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Dienstag, 17 April 2018 09:14

Zurschaustellung einer Gesellschaft

„Singen!“ skandiert der Bühnenchor. Diese Tosca darf einfach nicht sterben. Singen soll sie auch unmittelbar nach der heimtückischen Ermordung ihres Geliebten. Jetzt endlich erheben die oft so teilnahmslos anmutenden Beobachter der Ereignisse ihre Stimme. Und das nicht etwa gegen eine gnadenlose Staatsmacht und ihre ebenso gnadenlosen Helfershelfer, sondern einzig für eine weitere Arie. Die Künstlerin gewährt ihnen noch eine tragische Melodie. Doch im Grunde gilt sie nur diesem einen letzten Ton, in dem ihr unendlicher Schmerz ungetröstet verhallt. So wie Giacomo Puccinis berühmte Oper hat auch das Schauspiel Tosca in der Inszenierung von Joachim Schloemer am Deutschen Theater dafür keine Worte mehr.

In Victorien Sardous dramatischer Fassung einer Liebesgeschichte, die zum mörderischen Politdrama wird, ist die musikalische Tragödie weiterhin präsent. Schloemer hat seine Textfassung mit musikalischen Zitaten verwebt. In den Arrangements von Michael Frei (Gitarre) und seiner Band „Il Bacio di Tosca“ mit Hans Kaul (Keyboard, Ukulele) und Manfred von der Emde (Schlagzeug, Bass) bilden Puccinis Motive eine harmonisch und rhythmisch verfremdete Zeichensprache. Sie grundiert einzelne Szenen atmosphärisch und bestärkt sie so auch in ihrer Wirkung, wenn Gefühle malträtiert und in Zweifel gezogen werden und sich ein Herrschaftssystem von seiner bösartigen Seite zur Schau stellt.

Diese Zurschaustellung einer Gesellschaft, in der jedem politischen Abweichler die Folter und der Galgen drohen, betont auch das Bühnenbild von Giulia Paolucci. Ein breites Gestell mit mehreren Etagen dominiert den Raum mit einer Tribüne im Hintergrund und einer Fläche dunkler Erde davor. Wo die Monarchie im Kampf gegen die Republikaner nur noch Dreck aufwirbelt und selbst die mutigsten Gemüter verschandelt, braucht es keine illustrativen Zeichen für Kirchenräume und Künstlerenklaven, den königlichen Palazzo und den Folterkeller auf der Engelsburg. Der Raum verweigert nicht nur jede Form der Privatheit, wenn Floria Tosca (Rebecca Klingenberg) mit dem Maler Mario Caravadossi (Volker Muthmann) wieder eines ihrer leidenschaftlichen Duelle ausfechten. Er macht auch die mörderisch intriganten Manöver des Polizeichefs Baron Sarpia (Gerd Zinck) und seines Schergen Spoletta (Florian Donath) zu einem öffentlichen Ereignis. Für alle Welt sichtbar pokert Chefinquisitor Caraffa (Gabriel von Berlepsch) um die kirchlichen Pfründe an der Seite von Königin Marie-Caroline (Dorothée Neff), die so gerne Köpfe rollen sieht und ihre Terrorkommandos zu genießen scheint. Und auch der flüchtige Republikaner Cesare Angelotti (Moritz Schulze) bekommt für sein Versteck keine Tarnung und beobachtet bereits die Verfolger, die seine Spur aufnehmen. Schloemers Inszenierung hebt so auch die Trennung zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern auf. Es hat den Anschein, als ob jede der Bühnenfiguren diesem politischen Terrorsystem zuarbeitet, egal ob sie davon profitiert, die Verhältnisse ignoriert oder einfach den eigenen Status ungefährdet sieht. Dabei kommt nicht nur die Liebe vor den Fall, sondern auch jede Form von Vertrauen, selbst in den vertrauten Gefährten.

Als gefeierte und hofierte Diva glaubt sich Rebekka Klingenbergs Floria Tosca unbezwingbar. Mit dem Portrait einer machtbewussten Frau, die sich zumindest politisch im sicheren Lager wähnt und emotional erst recht auf der Siegerseite, auch wenn sie eifersüchtig auftrumpft. Ungefährdet sieht sich auch Volker Muthmanns Mario Cavaradossi als erfolgreicher Maler, der seine Großzügigkeit genießt, wenn er der kirchlichen Obrigkeit ein Gemälde spendiert, mit seiner republikanischen Gesinnung kokettiert und dann auch mal Fluchthilfe leistet. Die politische Realität verkennen beide, die auf ihre Folterwerkzeuge vertraut und auf die Todesängste, die sie freisetzt, bis das Paar endgültig von seinem strahlenden Sockel stürzt und sich dabei endgültig verliert.

