Förderverein Deutsches Theater

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Es ist schwer, sich „Moritz Stiefel“ als glücklichen Menschen vorzustellen. Schließlich greift er ja zur Waffe und erteilt all den „Spring awakening“ Aussichten eine Absage. Dass als Strafe für Glück auch Steine geschluckt werden müssen, wie der Lyriker Erich Fried feststellen musste und dass man manchmal ziemlich tief graben muss, bis der Acker Milch gibt und Honig, wollte ihm nicht in den Sinn kommen. Dann hätte er nach der Hand von „Ilse“ greifen können und in ihr die Gefährtin für eine weiterhin steinerne Wegstrecke erkennen, anstatt sich dem Leben endgültig zu verweigern.

Roman Majewski lässt diesen Moritz Stiefel jetzt ganz bei sich sein und vielleicht sogar einen glücklichen Moment erleben. Ganz selbstbestimmt. Mit diesem unbeirrbaren Blick und ohne Begründung. Es ist seine Entscheidung, für die nichts und niemand haftbar zu machen ist. Weder der autoritäre Vater, noch der schulische Leistungsdruck und auch nicht diese sexuellen Fantasien, die ihm ständig den Schlaf raubten.

An diesen Motiven können sich die Zuschauer natürlich gerne festhalten, wenn sie ein letztes Mal in ihn hinein lauschen und sich dann möglicherweise in einem Labyrinth von Motiven verirren. Aber vielleicht sagt uns die stumme Botschaft des Schauspielers einfach nur: Hört nicht auf, zu fragen, egal wie seltsam, widersprüchlich oder rätselhaft euch meine Figur jetzt vorkommt. Sucht weiter, auch in der nächsten Figur, die dann vielleicht in eine Komödie verwickelt ist und nicht in eine Tragödie. Und sucht auch zwischen den Zeilen. Dort ist Roman Majewski ja ebenfalls ständig unterwegs, den heute der Förderverein des Deutschen Theaters mit seinem Nachwuchsförderpreis auszeichnen möchte.

Zunächst möchte ich Sie von Erich Frieds Acker gern auf eine poetische Überfahrt mit dem britischen Dichter David Constantine locken, der einen Reisenden unter Wasser betrachtet. Ohne Richtungsschimmer, sogar bei Tageslicht durch das Bullauge, mit den Kopf voran oder den Füssen voran in einem Zwischen-Allem, wo es gemütlich zugeht. Gemütlich meint hier noch etwas ganz anderes, als etwa kuschelig oder behaglich. Sie werden sehen.

Roman Majewskis Überfahrt beginnt in Halle-Neustadt. Mit dem Erlebnis einer spektakulären „Titanic“ Opernaufführung, mit vielen Konzerten und mit den Performance Projekten des Theater Halle in einer maroden Hochhaussiedlung. Der jugendliche Zuschauer wurde zum teilnehmenden Beobachter, der dabei in die Bühnenrealität eintauchte und ihre bewegenden Kräfte erlebte… wie sie auch auf den Alltag und seine Wahrnehmung einwirken und auf seine Gedankenwelt. Und dann die faszinierende Vorstellung, einfach in eine andere Haut zu schlüpfen und sich auf eine Bühnenfigur einzulassen…mit allem was sie erlebt, erkämpft und aushält und sie dann auch verlassen zu können. Einfach die Realität wieder zu wechseln und immer wieder ein Anderer sein zu können. Auch mit den Erfahrungen, was das mit einem macht und dann mit dem Zuschauer, wenn er daran Anteil nimmt. Wie zuletzt an diesem Moritz Stiefel, dessen unbeirrbarer Blick an der Herzhaut haften bleibt.

Roman Majewski ist in der Nachwendezeit aufgewachsen. Auch mit den Pegida Demonstrationen, mit Neonazi Gangs, die die Vorstadtviertel okkupierten, und mit den radikalen Empörungen, die auf die demokratische Verunsicherung über eine politische Freiheit erfolgten, für die es noch eine Erfahrungswerte gab. Das gehörte alles zu seinem Reisegepäck und das würden später auch seine Bühnenfiguren zu spüren bekommen. Dass es für sie keine eindeutigen Erklärungen und Begründungen gibt sondern widersprüchliche Ursachen. Dass dabei Ängste und Nöte zur Sprache kommen müssen, weil fragwürdigen Positionen auch eine Vorgeschichte haben, und nicht einfach so berechenbar sind.

