boat people projekt

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Irgendwas stimmt nicht mit dem Familienbuch. „Ghufran“ braucht die Dokumente für ihr Visum. Doch da sind zwei Namen, die nicht dazu gehören und so erfährt die junge Frau, dass ihr Vater eine Zweitehe führt und noch eine kleine Tochter hat. Sie fühlt sich von ihm verraten, und vielleicht hat das auch ihre Entscheidung beschleunigt, die syrische Heimat zu verlassen. Es gäbe genug Motive zu bleiben, die sie abwägt und und ebenso viele, sich auf den Au-pair-Job in Berlin einzulassen, wo sie später Asyl beantragen wird. Doch dieser Widerspruch gibt ihr vor allem nach der Ausreise zu denken – und dann umso dringlicher in den Erinnerungen und den verwirrenden Flashback. Auf der Bühne des boat people Projekt im ehemaligen IWF geht ihnen die dramatische Collage „Nora und der andere Name“ nun auf den Grund.

Für diese Inszenierung fand sich mit Regisseur Wessam Talhoug, Bühnenbildner Wessam Darweesh und Dramaturgin Kaouthar Hiva Slimani ein syrisches Produktionsteam zusammen, das in Damaskus am „Higher Institute of Dramatic Arts“ ausgebildet wurde und nun im Exil lebt. „Nora und ihr anderer Name“ ist ihr erstes Gemeinschaftsprojekt, verbunden mit der Idee eines künstlerischen Austausches mit deutsche Theatermachern und einem Team freier Schauspieler. Dabei geht es auch um den Versuch, das dramatische Portrait einer jungen Frau zu zeichnen, das in den Nachrichten und Kommentaren über die Situation in Syrien in Vergessenheit geraten ist. Die Tatsache, dass es dabei immer um ganz individuelle Lebensentwürfe geht, um Alltagserfahrungen und Katastrophen, die einer fremden Umgebung ausgesetzt sind und nicht pauschal um Flüchtlingsschicksale.

Noch sind die szenischen Erinnerungs- und Konflikträume mit langen Stoffbahnen verhängt. Die Videobilder sprechen eine heitere Sprache und erzählen von einem verliebten Paar, das sich Joghurt ins Gesicht schmiert, einfach Spaß hat und das Zusammensein genießt. So wie die Familie, die sich zu einer gemeinsamen Feier mit vielen Umarmungen trifft und dann für ein Foto posiert. Doch dann wird das Familienbuch eingeblendet. Das Schauspielteam schiebt die Stoffbahnen beiseite und arrangiert die weißen Würfel auf der kreisrunden Spielfläche.

Das Paar trifft sich irgendwo draußen, vielleicht in einem Park. Ghufran möchte lieber bleiben und schwärmt von einer gemeinsamen Zukunft egal wo. Doch die Begeisterung ihres Freundes Essam hält sich in Grenzen, weil ihn irgendetwas bedrückt. Vielleicht sind es die Bilder von Militäraufmärschen und Verhaftungen, die Vorzeichen des drohenden Bürgerkrieges. Vielleicht auch die Befürchtung mit Ghufran in ihrem intimen Versteck auf dem Campus von Männern in schwarzen Anzügen beobachtet und gefilmt worden zu sein. Trotzdem kommt es nicht zu einer offenen Aussprache. Die Lebensenergie und der Lebenshunger, den Jasmina Music in ihre Figur antreibt, trifft auf eine Mauer von Ausflüchten, hinter der sich Johannes Meier spürbar verschanzt und seinem Essam jede Nähe verweigert.

Auch in den nachfolgenden Szenen lauert zwischen den Szenen etwas Unaussprechliches, das den politischen Kontext meint und wie er die Beziehungen schon so lange infiltriert. Der Vater (Christoph Lindner) hat sich offenbar mit den Verhältnissen arrangiert, auch wenn ihm seine Tochter das nicht zum Vorwurf macht sondern vor allem sein Doppelleben und den Verrat an der Familie. Der Bruder (Johannes Meier) stört den häuslichen Frieden gelegentlich ein bisschen provokant. Aber was weiß die Mutter (Franziska Aeschlimann) noch alles, die stets mit liebevollen Umarmungen und einem Lächeln reagiert und auch niemand an ihrer schmerzhaften Geschichte mit der Ermordung ihrer Angehörigen teilhaben lassen wollte. Der Schutz der Familie muss für so Vieles herhalten. Auch bei „Widad“ (Imme Beccard), der Zweitfrau des Vaters, die nie auf eine Scheidung drängte und umso selbstbewusster auf ihre Gefühle vertraut.

Es sind intime Nahaufnahmen, in die sich das Schauspielteam auch mit den scheinbar alltäglichen Wortwechseln begibt. Was die Figuren nicht zu sagen vermögen, kommt in Gesten und Blicken zum Ausdruck. Die Vorbehalte, sich preiszugeben, verletzlich und verwundbar und damit den Halt im Schutzraum Familie zu verlieren.

„Kein Ort, nirgends“ lässt sich das Gefühl des verloren Seins beschreiben, dem sich die Chronistin in ihrer Erinnerung ausgesetzt fühlt. Zusehens verunsichert und skeptisch. Ist diesen Bildern überhaupt zutrauen oder sind sie nicht vielmehr Ausdruck eines Verlustes, der sich nichtmehr rückgängig machen. Eine Stimme aus dem off reflektiert die Gespräche, die Konflikte und die zwiespältigen Reaktionen und den Versuch, sich in diesen Bruchstücken wiederzufinden oder wenigstens einen Teil der Identität in die fremde Umgebung zu retten.

Ghufran nennt sich inzwischen Nora, auch um in der Berliner Flüchtlingsunterkunft den Fragen über ihre Herkunft zu entgehen, wer sie überhaupt sei und wie man ihren Namen eigentlich ausspricht.

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