Deutsches Theater

Endlich scheint Peter Munk am Ziel seiner Wünsche. Er kann so schön verschwenderisch und leichtsinnig sein und fühlt sich endlich auch ein bisschen bewundert. Jetzt ist er nicht mehr der rußgeschwärzte Kohlenbrenner, sondern der Besitzer einer Glashütte, der im Wohlstand schwelgt. Schon mit einem Griff in die Hosentasche rieselt wieder dieser Glitzerstaub, der überall haften bleibt und im Scheinwerferlicht noch mehr funkelt. Sein Absturz ist vorprogrammiert, und das nicht nur, weil Wilhelm Hauff in seiner märchenhaften Erzählung „Das kalte Herz“ ein paar sehr berechnende Geister ins Spiel bringt. Daniel Foersters Inszenierung auf der DT-2 Bühne verwebt die Geschichte dieses maßlos gierigen Träumers mit sehr vielen fantastischen Zutaten zu einem bilderreichen Panorama über die Sehnsucht nach materieller Sicherheit und so um mehr Anerkennung in einer konsumverliebten Bedürfnisgesellschaft.

Die Mutter ruft ein bisschen zur Ordnung, wenn der Sohn mal wieder im Wald verschwindet und dort den vielen Naturgeräuschen nachlauscht – wie sie flüstern, säuseln und auch mal wummern. Im Grunde möchten beide glauben, dass Sonntagskinder wie Peter beim Glasmännchen (Gerd Zinck) drei Wünsche frei haben. Und so strahlt Angelika Fornell ebenso verträumt, beschwingt und voller Hoffnung in die Zukunft – wie Florian Donath, der sich in seiner Glashütte schon bald langweilt.

Das ist alles öder Alltag, anders als die Abende, wo getanzt und gefeiert wird und auch beim Kartenspiel der Vorrat an Glitzerstaub nie zu versiegen scheint. Er tut es leider doch und der Handel mit dem spendablen Holländer-Michel (Gabriel von Berlepsch) hat leider auch seinen Preis. Es lässt sich zwar komfortabel mit dem steinernen Herzen leben, das Peter gegen sein pulsierendes Innenleben eintauscht. Aber eben ohne jegliches Gefühl. Egal ob es um Mitleid oder Freude geht und diesen schwärmerischen Leichtsinn, der früher immer so aufmunternde Wirkung hatte. Macht und Erfolg machen ihn berechnend cool und dann auch bösartig und brutal. Mit den tödlichen Schlägen gegen Ehefrau Lisbeth und die Tritte gegen eine verarmte Mutter und die jammernde Bettlerzunft.

Hauffs Märchen wird immer noch gern als Parabel auf den kapitalistischen Aufschwung zu Beginn des 19. Jahrhunderts und eine strebsame Schwarzwaldgesellschaft gelesen, die sich erfolgreich mit den Regeln der Gewinnmaximierung und mit dem Problem der Rentabilität menschlicher Arbeitskraft vertraut macht.Dieses Motiv umspielt auch Regisseur Daniel Foerster. Doch vertraut er vor allem auf die Sprache der Bilder, die so schön vieldeutig lesbar sind. Auch mit Blick auf eine Überflussgesellschaft, die von allem noch mehr haben will und gleichzeitig um ihre Besitzstände bangt, während sie Cocktails schlürft und ihren Wohlstand für unteilbar erklärt.

Wundersame Dinge passieren auf der DT- 2 Bühne, wo mit einer Fülle von Requisiten imaginiert und fantasiert wird. Und das nicht nur, weil dabei auch gute und böse Waldgeister am Werk sind, sondern ein kreatives Schauspielteam
mit seinem kreativen Regisseur. Mit grünen Pullovern werden ganz einfach mal Schwarzwaldtannen behauptet. Zapfen kullern über die Bühne, eine zerzauste Gestalt huscht als Eichhörnchen vorüber, und das Plüschschaf auf Rädern muss natürlich auch mal blöken. Eine Gruppe jugendlicher Waldgeister nimmt später auch die Windmaschine in Betrieb und greift nach Laubblättern, die mit all dem Glitzerstaub um das schwarze Holzhaus wirbeln, das sich immer wieder öffnet. Dann wird die eine Hälfte zur Partykulisse mit blinkenden Automaten und Discosound, während der Tanzbodenkönig von Peter entthront wird, und die andere sich bereits mehr und mehr mit langweiligen Überflusszutaten füllt.

Das bunte Glaskugelspiel des Glashüttenbesitzers rotiert schon lange nicht mehr. Die Begeisterung, mit der Florian Donath die Produktion praktischer Glasflaschen und Gläser verweigert, hat jetzt andere Gesichter bekommen, in denen der Schauspieler nun die dunklen Facetten seiner Figur spürbar werden lässt. Den fiesen Gierschlund und Ausbeuter ebenso wie den einsamen Karrieristen, der den Horror der absoluten Leere kaum noch aushält, bis das Pokerface wieder zum Zuge kommt. Das schwatzt dann auch dem Holländer-Michel dieses wunderbare pulsierende Herz wieder ab und damit auch die Herzenswärme, so dass sich am Ende auch die guten Geister auf der Siegerseite wähnen.

Daniel Foersters Inszenierung bezaubert und begeistert eben nicht nur als Theaterspektakel der stimmungsstarken Bilder, die besonders in den abenteuerlich turbulenten Szenen mit dem Fundus an Requisiten so schön berauschen. In Hauffs Märchenwelt lauert auch das Soziogramm vom kapitalen Aufstiegshunger, wie er ganz alltägliche Zeitgenossen heimsucht und verführt. Hier posieren sie in den Kostümen von Mariam Haas eben im Glitterlook oder in smarter Handwerkerkluft, mit romantischem Sehnsuchtsblick oder cooler Abzockermine und spekulieren auf eine Handvoll Glitzerstaub, die sich ja vielleicht noch vermehrt. Dennoch findet jetzt keine schlichte Abrechnung mit den Verhältnissen statt. Daniel Foerster spekuliert dann auch so schön listig über das märchenhafte Happy End mit diesem Peter Munk, wenn er ihn jetzt mit seiner Liebsten davon tanzen lässt. Was dieses Glasmännlein da über Fleiß und Strebsamkeit und Anpassungsleistungen an die Verhältnisse schwatzt, klingt furchtbar kleinkariert, brav, bieder und langweilig. Doch damit hat Hauffs leicht geerdeter Träumer zum Glück auch jetzt auch jetzt noch nichts im Sinn.

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