Die Bildsprache ist ein ganz entscheidendes Element in dieser Inszenierung, die über die Worte hinaus in Gesten mitteilt, in der Sprache der Körper und der Gesichter dann Gedanken und Assoziationen bewegt. Wie hier eine korrupte Bande von Majestäten, Ordnungskräften, Glaubensverwaltern ihr intrigantes Stellungsspiel an ihren Schalthebeln der Macht betreiben, bis auch der letzte Rest von Vertrauen und Zuversicht getilgt ist. Und alle schauen einander dabei zu, Seite an Seite mit den Statisten, die hier den sprachlosen Volkschor bilden, wo ab und an auch mal jemand die Gewalt von ihrer schamlosesten Seite zu spüren bekommt und furchtsam erstarrt. So fällt auch Toscas Rache zweideutig aus und endet nicht mit der Ermordung Scarpias und dem vergeblichen Rettungsversuch des Geliebten.

Sie ruht in diesem letzten Ton, mit dem sie dem System zumindest ihre Unsterblichkeit verweigert.

 

Sonntag, 24 Dezember 2017 09:00

Großes Kino im kleinen „Bellevue“!

Eine weihnachtliche „Nachtbar“ im Deutschen Theater

Mittwoch, 06 Dezember 2017 16:07

Assoziativ spekulierende dramatische Chronik

„America First“ - Aus dem Tagebuch der Marilyn Monroe. Uraufführung von Christoph Klimke am Deutschen Theater

Samstag, 21 Oktober 2017 14:12

Kunterbunter Haussegen

DT-Nachtbar mit den neuen Ensemblemitgliedern

„Shockheaded Peter“ am Deutschen Theater

Nöö. Aus diesem Zausel wird nie ein Designertyp mit pomadigem Kopf, wer auch immer ihn mit Schere und Empörung traktiert. Da hat es das Elternpaar schon schwer, so schön barock herausgeputzt, weil es in der Heiligen Familie einfach nicht manierlich und noch weniger kuschelig zugeht. Alles nur wegen diesem Struwwelpeter, der in der Musicalfassung der Tiger Lillies als „Shockheaded Peter“ noch ein bisschen brachialer daher kommt. Shockheaded eben und deshalb gern mal mit dem Kopf durch die Wand, so wie Paulinchen und Robert, der Suppenkasper und die bösen Jungs, die nicht pflegeleicht sein mögen und dafür in den Geschichten des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann ziemlich übel traktiert werden.

Heute lässt der Kinderbuchklassiker von anno 1844 auch an ein splatter movie denken, schön bösartig illustriert mit abgeschnittenen Daumen, brennenden Körpern und blutigen Bissen. Aber so leicht wollte es sich Regisseur Niklas Ritter mit seiner Inszenierung am Deutschen Theater natürlich nicht machen. Grell, frech und finster muten die Geschichten immer noch an. Doch mit seinem Schauspiel-Team und den vier Musikern, die als kreatives Quartett von „Musikantenknochen“ auf der Bühne im Einsatz sind, verwandelt er die „Jung-Oper in ein wunderbar anarchisches Panoptikum mit Hintersinn. „Shockheaded Peter“ wird zum spielerischen Abenteuer, wo die Lust, sich mit viel Fantasie in den Figuren und ihren Motiven auszutoben, immer wieder mit ironischen Kontern belebt wird.

Es ist eben nicht nur ein hinreißendes Spektakel, das Roman Majewski, Moritz Schule und Katharina Uhland da an der Suppenkaspertafel zelebrieren, wo das Blechgeschirr mächtig scheppert, während die Drei vergnüglich durch die Gegend spucken und prusten. So spucken sie eben auch all den langweilig gepflegten Tischrunden in die Suppe, bei denen man durchaus auch mal das Hebelgesetz und seine Wirkung an einer Suppenkelle testen könnte, damit endlich etwas überraschend Belebendes passiert. Etwas, das dem beunruhigten Erzieherpaar bestimmt ganz gut bekäme.

