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Dienstag, 17 April 2018 09:14

Zurschaustellung einer Gesellschaft

„Singen!“ skandiert der Bühnenchor. Diese Tosca darf einfach nicht sterben. Singen soll sie auch unmittelbar nach der heimtückischen Ermordung ihres Geliebten. Jetzt endlich erheben die oft so teilnahmslos anmutenden Beobachter der Ereignisse ihre Stimme. Und das nicht etwa gegen eine gnadenlose Staatsmacht und ihre ebenso gnadenlosen Helfershelfer, sondern einzig für eine weitere Arie. Die Künstlerin gewährt ihnen noch eine tragische Melodie. Doch im Grunde gilt sie nur diesem einen letzten Ton, in dem ihr unendlicher Schmerz ungetröstet verhallt. So wie Giacomo Puccinis berühmte Oper hat auch das Schauspiel Tosca in der Inszenierung von Joachim Schloemer am Deutschen Theater dafür keine Worte mehr.

In Victorien Sardous dramatischer Fassung einer Liebesgeschichte, die zum mörderischen Politdrama wird, ist die musikalische Tragödie weiterhin präsent. Schloemer hat seine Textfassung mit musikalischen Zitaten verwebt. In den Arrangements von Michael Frei (Gitarre) und seiner Band „Il Bacio di Tosca“ mit Hans Kaul (Keyboard, Ukulele) und Manfred von der Emde (Schlagzeug, Bass) bilden Puccinis Motive eine harmonisch und rhythmisch verfremdete Zeichensprache. Sie grundiert einzelne Szenen atmosphärisch und bestärkt sie so auch in ihrer Wirkung, wenn Gefühle malträtiert und in Zweifel gezogen werden und sich ein Herrschaftssystem von seiner bösartigen Seite zur Schau stellt.

Diese Zurschaustellung einer Gesellschaft, in der jedem politischen Abweichler die Folter und der Galgen drohen, betont auch das Bühnenbild von Giulia Paolucci. Ein breites Gestell mit mehreren Etagen dominiert den Raum mit einer Tribüne im Hintergrund und einer Fläche dunkler Erde davor. Wo die Monarchie im Kampf gegen die Republikaner nur noch Dreck aufwirbelt und selbst die mutigsten Gemüter verschandelt, braucht es keine illustrativen Zeichen für Kirchenräume und Künstlerenklaven, den königlichen Palazzo und den Folterkeller auf der Engelsburg. Der Raum verweigert nicht nur jede Form der Privatheit, wenn Floria Tosca (Rebecca Klingenberg) mit dem Maler Mario Caravadossi (Volker Muthmann) wieder eines ihrer leidenschaftlichen Duelle ausfechten. Er macht auch die mörderisch intriganten Manöver des Polizeichefs Baron Sarpia (Gerd Zinck) und seines Schergen Spoletta (Florian Donath) zu einem öffentlichen Ereignis. Für alle Welt sichtbar pokert Chefinquisitor Caraffa (Gabriel von Berlepsch) um die kirchlichen Pfründe an der Seite von Königin Marie-Caroline (Dorothée Neff), die so gerne Köpfe rollen sieht und ihre Terrorkommandos zu genießen scheint. Und auch der flüchtige Republikaner Cesare Angelotti (Moritz Schulze) bekommt für sein Versteck keine Tarnung und beobachtet bereits die Verfolger, die seine Spur aufnehmen. Schloemers Inszenierung hebt so auch die Trennung zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern auf. Es hat den Anschein, als ob jede der Bühnenfiguren diesem politischen Terrorsystem zuarbeitet, egal ob sie davon profitiert, die Verhältnisse ignoriert oder einfach den eigenen Status ungefährdet sieht. Dabei kommt nicht nur die Liebe vor den Fall, sondern auch jede Form von Vertrauen, selbst in den vertrauten Gefährten.