Wie zum Beispiel sein „Jonas“ in dem Klassenzimmerstück „Deine Helden – Meine Träume“, wo ein junger Mann sich seiner Geschichte stellt. Wie er sich in die Schwester eines Neonazis verliebte, in die Szene abtauchte und seinen türkischen Freund verriet, der sich ebenfalls in das Mädchen verliebt hatte. Jahre später will er eigentlich nur den Brief abholen der unter der Schulbank klebt - seine Entschuldigung für den Verrat.

Vor der Klasse steht eindeutig der Schauspieler, aber gleichzeitig auch der damals so wütende Teenager und mit ihm der erwachsene Chronist. Und dann kommt es immer wieder zu diesen faszinierenden Momenten, wo die Bühnenrealität unmittelbar real erlebbar wird. Roman Majewski ist jetzt auch einer dieser Schüler, wie sie vor ihm in der Klasse sitzen und nicht bloß die zentrale Figur eines Stückes. Dann ist er wieder ihr anteilnehmender Beobachter, der die Geschichte so wahrhaftig wie möglich erzählen will, ohne wenn und aber, wie ein Stück vom Leben.

Die wenigsten von Ihnen haben diese Inszenierung gesehen, weil sie leider, wie man in diesem Fall sagen muss, nur in Schulen aufgeführt wird. Die Jury hatte das Glück, sie erleben zu dürfen, wenn auch mehrheitlich in einer Aufzeichnung auf CD-Rom. So bewegend und berührbar wie uns Roman Majewski diesen Jonas in seiner Verführbarkeit und seiner Erkenntnisbereitschaft nahegebracht hat, war mit entscheidend dafür, ihn mit dem Förderpreis auszuzeichnen.

Neugierig sein, aufgeschlossen und wagemutig, sind ja im Grunde Voraussetzungen für den Schauspielerberuf. Aber bei Roman Majewski kommt etwas ganz entscheidendes hinzu. Es ist die Fähigkeit, so tief wie möglich in eine Figur einzutauchen und ihr ganzes Arsenal an Tarnmanövern mit aller Leidenschaft zu beleuchten. Wie bin ich wirklich und wer möchte ich eigentlich sein. Warum ist das so schwierig und warum bin ich dann so selten bei mir. Muss das sein. Geht das nicht auch anders.

So erging es nicht nur dem Zahlkellner Leopold, der den herrischen Kommandos der Rössl Wirtin wie ein verliebter Dackel folgte, und dann zwischen Stammgästen und touristischen Dränglern souverän vermittelt, wo Roman Majewski den musikalischen Komödiencharme ironisch verfeinerte. Schon in seiner Debütrolle in Erich Sidlers Inszenierung „Familiengeschäfte“ konnte man nie ganz sicher sein, wann sein Cliff berechnend pokert oder ob ihm nicht viel mehr dieses querulante Miteinander zu schaffen macht, wo jeder nur sein Punktekonto im Sinn hat. Er war auch gut aufgehoben bei den schrägen Vögeln, die in „Shockheaded Peter“ so schön anarchisch lustvoll umtriebig waren, wenn sie die Ordnung der moralischen und anderer Verhältnisse torpedierten. In Ayad Akhtars Schauspiel „Geächtet“ lag sein „Isaac“ als jüdisch-amerikanischer Kurator ständig auf der Lauer. Mit diesem Gebot der political correctness, die dann mit persönlichen Ambitionen und emotionalen Zumutungen ganz böse kollidiert. Diesen Moment von bedingungsloser Selbstbestimmtheit zu dem sein Moritz Stiefel fand, lebte auch sein Winston in 1984. Wie der den Zumutungen eines Überwachungsstaates trotzt, dem Terror und der drohenden Entropie und ebenso tief und ganz bei sich ist.