Andrea Strube und Andreas Jessing kommen später noch ausgiebig zum Zuge, wenn der Cognac nicht mehr tröstet und die mütterliche Pose endlich abserviert ist. Wie anders lebt es sich mit Zauselperücke und endlich lustvoll ohne diese ganzen Tabubefindlichkeiten. Über die Stränge schlagen, Grenzen ausloten und unterwandern ist an diesem Abend eben nicht nur Hoffmanns Kids vorbehalten sondern allen Figuren, die sich nach mehr Freiheit sehnen und der Ordnung mit ein bisschen Chaos auf die Sprünge helfen, so lange in ihnen noch ein kleiner Struwwelpeter lauert.

Doch jetzt ist erst mal Drummer Manfred Ende an der Reihe, der dem Blechgelage tolle Sounds für das zappelnde Paulinchen entlockt, bis die Tischdecke zum Leichentuch wird. Nichts Gutes lässt auch der rosa Panzer ahnen, der da so sanft von der Decke schwebt, wenn ein jugendliches Trio seine Kraftproben genießt und auf den Schwächeren eindrischt. Auch da funkeln die Augen an der Bar mit dem riesigen Totenkopf in höllisch leuchtendem Rot auf den sich die vier „Musikantenknochen“ mit Michael Frei, Hans Kaul, Tilmann Ritter und Manfred von der Emde wieder ihren wunderbar subversiven musikalischen Reim machen.

Bühnenbildner Alexander Wolf lässt immer wieder kleine Kabinetträume mit schön scheußlichem Wohnzimmerdekor auf die Bühne rollen. In denen herrschen klaustrophobische Verhältnisse, egal wie schön die Heimgitarre gerade jault oder die Abendgala zurecht gezupft wird. Kein Wunder also, dass es Hoffmanns Figuren dort auch in depressive Löcher stürzt, anstatt dem Beispiel des fliegenden Robert zu folgen, der sich dann doch lieber in die Wolken verflüchtigt und so wunderbar melancholisch wegschwärmt wie Moritz Schulze mit dieser träumerischen Ballade. 

Es gibt viel zu sehen und zu lesen mit den Bildern und vor allem zwischen den Zeilen, wo die scheinbar geordneten Verhältnisse außer Kontrolle geraten, wenn sich das Zusammenleben an Regeln und Konventionen erschöpft und nur noch langweilt. Da genießen Hoffmanns Störenfriede und Unruhestifter die vielen fantastischen Möglichkeiten, die das Schauspielteam auf der Bühne für sie erfindet, gemeinsam die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen und dabei immer wieder böse Bruchlandungen zu riskieren. Dann ist es auch egal, ob ihnen Zwangsstörungen, Magersucht, Aggressionen oder Depressionen attestiert werden, die sie aus der erziehbaren Rolle fallen lassen. 

Auf diese diagnostische Falle, die in den Struwwelpeter Episoden latent lauert, lässt sich Regisseur Niklas Ritter gar nicht erst ein und schmuggelt stattdessen auch noch ein paar schön provokant aufmunternde Texte in das Libretto. Über die Tugendwächter von Kunst und Kreativität, die sich auch nicht gern in ihre konventionelle Suppe spucken lassen und dann auch über die Generationenverträglichkeit, die reichlich heftige Seitenhiebe aus dem pubertären Lager bekommt.

Schon die Surrealisten plädieren ja bereits dafür, dass in der Fantasie alles erlaubt sei und dass man dafür leider auch gelegentlich auch auf die realistische Bodenhaftung verzichten müsse. So wie dieser Shockheaded Peter, der zum Finale sogar auf die Vertreter von Himmel und Hölle trifft, die sich an der Totenkopfbar um den umtriebigen Poltergeist kabbeln. Als Egoshooter kommt er dann leider nicht mehr so gut weg. Aber Engel und Teufel hinterlässt er gerne noch diese aufmunternde Botschaft, die mit ihrem Listigen Augenzwinkern natürlich auch das Publikum meint: Wer fliegen will, muss böse sein. 

„Shockheaded Peter“: Weitere Vorstellungen am 17.3., 26.3.,  31.3., 19.4., 24.4., 27 4., 12.5. und 10.6.

