AOV

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Dass klassische Musik jeglicher Art schwer und ernst sein muss – dieses Bild haben wohl viele Menschen im Kopf, sei es aufgrund der indoktrinierten Vorstellung klassischer Hochkultur oder traumatisierender Musikstunden, in denen man schnöde ein Leitmotiv nach dem anderen durchanalysierte. Aber es ist auch durchaus möglich, sich klassischer Musik spielerisch anzunähern. Wie das funktionieren kann, zeigte die Akademische Orchestervereinigung Göttingen (AOV) unter ihrem Dirigenten Piero Lombardi, die ein abwechslungsreiches romantisches Programm präsentierte.

Zu Beginn des Konzerts tönten die Klänge des Vorspiels zu Richard Wagners (1813-1883) Oper Lohengrin durch die Ränge der nahezu vollbesetzten Aula. In zartem Pianissimo führten die ersten und zweiten Violinen in die romantisch-melodiösen Sphären der Oper ein. Für die komplexe Harmonik bedarf es absolute Präzision, um die Spannung zu halten, was dem Orchester nicht vollends gelang – zu zaghaft waren teils die Einsätze und harmonischen Wechsel. Doch schafften sie es, insbesondere ab Einsatz der Bläser, das Stück immer sicherer aufzubauen und musikalisch souveräner zu gestalten, bis es in typischer Wagner-Manier seinen Höhepunkt erreichte und die aufgebaute Spannung sich entlud. Klanglich schaffte es das Orchester, das sehr gut auf Lombardi eingestellt war, einen meist durchgehenden Klangteppich zu gestalten, aus dem man schon 15 Jahre vor der Uraufführung der Oper Tristan und Isolde ab und an die Ansätze des stilprägenden Tristan-Akkords durchklingen hört, der den Weg in die musikalische Moderne ebnen sollte.

Weniger episch, aber dafür abwechslungsreich und unterhaltsam, ging es im zweiten Programmpunkt weiter, nämlich mit einer „kleinen Oper ohne Wörter“, wie Lombardi die sinfonische Dichtung Der Wassermann von Antonín Dvořák (1841-1904) ankündigte. Doch damit nicht genug Kontext, um das erfreulich junge Publikum an das Werk heranzuführen, erzählte Lombardi die Geschichte der Sinfonie auf unterhaltsame Weise nach und ließ das Orchester im Anschluss an die Erzählsequenzen den entsprechenden Teil spielen. Dieses Prozedere führte nicht nur dazu, die musikalischen Motive wiederzuerkennen und in der Handlung zu verorten, sondern rief beim Publikum hörbare Emotionen hervor: Plötzlich hörte man nicht mehr nur das dumpfe Trommeln der Pauke, sondern sah vor seinem inneren Auge, wie der Wassermann sein totes Kind der Mutter vor die Tür wirft. Durch diese spielerische Einbettung der musikalischen Ebene in die spannende Handlung, war es fast so, als schwämme der bedrohliche Wassermann durch die Reihen der Aula. Das Orchester überzeugte bei diesem Stück durch seine differenzierte und leidenschaftliche Spielweise, die zum gelungenen storytelling der Sinfonie entscheidend beitrug.

Nach der Pause kam das Publikum in den Genuss des großen Finales, der 5. Sinfonie in e-moll des großen Romantikers Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893). Das viersätzige Werk spiegelt die große Lebenskrise des Komponisten wieder, er verarbeitete viele Emotionen und Spannungen in dieser Sinfonie, die das Orchester mitreißend gestaltete. Dem ersten und zweiten Satz wohnt eine große Tragik inne, die erst im dritten Satz annähernd durchbrochen wird und Platz für optimistischere Melodien macht, auch wenn der Walzer nach wie vor einen melancholischen Charakter hat. Der finale Satz zeugte noch einmal besonders von der klanglichen Qualität des Orchesters und dem engagierten, aber präzisen Dirigat Piero Lombardis: Anfangs verarbeiteten die Violinen in klangvollem Legato das immer wiederkehrende Motiv der Sinfonie, das sich bis zum virtuosen Schluss immer weiter steigerte. Dieser anspruchsvolle Satz stellte die solistischen Fähigkeiten der AmateurmusikerInnen noch einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis.

Das Publikum war von der Performance des Orchesters begeistert. Nicht nur einzelne standing ovations gab es, sondern sogar laute Bravo-Rufe – ein treffendes Resultat für diesen Konzerabend der etwas lockereren Art, der über die Qualität der Akademischen Orchestervereinigung staunen ließ.

 

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