Literaturherbst

Am Sonntag wurde dem Publikum des Göttinger Literaturherbstes eine ganz besondere Ehre zuteil, kam es doch noch vor der offiziellen Buchpremiere in den Genuss von Lesepassagen aus Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“. Im ausverkauften DT und im Gespräch mit Joachim Dicks, Literaturredakteur des Senders NDR-Kultur, sprach sie über das „leise Verschwinden“ einer ganz eigenen Welt: Den Veränderungen und der Vergänglichkeit kleiner Dörfer durch die Auswirkungen der Flurbereinigung in den 70er Jahren.

Joachim Dicks Frage nach der genauen „Geburtsstunde“ der Idee für ihren neuen Roman kann Dörte Hansen nur zögerlich beantworten, so habe es eine solche im eigentlichen Sinne nicht gegeben, jedoch existierte der „Stoff“ schon vor ihrem Bestseller „Das alte Land“ und sie habe gewusst, dass sie darüber einen Roman verfassen möchte. Mit „Mittagsstunde“ verfolgt Dörte Hansen die Intention, charakteristische Elemente des alltäglichen ländlichen Dorflebens, die vor allem auch aus ihrer eigenen Erinnerung erwachen, vor dem Vergessen zu bewahren und lebendig zu erhalten. Sie präsentiert hier keinen autobiografischen Roman, wohl aber einen Heimatroman in dessen Mittelpunkt das nordfriesische Geestdorf Brinkebüll steht.

Auf einer vergangenen und einer gegenwärtigen Erzählebene zeichnet Dörte Hansen die Veränderungen des kleinen Örtchens und seinen interessanten wie eigenwilligen Bewohnern nach. In drei Lesepassagen stellt sie die einzelnen Protagonisten vor; liebevoll beschreibt sie die unterschiedlichen Persönlichkeiten und die Atmosphäre im Dorf. In den 60er Jahren steht die die 17-jährige, Schlager liebende Marret Feddersen im Mittelpunkt, die davon überzeugt ist, Zeichen des Weltuntergangs wahrzunehmen, das Dorf mit ihren Vorahnungen auf Trab hält und daher von allen Marret „Ünnergang“ genannt wird. Skurril erscheint auch der strenge Dorflehrer Steensen, der mit Reformpädagogik und jeglichen schulischen Neuerungen auf Kriegsfuß steht, seinen Schülern jedoch ihre „Bauernsprache austreiben will“ und deswegen Plattdeutsch im Unterricht verbietet.

In einer dritten Lesepassage stellte Dörte Hansen schließlich den Hauptprotagonisten, Ingwer Feddersen vor, der uneheliche Sohn von Marret „Ünnergang“, der Brinkebüll für sein Studium verlassen hat. Im Alter von 47 Jahren kehrt er für ein Jahr in sein Heimatdorf zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Die Veränderungen im Dorf sind für ihn nicht zu übersehen, zudem sieht er sich mit Gefühlen von „Illoyalität“ und Schuld gegenüber denjenigen konfrontiert, die er zurückgelassen hat. Die Ambivalenz zwischen dem Wunsch, das Dorf zu verlassen, sich aber gleichzeitig danach zu sehnen, ist dabei auch ein verbindendes Element zwischen Ingwer Feddersen und Dörte Hansen selbst, wie sich im Gespräch mit Joachim Dicks herausstellte. Auch das Thema Musik spielt eine besondere Rolle, worauf schon die zahlreichen Liedertitel in den Kapitelüberschriften hinweisen – aber dies gilt es vor allem in eigener Lektüre zu erkunden.

Es ist eine Mischung aus Witz, Charme und Melancholie, die Dörte Hansens „Mittagsstunde“ lebendig werden lässt, intensiv durch das Einbringen der plattdeutschen Sprache, die auch im Laufe der Lesung immer wieder zu äußerst heiterer Stimmung beitrug, dennoch aber nicht davon ablenkt, dass die Lebendigkeit aus zahlreichen kleinen Dörfern wie Brinkebüll innerhalb von nur 50 Jahren entschwunden ist. Auch die aus Husum stammende Dörte Hansen ist mit der plattdeutschen Sprache groß geworden. Sie gesteht offen, nur auf Plattdeutsch zu schimpfen und auch Selbstgespräche nur auf „Platt“ zu führen. Die studierte Linguistin liebe es, sich mit Sprache, insbesondere mit den „kleinen“ Sprachen und ihrer Entwicklung, auseinanderzusetzen, was in ihrem Roman intensiv zum Ausdruck kommt. Immer wieder spielt sie mit der traditionellen Sprache und setzt sie auch als wirkungsvolles Mittel in der Lesung ein. Das Göttinger Publikum zeigte sich durch die heitere Atmosphäre begeistert, insbesondere während der letzten Lesepassage, dem Kapitel „Ich tanz mit dir in den Himmel hinein“, auf dessen Lektüre alle Leser gespannt sein dürfen. Ein schöner Abschluss und eine gute Einstimmung auf den Roman, der ab heute in den Buchläden zu erwerben ist.

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