Uraufführung „Die Nutznießer – »Arisierung« in Göttingen“ am Deutschen Theater

Die Lausprecherwand auf der Bühne rückt allmählich näher. Aber das so unauffällig langsam, dass die Schauspieler zunächst den Eindruck machen, als fühlen sie sich inzwischen bedrängt von all den Mappen und Ordnern und einem bürokratischen Labyrinth aus Vermerken, Anordnungen, Listen und Protokollen, wie sie in den Jahren 1933 bis 38 nicht nur in Göttingen alltäglich war. Aber genau hier hat Autorin Gesine Schmidt ihre dokumentarischen Recherchen über die Phase der Arisierung angesiedelt: Über die systematische Diskriminierung, Ausgrenzung und Enteignung der jüdischen Göttinger Bevölkerung und die allmähliche Vernichtung der Menschenwürde.

„Die Nutznießer“ in der Inszenierung von Marcus Lobbes ist kein Theaterabend, der sich an der dramatischen Zuschaustellung von historischem Alltag mit realistischem Personal und fiktiven Dialogen versucht. Er lässt, wie es Schmidts Text auch fordert, die Akten sprechen: Auch die Briefe und die Augenzeugenberichte, wie sie im Stadtarchiv lagern und im Hauptstaatsarchiv lagern und nun eine Stimme bekommen. Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Frederik Schmid, Moritz Schulte und Katharina Uhland bilden eine Gruppe von Archivaren, die betont sachlich auftreten, während sie sich in die protokollierten und bekundeten Vorgänge vertiefen, wenn sie jetzt aus den Erinnerungen der Familie Hahn lesen, über die Reichspogromnacht, den Briefwechsel mit der Glasversicherung und die nachfolgende Hausdurchsuchung.

Wenig später wird die Beschwerde vom Kaufmann Max Rotenberg abgelehnt, man möge das Schild „Juden unerwünscht“ vor seinem Grundstück Reinhäuser Landstraße 55 entfernen. Da planen Ludwig und Greta Löwenstein bereits ihre Emigration und müssen ihre Habe bis auf den letzten Silberlöffel peinlich genau auflisten, Noch sind die Gesetze nicht in Kraft, die ihnen bei der Ausreise eine Schändung des Volksvermögens vorwerfen. Göttingens damaliger Bürgermeister Albert Gnade positioniert sich selbstbewusst als fanatisch hassender Antisemit und SS Standartenführer - auch wenn die ein oder andere Hausfrau ja doch ganz gern in jüdischen Geschäften einkaufte. Es fehlt auch nicht an bekräftigenden Kommentaren, als die jüdischen Nachbarn mehr und mehr vom wirtschaftlichen und sozialen Leben ausgeschlossen und ihr Besitz enteignet wurde. Viel schriftlichen und presseöffentlichen Beifall gab es auch für die Arisierung von Häusern und Wohnungen, deren jüdische Mieter sich vergeblich mit Klageschriften zur Wehr setzten: Zum Nutzen derer, die mit jeder Reichsmark zu ihren Gunsten um jüdische Geschäfte und Besitztümer von Wert schacherten.

Es will einfach kein Ende nehmen mit den Zumutungen und den behördlichen Diktaten, die schließlich in die Deportationslisten münden. Manchmal peinigt der sachliche Tonfall, wenn die Schauspieler nach einem weiteren Ordner greifen und nach dem einzelnen Blatt. Etwa um nun zu Bekunden, dass das 2. Polizeirevier keine Verstöße gegen das Ausgehverbot zu vermerken hatte und dass gemäß der Aufstellung des Göttinger Finanzamtes 81 Juden aus Göttingen und vier aus Bovenden mit dem zweiten Transport „abzuwandern“ hätten. Aber diese peinigende Wirkung ist auch ein Element dieses Theaterabends, der den Zuschauern enorm viel Aufmerksamkeit für ein Horrorkabinett abverlangt, das immer noch aktenkundig ist. Dazu gehört auch das abschließende Dossier aus den Nachkriegsjahren, als das Thema Widergutmachung auch die Juristen beschäftigte.

Ebenso erschreckend wie peinigend mutet der juristische Jargon an, bereinigt von jedem Hinweis auf den politischen Kontext. Da wird beim Thema Wiedergutmachung mit dem Begriff freiwillige Zwangsenteignung argumentiert, als ob der menschenvernichtende NS Staat nicht verhandelbar sei. Von der Bühne poltern inzwischen mehr und mehr Lautsprecher, und die Wand, in der in sich jetzt unzählige Blätter und Mappen befinden, drängt auch die Schauspieler über die Kante. Jetzt verstummt das Stimmengewirr mit diesem monotonen Rauschen aus den Lautsprechern, für das aktuelle rassistische Kommentare collagiert wurden. Vermutlich klingen sie hörbar genauso wie die Stimmen derer, mit denen die Inszenierung dieser Chronologie über die Arisierung in Göttingen hellhörig macht und warnt.

