von einem jungen deutschen und gescheiterten Revolutionär (1849), der eher zufällig als Missionar in Südost China gelandet war und darauffolgend als –es steht wirklich im ersten Satz des ersten Kapitels. Kein Spoiler- verstümmeltes Opfer seine Sicht auf die Geschehnisse des Bauernaufstandes schildert. Man hörte von der historisch verbürgten Figur Lord Elgin, der als britischer Sonderbotschafter die Wirtschaftsbeziehungen des Empires mit dem Kaiserreich China wieder herstellen sollte; mit Kanonen und Soldaten. Und man hörte vom ebenfalls historisch verbürgten Oberbefehlshaber Zeng Guofan der eine Armee erschuf, die nicht nur den Rebellen gefährlich wurde, sondern auch den Kaiser um seine Macht fürchten ließ.

Worauf aber besonders hingewiesen wurde ist die verblasste Konturschärfe zwischen den Begriffen Zivilisation und Barbarei. So stört sich das morgendliche Bibellesen, das abendliche Cello spielen, diese ach so wunderbare Hochzivilisiertheit –wie der Roman an einer europäischen Figur zeigt- ganz und gar nicht an dem, wie es im Text heißt, wieder einmal stattfindenden „melancholischen Gemetzel“, dass man mit neuster Waffentechnik an den Chinesen verrichtete. Auf der anderen Seite aber zeigt sich ebenfalls der chinesische Oberbefehlshaber –ungeheuer gebildet, gelegentlich Verse reimend- recht unbekümmert dabei 16.000 Zivilisten sozusagen in Handarbeit einzeln mit dem Schwert hinrichten zu lassen; aus wohl logistischen Überlegungen heraus.

Stephan Thome lebte mehrere Jahre in Taiwan und reiste für die Recherchen viermal nach China. Er beherrscht die chinesische Sprache derart, dass er mit den unterschiedlichen grammatischen Syntax- und Zeichenregeln Übersetzungsproblematiken in subtile Sprachspiele verwandeln kann, wie er bei der Lesung zeigte. Die Auflistung könnte noch etwas fortgeführt werden. Aber um es kurz zu machen: Potenzielle Leser werden in seinem Roman also sehr wahrscheinlich nicht nur eine Unmenge gut recherchierter Informationen zu und über ein in jeder Hinsicht gewaltiges Stück Geschichte lesend erfahren können/müssen, sondern vielleicht noch etwas ganz anderes, dass u.a. mit den abnehmenden Konturen und dem daraus resultierenden sich Verlieren irgendwie in Beziehung steht, was wiederum eigentlich eine sehr gute Erfahrung ist.

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