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Dienstag, 20 März 2018 00:00

Bisweilen düstere Einsicht

„Geburt, Schule, Arbeit, Tod“ – diesen Kreis versucht Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Roman Panikherz zu durchbrechen. Am 17. März erlebte das Theaterstück zu der autobiographischen Romanvorlage in der Inszenierung von Nico Dietrich seine Uraufführung im Jungen Theater. Mit von der Partie die verschiedenen Lebensphasen Stuckrad-Barres (dargestellt durch: Katharina Brehl, Agnes Giese, Andreas Krüger, Jan Reinartz und Karsten Zinser) sowie ein Udo Lindenberg, der an Kauzigkeit kaum zu übertreffen ist.

JT-Premiere „Er ist wieder da“ nach der Bühnenfassung von Timur Vernes Roman in der Inszenierung von Michaela Dicu

Uraufführung „Barbara. Gegen das Vergessen“ von Peter Christoph Grünberg im Jungen Theater

Mittwoch, 20 September 2017 00:00

Der Verrat eines verratenen Zweiflers

„Judas“ Premiere des Junge Theaters in der St. Johanniskirche

Sonntag, 10 September 2017 18:25

Die Gretchenfrage

Nach 60 Jahren erneut: "Urfaust" im Jungen Theater in der Inszenierung von Nico Dietrich

Produktion des Jungen Theaters in der St. Johanniskirche - Premiere am 16. September

Freitag, 21 April 2017 18:19

Eine Invasion von Eindrücken

Premiere der Koproduktion von JT und DT „Invasion!“

Wer bin ich, wer sind die anderen Menschen? Die Fragen schwirren durch den Raum, bleiben hängen, tragen sich weiter. Es ist wortwörtlich eine Invasion von Bildern, Worten, Eindrücken, die auf die Zuschauer einprasselt. Anfängliche Verwirrung steht im Raum, als der Beginn des Stückes scheinbar aus dem Publikum massiv gestört und von Jugendlichen die Bühne gestürmt wird. Schnell versteht das Publikum jedoch den integrativen Moment. Das 2006 in Stockholm uraufgeführte zeitgenössische Stück Invasion! des schwedischen Schriftstellers Jonas Hassan Khemiri, dass gestern im Jungen Theater seine Premiere feierte, ist eine gemeinsame Produktion zwischen dem Jungen Theater Göttingen und dem Deutschen Theater Göttingen.

Am Anfang steht der Name Abulkasem im Raum, inmitten eines klassischen Dramas des Schweden Almqvist, als Zeichen der Bedrohung des Fremden. und zieht sich wie ein Band durch den Abend. Der Name wandert zwischen verschiedenen Milieus, von der Eckkneipe zum Apfelpflücker, vom vermeintlichen Frauenheld zum von Wissenschaftlern Gejagten und Gefürchteten. Diese immer wiederkehrenden Wandlungen zeigen sich auch an den schnell wechselnden Darstellerrollen: Der Problematik von 17 Rollen aufgeteilt auf vier Darsteller in sieben Szenen begegnet man mit guten Übergängen. Man nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch das Stück. Die Überleitungen sind gelungen und helfen dem Zuschauer die schnellen Szenenwechsel zu verstehen. Auch die Adaption an Göttinger Verhältnisse unterstützt dies: Ob Grone Süd, das Déja vu, die Südstadt; eingebettet in wohlbekannte Milieus, wird der Zuschauer einbezogen.

Die unterschiedlichen Szenen werden zusammengehalten von Abulkasem: Ein Name, ein Mann, den keiner richtig kennt, aber überall herumschwirrt, den alle zu kennen glauben oder vorgeben. Grenzen werden so aufgebrochen, neu zusammengefügt und die Vielschichtigkeit der sprachlichen und kulturellen Identität verdeutlicht. Khemiri spielt in seinem Drama mit dem Bild des Fremden in Kontrast zum Eigenen und der Zuschreibung von Identitäten und Bevormundung. Die unterschiedlichen Sprachebenen tragen zur Auflockerung des Themas bei, verdeutlichen aber auch immer wieder eine gescheiterte Kommunikation. „Wörter entwickeln sich ständig.“ Nicht nur die Sprache ist wandelbar, auch die Bedeutungen variieren, die Wahrnehmung verändert sich. Ob Islamphobie, Multikulti, die Suche nach Identität: Es ist ein Konglomerat aus Anspielungen gesellschaftlicher Kategorisierungen.

Das Ensemble ist energiegeladen, es schafft den Spagat zwischen Ernst und Komik. Marcel Irmey, zurzeit als Gast am Jungen Theater und Schauspielstudent an der Schauspielschule Kassel, gibt insbesondere zusammen mit Bardo Böhlefeld vom Deutschen Theater ein gutes Duo ab. Dieser überzeugt durch seinen Facettenreichtum: Ob Erzähler, Wissenschaftler, Jugendlicher mit Migrationshintergrund; er hat das Publikum im Griff. Jan Reinartz vom Jungen Theater fällt insbesondere durch seine stetige Verwandlung auf: Von seinen fünf Rollen ist insbesondere der Apfelpflücker hervorzuheben. Linda Elsner, ebenfalls vom Jungen Theater, setzt den komplexen Charakter der Lara gut in Szene. Die verschiedenen Bühnensituationen und Stilformen gehen dabei teils fließend, teils in großem Kontrast ineinander über. Die Inszenierung von Milena Paulovics ist wirklich gelungen. Die intime Bühnengestaltung holt den Zuschauer dabei näher an das Geschehen, lässt ihn teilhaben und verringert die Distanz.