Montag, 21 November 2016 15:24

Wir können auch große Bühnenbilder

Don Karlos von Schiller – ein Monolith im Repertoire der Theater. Generationen von Schülern durften dieses „dramatische Gedicht“ interpretieren – was ist dazu nicht schon alles gesagt und geschrieben worden.

Das Deutsche Theater eröffnet mit der Operette "Im weißen Rössl" die neue Spielzeit

Am Sonntag erhielten die Schauspieler Felicitas Madl und Moritz Schulze den "DT Förderpreis" verliehe. Die Laudatio hielt Tina Fibiger. Der Text dieser Laudatio ist hier nachzulesen:

Donnerstag, 28 April 2016 05:32

Absturzgefahr auf dem Display

„Netboy“ auf der DT-2 Bühne

Dienstag, 12 Januar 2016 14:00

A Hot Time in the Town of Göttingen

Frankie Boy - Ein Abend über Frank Sinatra mit Musik von Cole Porter

Ein gleißender Lichtspot erhellt Frank Sinatra (Moritz Schulze), der mit der selbstsicheren Dandy-Eitelkeit, die eben nur Frank Sinatra haben kann „You'd be so nice to come home to“ singt. Ihm zu Füßen liegen eine Reihe quietschender Teenager-Babes, die ihre Verzückung so gar nicht verbergen wollen. Schade, dass Frankie Boy nicht „The Talk of the Town“ singen durfte, denn es ist unzweifelhaft: Dieser Abend war einfach großartig.

Die Handlung der Revue ist schnell erzählt: Der junge Frank Sinatra singt sich mit Unterstützung des Mafiosi Willie Moretti und seiner Gang (herrlich: Paul Wenning, Karl Miller und Frederik Schmid) aus einem Knebelvertrag mit Tommy Dorsey (Benjamin Krüger). Dabei wird er schnell unfassbar erfolgreich, heiratet skandalöserweise Ava Gardner (Katharina Uhland), für die er sich von seiner Nancy trennt, fischt im kriminellen Sumpf Havannas und lässt sich schließlich nach einigen brutalen Auseinandersetzungen wieder scheiden.

Zwei große Shure-Mikrofone, dahinter die „Simply Swing Society“-Big Band in feinen Dinneruniformen; ein paar Café-Tische mit weißen Decken. Tim Zumbachs Bühne ließ aus Göttingens Theater einen verrauchten Nachtclub der 1940er Jahre werden, dessen Atmosphäre vor allem auch durch die schillernden Kostüme Bettina Latschas verstärkt wird.

In diesem Club, der zeitweise auch mal zum Wohnzimmer oder zu einem Studio in Los Angeles wurde, erklangen in Form eines szenischen Konzerts (Regie: Erich Sidler) insgesamt 17 Cole Porter Klassiker nebst fulminanter „New York – New York“-Zugabe. Dass Moritz Schulze dabei mehr als die Hälfte dieser Nummern allein singt, ist absolut beeindruckend. Ebenso fesselnd: Katharina Uhland als Ava Gardner, die mit „Can't help loving that man of mine“ den gefühlvollsten Beitrag der Revue sang, und später sogar noch mit der lasziv zirpenden Marlene Dietrich (Andrea Strube) zarte Küsse austauschen durfte.

Dass letztlich nicht die einschlägigen Frank Sinatra Klassiker gesungen wurden, sondern sich Michael Freis Arrangements bis auf drei Stücke auf Cole Porter-Nummern beschränkten, gab der Revue den angenehmen Hauch eines großen Broadway Musicals. Erich Sidler trifft mit „Frankie Boy“, das er zusammen mit seiner Dramaturgin Sara Örtel geschrieben und eingerichtet hat, vollstens ins Schwarze. Man weiß gar nicht, wo man mit dem Loben anfangen soll: Frische, Eleganz, Mut, Sex, Jazz und schön viel Zigarettenrauch: „Frankie Boy“ hat all das, was nicht nur großes Theater, sondern was vor allem auch Göttingen braucht.