Als gefeierte und hofierte Diva glaubt sich Rebekka Klingenbergs Floria Tosca unbezwingbar. Mit dem Portrait einer machtbewussten Frau, die sich zumindest politisch im sicheren Lager wähnt und emotional erst recht auf der Siegerseite, auch wenn sie eifersüchtig auftrumpft. Ungefährdet sieht sich auch Volker Muthmanns Mario Cavaradossi als erfolgreicher Maler, der seine Großzügigkeit genießt, wenn er der kirchlichen Obrigkeit ein Gemälde spendiert, mit seiner republikanischen Gesinnung kokettiert und dann auch mal Fluchthilfe leistet. Die politische Realität verkennen beide, die auf ihre Folterwerkzeuge vertraut und auf die Todesängste, die sie freisetzt, bis das Paar endgültig von seinem strahlenden Sockel stürzt und sich dabei endgültig verliert.

Die Bildsprache ist ein ganz entscheidendes Element in dieser Inszenierung, die über die Worte hinaus in Gesten mitteilt, in der Sprache der Körper und der Gesichter dann Gedanken und Assoziationen bewegt. Wie hier eine korrupte Bande von Majestäten, Ordnungskräften, Glaubensverwaltern ihr intrigantes Stellungsspiel an ihren Schalthebeln der Macht betreiben, bis auch der letzte Rest von Vertrauen und Zuversicht getilgt ist. Und alle schauen einander dabei zu, Seite an Seite mit den Statisten, die hier den sprachlosen Volkschor bilden, wo ab und an auch mal jemand die Gewalt von ihrer schamlosesten Seite zu spüren bekommt und furchtsam erstarrt. So fällt auch Toscas Rache zweideutig aus und endet nicht mit der Ermordung Scarpias und dem vergeblichen Rettungsversuch des Geliebten.

Sie ruht in diesem letzten Ton, mit dem sie dem System zumindest ihre Unsterblichkeit verweigert.

 

Dienstag, 30 Januar 2018 00:01

Rollenspiele

Männer
Männer und Macht

Macht
Macht und Frauen 

Männer
Männer und Frauen

Männer und Macht und Frauen und eine Rose

Wie aktuell Lessings bürgerliches Trauerspiel Emilia Galotti ist, konnte das Premierenpublikum im Deutschen Theater erleben.

Premiere „Ein Monat auf dem Lande“ von Ivan Turgenev

Es könnte so sein wie jedes Jahr im Sommer, mit netten Gästen, Plauderstunden im Grünen und möglichst viel Ablenkung von der Langeweile. Die lauert unentwegt in Ivan Turgenevs Schauspiel „Ein Monat auf dem Lande“ und das weniger, weil das Nichtstun auf Dauer erschöpft. Es ist vor alle die Aussicht, dass alles immer so weitergeht zwischen den Paaren und denen, die sich noch Hoffnung machen auf einen Partner oder eine bedeutsame Veränderung in ihrem Leben. Doch in diesem Sommer versetzt der junge Lehrer, der für den Sohn des Hauses engagiert wurde, die Gemüter in Aufruhr. Endlich rumort in diesem Brutkasten aus Langeweile, stiller Panik und Überdruss, den Antje Thoms am Deutschen Theater inszenierte.

Man plaudert, spielt Karten und lässt Drachen steigen. Es passiert nicht gerade viel im Bühnenraum von Beni Küng, der die ländliche Enklave mit einer Bungalowkulisse, Panoramablick und mit einer Terrasse für die verabredeten Geselligkeiten ausgestattet hat. Freies Feld für Gutsherrin Natalja (Rebecca Klingenberg), die ihren Flirt mit dem langjährigen Hausfreund Michajlo Ratkin (Florian Eppinger) zelebriert. Hier kann Landarzt Spigelski (Paul Wenning) die Gesellschaft boshaft ironisch bei Laune halten, während sich Hausherr Arkadij (Andreas Jessing) bereits in die nächste handwerkliche Betriebsamkeit stürzt. Die Kartenrunde seiner Mutter Anna (Angelika Fornell), ihrer Gesellschafterin Lizaveta (Gaby Dey) und dem Deutschen Hauslehrer Saaf (Michael Frei) tangiert das nicht sonderlich, auch nicht den verschüchterten Nachbarn Afanasij (Lutz Gebhardt), bis sich ein nervöser angespannter Unterton in die täglichen Rituale einnistet. Natalja hat sich in den jungen Hauslehrer Aleksej (Florian Donath) verliebt, der ihren Sohn Kolja (Valentin Kühn) betreut. Den umschwärmt allerdings auch ihre Pflegetochter Verocka (Christina Jung) umschwärmt, ebenso wie das Dienstmädchen Katja (Felicitas Madl).

