Literarisches Zentrum

Wen es am Abend des 26. Juni weder im WM-Fieber vor den Fernseher noch in die Reihen des Göttinger Altstadtlaufs getrieben hatte, erwartete im Alten Rathaus eine wahre Sternstunde der Philosophie: Wolfram Eilenberger, Philosoph, Schriftsteller und ehemaliger Chefredakteur des Philosophie-Magazins, las aus seinem Buch „Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“ – ein Werk, das die deutsche Geistesgeschichte der so zentralen Zwanziger Jahre vor den Augen der Zuhörer wieder zum Leben erweckte und in spannenden Diskussionen mit Philosophin Eva Weber-Guskar mündete.

Beginn der Reise ist das Jahr 1919, und damit der Anfang der ersten deutschen Demokratie. Doch es ist nicht nur eine Zeit, in der sich Staat, Politik und Gesellschaft neu ordneten, sondern auch eine Zeit kultureller Innovation und Blüte der Schaffensperiode vier kluger philosophischer Köpfe, deren zwischen Katastrophen und Umbrüchen reifenden Ideen das Gedankengut revolutionierten und bis heute in der Gesellschaft zirkulieren: In einem genau kalkulierten Wechsel von Anekdoten aus den Biographien und Aspekten der Werke schildert Eilenberger eindrucksvoll, wie Ernst Cassirer, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein aus der Katastrophe und den Spuren des Krieges ihre Folgerungen ziehen und, in den Worten des Autors, „das Zelt unseres heutigen Denkens aufschlagen“. Philosophen, deren Gedanken für so manchen hochkomplex, schwer nachvollziehbar, teilweise abstrus sind, werden durch das konkrete Dekodieren ihrer Werke und Eintauchen in ihre Lebenswelten zugänglich gemacht.

Schritt für Schritt verfolgt Eilenberger diese Dekade der Explosion auf der Suche nach der Antwort: Cassirers auf Stabilisierung menschlicher Freiheitsbestrebungen abzielende Kulturphilosophie „symbolischer Formen“, Heideggers auf den Grundsteinen der Hermeneutik und Dekonstruktion basierendes Jahrhundertbuch Sein und Zeit (1927), das ebenso wie Wittgensteins logico-philosophicus (1922) nach einem neuen Verhältnis des Individuums zur Welt strebt, und schließlich Benjamins Ideal, zu zeigen, was mit ihm selbst und den Menschen, die ihn umgeben, nicht richtig ist und sie ins Freie zu führen.

Eilenberger bietet feine Beobachtungen, legt Parallelen, aber auch Kontraste im Denken der vier prägenden Kulturgestalten dar – etwa dann, wenn es um die Frage nach der Funktion von Philosophie in Bezug auf die Angst geht. Während Cassirer die Überwindung der Angst als einen Zustand der Befreiung und Transzendenz beschreibt, offenbart sie für Heidegger die Welt als das Seiende als Ganzes – eine Aufforderung an den Menschen, sich für sie frei werden zu lassen. Parallelen und Differenzen finden sich auch im Gedanken der Fokussierung auf Sprache als Konstituierung von Welt. Die Frage, ob Sprache als Mittel der Erkenntnisgewinnung oder der Erkenntnisverhärtung dient, beantwortet Cassirer beispielsweise mit der Negierung der Existenz einer rehabilitierten Sprache und dem Leitgedanken des Menschen als animal symbolicum, dessen verschiedene Sprachen die Welt stets anders beschreiben – „Meine Sprache ist nur eine Sprache!“. Für ihn, ähnlich wie für Benjamin, der sie als Offenbarungsgeschehen interpretiert, ist die Überwindung der Sprache keine Option, ganz im Gegensatz zu Heidegger und Wittgenstein.

„Zeit der Zauberer“ – wenngleich „Zauberer“ für eine so klare und transparente Domäne wie der Philosophie auf den ersten Blick nicht ganz adäquat erscheint, so ist es doch ein wahrlich treffender Titel für die Beschreibung von vier Pionieren der Philosophie, deren Spuren noch heute unseren Alltag prägen: Vier „Zauberer“, die die Welt in einem anderen Licht beschreiben, die Wirklichkeit verzaubern, die wir schon kennen und eine unmittelbare, charismatische Brillanz nicht nur in die Gesellschaft der Zeit, sondern auch die Nachwelt bringen.

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