Sonntag, 28 Juni 2015 14:43

Staunt und zweifelt!

Verleihung des Nachwuchsförderpreises an Bardo Böhlefeld im Deutschen Theater

„Staunt und zweifelt!“ ruft Intendant Erich Sidler den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im Deutschen Theater zu. Es sind dies Bardo Böhlefeld, Benedikt Kauff, Felicitas Madl, Frederik Schmid und Moritz Schulze. Er macht ihnen Mut, diesen „schönsten aller Berufe“ weiter engagiert auszuüben und sich in jeder Rolle stets neu zu erfinden. Diejenigen von den fünf Nominierten, die den Preis in diesem Jahr nicht erhalten haben, möchte er keine „Trostrede“ halten. Sie dürfen zwar jetzt enttäuscht sein, aber müssen ihr Talent weiter entfalten. Für jeden hatte er noch einige sehr persönliche Worte gefunden, die für die kommende Spielzeit Mut machen sollten.

Den Preis hat der Förderverein des Deutschen Theaters in diesem Jahr dem Schauspieler Bardo Böhlefeld verliehen. Tina Fibiger hielt die Laudatio auf den in Rom geborenen Böhlefeld, der in Göttingen seine erste feste Anstellung in einem Ensemble hat. Den Text ihrer Ansprache können Sie hier komplett nachlesen. Zu Beginn ihrer Ansprache war die Entscheidung der Jury noch nicht bekannt. Und Fibiger hielt die Spannung noch lange aufrecht. Als sie den Namen des Preisträgers erstmals nannte, gab es lautstarken Beifall – und das nicht nur vom Publikum im DT Keller, sondern auch von den Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls für diesen Preis nominiert waren.

Und weil die Preisträgerentscheidung so geheim gehalten worden ist, wusste auch Vanessa Czapla nicht, wer es sein wird. So sang sie ihren Förderpreis-Song auf alle fünf Kandidatinnen und Kandidaten. „You are the top“ titelte sie ihren Song, in dem alle Stücke und viele Rollen der Kandidaten vorkamen.

Florian Eppinger las nach der Preisverleihung einen Text aus dem Jahr 1998 vor. Josef Bierbichler erhielt damals den Gertrud-Eysoldt-Ring und widmete sich in seiner Dankesrede dem Thema „Engagement und Skandal“. Wie aktuell Bierbichlers Provokationen heute noch sind, war während Eppingers Vortrag deutlich zu spüren.

Zuvor gratulierte der stellvertretende Vorsitzende des Fördereins, Werner Tönsmann, dem Vorsitzenden Harald Noack nachträglich zum 70. Geburtstag. „Das wollte ich eigentlich geheim halten“, äußerte Noack. So recht glauben wollte das aber niemand…
Am Ende der kurzweiligen Feierstunde holte Erich Sidler noch einmal Vanessa Czapla nach vorne. Sie wird das Ensemble verlassen und nach Saarbrücken gehen. Nun flossen doch noch Tränen, nachdem Bardo Böhlefeld seine Dankesworte mit der Aussage begann „Ich werde jetzt nicht in Tränen ausbrechen.“
Der Förderpreis ist mit 2.000 Euro dotiert. Böhlefeld rief seinen Mitstreitern zu: „Dieser Preis ist auch für Euch!“

Montag, 20 April 2015 16:15

Eine brillante Aufführung

Biedermann und die Brandstifter – Premiere im Deutschen Theater

Auf einem überdimensionalen Flacon steht der Protagonist Gottlieb Biedermann und zeigt sich durch grazile Bewegungen und Gesten als den perfekten Menschen. Doch was macht einen perfekten Menschen aus? Wie denkt und handelt er? Durch den Raum schallt eine Stimme, die genau danach fragt: „This is the perfect human. What kind of thing is it?“