Fast schleichend verwandelt sich dieses ländliche laissez-faire Panoptikum in ein Schauspiel der Vermeidungsstrategien. Hier gibt niemand seine Gefühle so ohne Weiteres preis, schon gar nicht wenn das Arrangement aus Konventionen und Bequemlichkeiten dadurch gefährdet wird und es dann auch noch zu Eifersuchtsanfällen, Intrigen und Vorwürfen kommt. Doch die Sehnsüchte und die Enttäuschungen geben einfach keine Ruhe, wie sie sich nun in den Gesichtern spiegeln, den scheinbar spontanen Gesten und in der Sprache der Körper, selbst wenn die Rededuelle so gern etwas anderes behaupten möchten.

Antje Thoms hat in ihrer Inszenierung vor allem das Innenleben ihrer Figuren im Blick, wie sie an den Gitterstäben ihrer scheinbar beengten Lebensentwürfe rütteln, aber nie den Mut aufbringen würden, jetzt eine Ehekrise zu riskieren oder den Heiratsantrag von alternden, unattraktiven oder herrischen Bewerben abzulehnen. Zwischen Allen herrscht eine latente Spannung, einander nur nicht zu nahe zu kommen, besonders nicht mit dem Wunsch, aus den Verhältnissen auszubrechen und vielleicht einen Fluchtversuch zu wagen, um sich nicht nur für den Moment wieder lebendig zu fühlen. Der vermeintliche Hoffnungsträger wird hier zur idealen Projektionsfigur, weil ihn Florian Donath wie ein unbeschriebenes Blatt spielt. Als freundlich, aufmerksamen Zeitgenossen, der sich auch weiter keine Gedanken macht über die emotionalen Befindlichkeiten seiner Umgebung und nach all den Verwirrungen einfach wieder sein Bündel schnürt.

Thoms zoomt diese Spannungsverhältnisse mit ihrem Schauspielteam ganz nah heran, so dass auch die Verzweiflung spürbar wird, die hinter all den charmanten, boshaften und beschwichtigenden Plaudereien lauert. „Das Gefühl für Dich erregt mich nicht“ lässt die verliebte Gutsherrin ihren Hausfreund Michaijlo wissen. Schon in diesem Satz steckt die ganze Verzweiflung, die Rebecca Klingendorf in ihrer Figur immer wieder aufspürt. Dass es zum wahnsinnig werden ist mit diesem Leben, dass allen Komfort bietet und sogar einen toleranten Ehemann, wenn das Herz nicht mehr spontan klopft sondern nur noch dröge pulsiert. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, dass Sommerflirt ehrlich verliebt ist und nun den Rückzug antritt. Vor lauter Eifersucht wird nun die Pflegetochter des Feldes verwiesen und in die gleiche Beengtheit getrieben. Auch das ist einer der bewegenden Momente an diesem Theaterabend, wenn Christina Jung beschreibt, wie ein naiver neugieriger Teenager einfach verkümmert und als junge Frau eigentlich nichts mehr vom Leben erwartet.
Turgenevs ländliche Gesellschaft jammert auf hohem Niveau. Das macht sie vielleicht nicht sonderlich attraktiv für einen Theaterabend, auch weil der Dramatiker hier keinen politischen Kontext zum russischen Feudalsystem und ihren Nutznießern herstellt. Aber es sind eben nicht nur satte saturierte Menschen, die hier an ihrer Langeweile und ihrem Überdruss laborieren und nach jeder sich bietenden Abwechslung greifen, sondern auch Zeitgenossen, die sich in ihrer Wohlstandsenklave verspekuliert haben und in dieser sensiblen Nahaufnahme nachdenklich stimmen. Vielleicht über ein gesichertes Setting, das seinen Preis hat, wenn dabei Neugier und Leichtsein abhandenkommen, und vor allem der Mut, mal eine Veränderung zu riskieren. Selbst wenn es dabei nur um ein bisschen Nähe und Offenheit geht und einen Alltag, der eigensinnige Wünsche und ihre Widersprüche aushält und von ihnen umso mehr belebt wird.

Premiere mit "Wunsch und Wunder" von Felicia Zeller im Deutschen Theater

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