Literaturherbst

Nach der Preisverleihung am vergangenen Montag befindet sich Inger-Maria Mahlke in einem Lesemarathon. Auch die Anfragen nach Interviews reißen nicht ab. Aber darüber sie möchte an diesem Abend im Alten Rathaus lieber nicht weiter nachdenken. Noch genießt die Hamburger Schriftstellerin das Überraschungsgefühl, für ihren Roman „Archipel“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden zu sein. In die entspannte Atmosphäre passt auch der Hinweis von Moderator Stephan Lohr, dass das Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro steuerfrei sei. „Danke für den Tipp“ scherzt die ausgebildete Juristin. Zur Einstimmung auf das Gespräch und die Lesung zitiert Lohr auch gern aus der Begründung der Jury, die die schillernden Details hervorhob, die den Roman zu einem eindrücklichen Ereignis machen. Dass das Alltagsleben, eine beschädigte Landschaft aber auch das Licht in der Sprache sinnlich erfahrbar würden. Faszinierend sei der Blick der Autorin für die feinen Verästelungen in familiären und sozialen Beziehungen.

Schauplatz des Romans „Archipel“ ist die Insel Teneriffa, wo Mahlke das Portrait von drei Familien über mehrere Generationen mit der Geschichte Spaniens verwebt, den Nachwehen des Kolonialismus, der Ära des Faschismus und des Franco Regimes. Auch die Entwicklung des modernen Massentourismus und die Vernichtung natürlicher Inselressourcen kommen dabei zur Sprache. Doch Lohr, der sich auch für die Programmgestaltung des Literaturherbstes engagiert, forscht zunächst in der literarischen Biografie der Preisträgerin, die bereits für ihr literarisches Debüt „Silberfische“ ausgezeichnet worden war. Das damalige Jurymitglied Lohr outet sich gern als Fan der Autorin, die erzählt, dass mit der Entscheidung des Aufbau Verlages für ihren ersten Roman klar war, dass sie künftig nur noch als Autorin arbeiten würde. „Archipel“ ist ihr vierter Roman, dessen Entstehungsgeschichte sich ebenso faszinierend und verwickelt darstellt, wie die Struktur ihrer Erzählweise. Wo Lohr nach den familiären Spuren fragt, die Mahlke dabei aufgearbeitet habe und warum es erst jetzt dazu gekommen sei, berichtet die Buchpreisträgerin zunächst von ihrer Großmutter, die viel Zeit im Norden der Insel verbracht habe, dass sie aber erst 2015 an den Stoff heranwagte als sie glaubte, ihn wirklich zu beherrschen. Beherrschen meint in diesem Fall auch das Zusammenwirken von Recherchen zur Inselgeschichte und den historischen Dokumenten mit den Stimmen, die sie aus den Geschichten der Inselfamilien destilliert hat. „Ich lese erst mal“, erklärt die Schriftstellerin und dass sie das Gelesene sacken lasse, bevor es an das Formen und Gestalten gehe.

Der Roman „Archipel“ beginnt in der Gegenwart, um sich mit jedem Kapitel und jeder Detailaufnahme von Familienbeziehungen, politischen und sozialen Konflikten weiter auf die Vergangenheit zuzubewegen, bis zurück in das Jahr 1919. Ihre Inselbewohner werden immer jünger. Das hat natürlich auch Einfluss auf ihre Erinnerungen, wie sie naheliegende und weit entfernte Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen haben, Sie geben dem Roman auch den Charakter eines Vexierbildes, das sich aus Geschichtssplittern zusammensetzt, die bei jeder Drehung anders aufleuchten.

Diese rückwärtsgewandte Chronologie widerspricht wiederum dem Schreibprozess, dem Mahnke als „langsames Puzzeln“ beschreibt, wo sie Szenen, Textfragmente, Dialoge und historische Exkurse aus allen Zeitzusammenhängen gesammelt und dann wie eine Collage zusammengesetzt hat ,um dabei nach Spannungsverhältnissen Ausschau zu halten: Wie sie sich zwischen den ständig wechselnden Schauplätzen und den widersprüchlichen Zeitstimmen und ihren Erfahrungen entwickeln.

In den kurzen Romansequenzen, die Mahnke liest, klingt immer wieder das Juryvotum von den schillernden Details an. Die Zuhörer verweilen bei Philippe, einem zahlreichen Protagonisten des Romans von dem es heißt, er habe nichts zu tun. Es sei seine einzige Aufgabe, nüchtern zu bleiben. Die literarische Nahaufnahme wird hier zu Bewegungsstudie über einen Körper, der sich übersättigt Langeweile und Müßiggang kaum aus seiner Starre zu lösen vermag. Bei der kleinen Rosa, die Mahnke auf ihrer Flucht von einer Familienfeier nach draußen und in eine zerklüftete Landschaft begleitet hat, findet sie nicht nur für jeden Stein und jede Unebenheit ein Bild sondern auch für die Gerüche, die das Kind wahrnimmt, während sie in dessen Gedankenwelt hinein lauscht.

Die Zuhörer erleben an diesem Abend eine Buchpreisträgerin, die auch mit ihrer Stimme bekräftigt, was für ein Leseabenteuer sich mit ihrem Roman „Archipel“ verbindet. Sie liest, als ob sie ihren Figuren weiterhin gern gut zuredet, etwas von sich zu erzählen, was ihnen gerade durch den Sinn geht, was sie tun wollen oder müssen und wann sie sich lieber verweigern würden.

„So blättert man durch 100 Jahre wie durch ein Album voll schmerzhaft schöner und genauer Bilder“, heißt es in der Begründung der Buchpreisjury. „Sieht Abkömmlinge der spanischen Konquistadoren und Majestätische Putzfrauen, Aufstieg und Fall, Liebe und Korruption“. Schon die wenigen Seiten aus diesem Inselalbum, in dem Inger-Maria Mahkle mit Stephan Lohr im Alten Rathaus blätterten. machen neugierig auf weitere Bilder aus Teneriffa, seine Menschen und ihre Geschichten.

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