Dünnhäutig sind seine Bühnenmenschen bei Roman Majewski und so verletzbar und doch so stark. Auch in ihrem Scheitern und auch dann, wenn sie andere verletzten. Das Fragen, Nachfragen, Insistieren hört ja nie auf. Was bist du eigentlich für Einer, reiß endlich die Klappe auf. Ich höre Dir zu und in Dich hinein, damit ich das weiter erzählen kann, so dass auch andere ein bisschen mehr von Dir verstehen und begreifen. Und ich umarme Dich trotzdem, selbst wenn Du Dich jetzt von Deiner hässlichen, bösartigen Seite zeigst. Es ist schließlich nur eine von möglichen vielen. Lass sie erst mal zu. Dann sehen wir weiter. Wie weit können wir gehen mit unserem mitunter selbst zerstörerischen Wünschen und Wollen. Vielleicht so weit wie diese Gräfin „Orsina“ in Lessungs „Emila Galotti“.

Was Roman Majewski da alles kollidieren lässt. Den Selbsthass, der auf die Verzweiflung über die gescheiterte Liebesaffaire folgt. Dieses Gefühl, sich wie der letzte Dreck behandelt zu wissen und trotzdem weiter jede Form der Demütigung zu erdulden. Trotz aller Wut und Empörung nicht rauszukommen aus diesem circulus viciousus und nicht einfach so einen Schlussstrich ziehen zu können aus Angst vor der drohenden Leere danach. Doch noch während diese Gräfin hadert und wütet gibt ihr der Schauspieler bereits etwas von dem Glanz zurück, in dem sich Stolz, Würde und Haltung spiegeln. Als ob er mehr weiß, als seine Figur und über ihre Kraft, sich zu einer Mutprobe durchzuringen und einem Nein zu den Verhältnissen, die sie im Grunde verabscheut.

„Welche Landmarke wird auftauchen. Welcher Beweis für irgendein Vorankommen? „fragt der Dichter den Reisenden auf der Überfahrt. „Ist es wirklich nur das Grollen der Motoren unter Wasser und darin das Ich.“ Doch dann beschreibt er eine Ankunft, zu der sein Reisender im Grunde nur unterwegs findet. Mit seinen „Gedankenblasen und seinem stampfenden Herzen inzwischen.“ Es ist diese Aussicht, die Roman Majewski allen seinen Figuren mitgibt und sie auch mit ihnen teilt für uns als Zuschauer. Es ist dieser grollende Motor mit diesem Ich, das sich jetzt auf eine weitere Landmarke zu bewegt, egal ob sie wirklich auftaucht oder vielleicht nur eine verschwommene Kulisse am Horizont bildet, auf die der Theaterreisende mit dem Kopf voran oder mit den Füßen zusteuert und uns zum offenen Stauen verführt. Wenn er jetzt wieder abtaucht unter Wasser, unter die Haut eines anderen, mit seinen Gedankenblasen und seinem stampfenden Herzen und den Zuschauern Mut macht, ihm dabei zu folgen.

Wir zeichnen in diesem Jahr Roman Majewski mit dem Förderpreis aus, Aber beglückwünschen möchten wir dabei natürlich auch seine Schauspielkolleginnen- und Kollegen, die am Deutsche Theater ihr erstes festes Engagement bekommen haben. Dorothee Neff, Florian Donath, Marius Ahrendt und Gaia Vogel, die sich ihren Bühnenfiguren ebenfalls mit stampfendem Herzen und so viel Leidenschaft widmen und sie berührbar machen in ihren Gedankenblasen, ihren Träumen und Visionen. Auch Ihnen gilt unser ganz besonderer Dank im Team mit dem gesamten Ensemble des Deutschen Theaters. Und jetzt feiern wir Roman Majewski und freuen uns auf weitere spannende Überfahrten mit ihm und diesen ganz besonderen Glücksmomenten.

Allerherzlichste Glückwünsche für den Preisträger.

Kommentare powered by CComment

Jetzt schon Tickets sichern

Kulturticket

Tanz-Kultur-Woche

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok