Literaturherbst

Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat die Bibel neu gelesen und sie als „Buch der Flucht“ entdeckt. So lautet auch der Titel seines Buches, in dem er sich in 40 Stationen durch das Alte und Neue Testament bewegt. Und so begann er seine Lesung mit dem Anfang aller Anfänge: der Vertreibung aus dem Paradies, die er als eine Geschichte des Erwachens des erwachsenen Bewusstseins beschrieb. Er ergänzte die ausgewählten Bibelstellen interpretierend und erläuternd und schuf so einen ganz eigenen Mikrokosmos. Er stellte historische Zusammenhänge dar und zeigte auf, welche realen Erfahrungen von Zerstörung, Flucht und Exil den biblischen Texten zugrunde liegen. Auch nicht biblische Texte wie die Stadtklage der Göttin von Ur, die stellvertretend für viele ähnliche Texte aus dem Alten Orient stand, wurden mit eingebunden.

Zwischen den einzelnen Stationen wurde gleichsam kommentierend und interpretierend musiziert. Stefan Kordes eröffnete den Abend an der Orgel mit Praeludium und Fuge g-Moll von Johannes Brahms und spielte im Verlauf des Abends noch Werke von Louis Vierne und Nicolas de Grigny. Abgelöst wurde er vom Trio d’anches (Matthias Weiss, Oboe, Manfred Hadaschik, Klarinette und Ömür Kazil, Fagott), die Stücke von Jaques Ibert, Wolfgang Amadeus Mozart und Darius Mildhaud zum Programm beitrugen. Während die Musik erklang, wurden parallel die Photographien aus den Jahren 1860 -1950, die das Buch illustrieren, in loser Folge projiziert und korrespondierten mit den Klängen und den zuvor gehörten Texten. Allerdings wurde durch die zeitliche Beschränkung und die historisierenden schwarz-weiß Abbildungen ein Abstand zu den aktuellen Flüchtlingsthemen in vielen Ländern der Erde geschaffen. Darunter unter anderem natürlich auch genau die Weltgegend, in der die Texte der Bibel entstanden.

Ein bildungsbürgerlich, stimmungsvoller Wohlfühlabend. Wohlfühlabend deshalb, weil er sich seinem Thema Flucht nur auf sehr abstrakte und distinguierte Weise angenähert hat und die aktuelle Wirklichkeit ausgeblendet hat.

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