Literaturherbst

Zum 27. Göttinger Literaturherbst stellte der stets produktive Künstler Heinz Strunk sein neustes Werk „Das Teemännchen“ in der musa vor. Dieses enthält eine Sammlung kurzer Geschichten: laut Strunk 50 depressive Miniaturen, für die selbstverständlich gilt: „All killer, no filler“.

Geschöpft wird dabei aus einem reichen Spektrum von Alltagsbeobachtungen, die ihre Grundlage vornehmlich in den Existenzen von Verrückten, Armen, Ausgestoßenen und generell eher unglücklich verlaufenden Lebenswegen finden. Strunk ist sich der Ernsthaftigkeit seiner Geschichten durchaus bewusst, schafft es durch seinen Erzählstil aber dennoch auf einem schmalen Grat zwischen Tragik und übersteigerter Absurdität zu balancieren und führt seine Leserinnen und Leser damit gekonnt in einen Zwiespalt zwischen Anteilnahme und Galgenhumor. Die Stimmung im Publikum der restlos ausverkauften musa neigte eher zu letzterem, denn Strunks Geschichten strotzen nur so vor Witz und übermütigen Einfällen, wobei auch die traurigen Momente durchaus gewürdigt wurden und das sonst sehr präsente Lachen an einigen Stellen ausblieb.

Die Kunst, tragische Geschichten humorvoll und pointiert zu verpacken, beherrscht Strunk wie kein Zweiter. Dass dieser Stil viele Menschen anspricht, wird schon allein dadurch bewiesen, dass zusätzlich zur ersten Lesung eine weitere am selben Abend auf Grund der hohen Nachfrage organisiert wurde. Volles Programm also für Strunk. Dieser wirkte hoch motiviert und gab zwischen den Lesungen seiner Geschichten noch kurzweilige Anekdoten zu deren Entstehung zum Besten. Zum Schluss gab es sogar noch etwas Musik, denn Strunk kann nicht bloß schreiben und vorlesen, sondern auch noch Querflöte spielen; ein wahres Multitalent! Das Publikum war begeistert.

Inspiration bezieht Strunk zum Beispiel aus Beobachtungen an Autobahnraststätten. Kein anderer Ort ist laut Strunk so unangenehm deutsch. Seine Sicht der Welt ist für ihn nicht düster, sondern in erster Linie eine Form des Sozialrealismus. Die tristen Seiten der Wirklichkeit zu zeigen, ist für ihn ein großes Anliegen. Dies spiegelt sich in der Schilderung von destruktiven Beziehungen, gescheiterten Träumen oder auch im langsamen Zugrundegehen an zermürbenden Jobs, aus denen auf Grund mangelnder Kraft und fehlenden Perspektiven nicht herausgefunden wird. Das Scheitern an der Welt und am Leben nimmt in unterschiedlichen Formen eine große Rolle in Strunks Erzählungen ein.

Zu Grunde liegen den Geschichten dabei zumeist stinknormale Existenzen, die durch Strunks Einfallsreichtum dennoch besonders erscheinen. Besonders absurd, besonders traurig, nur besonders glücklich eben nicht. Die graue Welt als Grundlage zeigt in Strunks Geschichten doch auffallend viele Farben. Auch wenn es meist Abstufungen eher dunkler Farbtöne sind, sorgen Strunks Erzählungen für viel Abwechslung. Ein kleines Kabinett menschlicher Kuriositäten ist ihm damit geglückt, und die während der Lesung vorgetragenen Geschichten lieferten bereits einen Querschnitt durch sein neustes Werk. Durch seinen lebhaften Vortragsstil und kleine Gags zwischen den Erzählungen wurde der Abend gut abgerundet. Da beherrscht jemand sein Handwerk. Das Publikum dankte es ihm mit viel Applaus.

Dieses war im Übrigen eher bildungsbürgerlich. Figuren, wie sie auch in Strunks Geschichten auftauchen könnten, waren eher weniger zu sehen. Doch wer weiß, was sich hinter der oberflächlichen äußeren Fassade der Menschen verbirgt? Vielleicht schafft es der ein oder die andere auch in eine von Strunks kuriosen Erzählungen. Das Scheitern ist schließlich etwas Allzumenschliches. Ob jemand aus dem Publikum jedoch eine derart absurde Lebensbiografie wie manche Figur aus dem Teemännchen aufweist, ist fraglich, aber auch nicht ausgeschlossen. Mit ein bisschen überspitzter Phantasie strunkscher Art lässt sich da sicherlich was machen und man darf hoffen, vielleicht auch einmal in einer seiner Erzählungen zu landen; doch auch wenn's dafür nicht reicht, auf Heinz Strunks Einfallsreichtum ist Verlass. Ob mit seinen Weggefährten Rocko Schamoni und Jacques Palminger bei Studio Braun und Fraktus, oder im Alleingang; da geht noch einiges. Es bleibt zu hoffen, dass Strunk nicht gar am Ende selbst wie eine seiner Figuren endet. Wünschen wir ihm und allen anderen etwas mehr Glück als seinen tragischen Figuren!

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