Herr Biedermann und seine Frau Babette, dargestellt von Karl Miller und Felicitas Madl, wohnen als Inhaber einer Parfümfabrik in einem schönen Eigenheim. Sie lesen in der Zeitung von Brandstiftern, die ihr Unwesen in der Stadt treiben und ganze Stadtviertel in Brand setzen. Als Obdachlose, die um Herberge erbitten, verschaffen sie sich Zutritt in fremde Häuser und zünden sie an. Biedermann belächelt die Einfaltspinsel, die auf solch einen Trick hereinfallen -  befindet sich aber plötzlich in derselben Situation. Schmitz, einer der Brandstifter (Bardo Böhlefeld), gelangt mit der gleichen List in das Heim der Biedermanns. Die Beiden lassen sich geschickt um den Finger wickeln und bemerken nicht, wie offensichtlich das Unheil seinen Lauf nimmt. Sie sind blind vor Freundlichkeit und wollen der Tatsache nicht ins Auge sehen, dass sie gradewegs in eine Tragödie rennen. Sogar als Schmitz seinen Freund Eisenring (Frederik Schmid), ohne zu fragen mit ins Haus holt und Benzinfässer auf dem Dachboden lagert, möchte keiner der Hausbewohner die unheilvolle Situation erkennen. Diese spitzt sich schließlich immer weiter zu, bis es schließlich zu einer Explosion kommt...

Das „Lehrstück ohne Lehre“ von Max Frisch wurde von dem Dramaturgen Matthias Heid und unter der Regie von Lucia Bihler auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung hat die Intention, vor dem Offensichtlichen nicht die Augen zu verschließen. Bardo Böhlefeld, als Schmitz dem Brandstifter, ist es gelungen auf geschickte, emotionale Weise und mit vielen Wortspielen die Hauseigentümer um den Finger zu wickeln. Frederik Schmid  als sein Komplize schlüpft mühelos in die Rolle des manipulativen, stotternden Obdachlosen, aber auch in den selbstbewussten Komplizen von Schmitz. Felicitas Madl verkörpert Babette, die Frau des Hausherren Biedermann. Sie glänzt in ihrem wunderschönem 50er Jahre Kleid und stellt die perfekte Ehefrau des Unternehmers Biedermann dar. Ihr gelingt der schmale Grat zwischen der hilfsbedürftigen, herzkranken Ehefrau und der selbstüberzeugten Dame des Hauses. Mark Miller als Herr Biedermann stellt den angeblich perfekten Menschen dar. Durch eine unverbesserliche Körperbeherrschung bewegt er sich auf der Bühne, als ob es tatsächlich sein Eigenheim wäre und symbolisiert seinen Individualismus in der Gesellschaft. Als wortlose Hündin Anna gestikuliert Moritz Schulze in seinem schwarzweißen Ganzkörperkostüm. Auch ohne Worte weiß jeder, was er mitteilen möchte. Er ist der Charakter auf der Bühne, der wohl am meisten Mistrauen gegenüber den Baranstiftern ausübt, als alle anderen längst die vermeintlichen Obdachlosen ins Herz geschlossen haben.

Es steht das Wissen der Realität, der Probleme und der Zerstörung im Raum. Man soll sich dementsprechend verhalten, handeln und etwas ändern. Etwas ändern und handeln bedeutet aber oft, gleichzeitig eventuelle Konsequenzen ziehen zu müssen und seinen Lebensstil verändern. Es ist natürlich einfacher, sich der Hoffnung hinzugeben, dass die Probleme durch das Ignorieren von allein wieder verschwinden. Herr Biedermann befindet sich als Individuum in der Position, Probleme zu erkennen, zu handeln und diese zu lösen. Aber er ist blind und zu ängstlich vor der Konfrontation, die eine Veränderung mit sich bringt. Die Folgen sind verheerend und schließlich unausweichlich.

Matthias Heid und Lucia Bihler übertragen mit dieser Inszenierung das bekannte Stück in die aktuelle gesellschaftliche und globale Situation. Klimawandel, Flüchtlingskatastrophen und Rechtsextremismus sind Stichworte, die wohl jedem ein Begriff sind und die Probleme vor Augen führen. Die Devise lautet: Erkennen, Handeln und somit etwas ändern, sonst gibt es einen großen, lauten Knall, so dass nicht nur das schöne eigene Heim brennt, sondern die gesamte Stadt.

Ein nicht enden wollender Applaus ist die Belohnung für diese brillante Aufführung.
Der Zuschauer geht lachend aus dem Schauspielhaus, während im Hinterkopf die eigenen Gedanken nach und nach beginnen Formen anzunehmen.

Weiter Vorstellungen finden an folgenden Terminen statt:
28.04.15, 20.05.2015, 29.05.2015, 02.06.2015, 05.06.2015, 08.06.2015, 09.06.2015, 11.06.2015, 12.07.2015

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