Die wiederkehrende Frage „Warum gerade Abulkasem?“ verstärkt sich in Kombination mit der Frage nach Identität und der Konstruktion von Sprache. Jonas Hassan Khemiris Drama Invasion! regt zum Nachdenken an. Man sollte sich definitiv eine der wenigen Vorstellungen nicht entgehen lassen.

Invasion! von Jonas Hassen Khemiri - Deutsch von Jana Hallberg
weitere Vorstellungen am 25. April, 9. Mai und 18. Mai

„Der größte Zwerg“ am Jungen Theater

Wer mag schon einen Buckligen spielen, der auch noch verkrümmt ist und offenbar ein Winzling. Das Ensemble des Jungen Theaters kabbelt sich erst mal um die Besetzung. Und schon dabei steht ihnen Georg Christoph Lichtenberg wortreich zur Seite. Es ist eben nicht alles so wie es scheint, und wie so oft macht subversives Nachfragen die Sache zwar nicht besser. Aber es bringt die Dinge auf den treffenden zwiespältigen Punkt. Und dann ist eben eine Kostprobe aus seinen Sudelbüchern fällig.

Ist es nicht unglaublich, dass diesem mickrigen Bündel, das nur noch eine Nottaufe erhielt, trotz des offenbar mickrigen väterlichen Spermas zum Universalgelehrten avancierte. Buckeln lassen hat er sich jedenfalls nicht, und von niemand das Maul verbieten. Egal ob es um gelehrige Wichtigtuer und ihre Konventionen, den Göttinger Biedersinn oder andere strapaziöse Alltäglichkeiten, die dieser ewig umtriebige Geist eben auch in seinen Sudelbüchern vermerkte.

Ein Sudelstück hatte Autor und Regisseur Peter Schanz für sein dramatisches Lichtenberg Portrait im Jungen Theater angekündigt und keinesfalls eine manierliche Biografie. Und so kam das Publikum zur Uraufführung seiner Inszenierung „Der größte Zwerg“ in den Genuss eines frechen und turbulent verspielten Panoptikums. Bloß keine honorige Eloge lautete die Devise für diesen Abend über das reiche, bewegende und schmerzhafte Leben von GCL, um ganz in seinem Sinne mit ihm und über ihn spötteln und so sein Leben in all den tragischen und komischen Verwerfungen in ein wildes Bühnenabenteuer verwandeln.

Peter Christoph Scholz schultert als erster den Buckel, um sich nun auch den Spekulationen und Sprüchen von Zeitchronisten über Göttingens berühmten Wissenschaftler und ewigen Querdenker auszusetzen. Seine wenig schmeichelhaften Kommentare über die viel gerühmte Gelehrsamkeit an der Georgia Augusta fanden schließlich nicht nur Zustimmung. „Steht ein bucklig Männlein da“ spötteln nun Linda Elsner, Agnes Giese, Franziska Lather, Jan Reinartz und Karsten Zinser im Chor. Auch sie bekommen in den nachfolgenden biografischen Kapiteln abwechselnd den Buckel geschultert, um sich auf diesen verkrümmten Körper einzulassen, den Lichtenberg selbst als Gefängnis für die Seele beschrieben hatte, um diesem Zustand so oft wie möglich geistreich oder wenigstens lakonisch zu trotzen.

Mit dem Titel „Buckel“ hat Schanz auch jedes Kapitel über Einsichten und Ansichten zum Leben des größten Zwergs überschrieben. Die Buckel widmen sich zunächst den profanen Seiten des Göttinger Lebens, das unter anderem einer Wurst Expertise unterzogen wird. Der „Welt-Öffner“ und der „Experimentator“ Lichtenberg kommen zur Sprache. Seiner Neugier und was ihn und literarisch beflügelte widmet sich das Kapitel „Aphorisiaka“, der „Liebhaber“ wird erkundet und auch der ewig gepeinigte Mensch mit der „Krankheit zum Tode“.

Der Experimentalphysiker, der sich auch an der Erfindung des Blitzableiters vergnügte - „ Wissenschaft soll und muss Krach machen“ lässt sich natürlich nicht von dem trinkfesten Zeitgenossen trennen, der an einer genüsslichen Saufkunde laborierte, auch weil er befand, dass der Alkohol Ideen und Falten geschmeidiger mache. So wenig wie sich der Englandreisende, der dort am liebsten gelebt hätte und vergeblich von Weltforschungsreisen träumte, von dem amourösen Flaneur trennen lässt, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden und der der Liebe seines Lebens die zärtlichsten Worte widmete. All diese bewegenden und auch widerspenstigen Skizzen, Szenen und Kommentare erkundet das JT-Ensemble an einer Galerie von Tischen im Theatersaal.

Lichtenberg hätte es sicherlich gefallen, dass sein querköpfiges, ideenreiches Leben wie auf einem Laufsteg zelebriert wird. Und dass es in der Fülle von Episoden, Einfällen und ihrer spielerischen Umsetzung mit stilisierten historischen Requisiten meist ziemlich turbulent zugeht. Vor allem, wenn dann sechs Buckelträger mit Kommentaren von und über Lichtenberg ein Chaos aus Sprüchen, Argumenten und Zitaten anrichten, dabei auch mal wild kreischen, übereinander herziehen und spielerisch ausufern.

Die Posse, der Schalk und die Lust zu Übertreiben ist immer mit im Spiel an diesem Abend über Göttingens „größten Zwerg“. Aber nach all dem Spektakel kommt es auch zu dieser berührenden Szene mit Franziska Lather, die die Arie „Cara Sposa“ aus Händels Oper „Rinaldo“ singt, begleitet von Peter Christoph Scholz an der Violine. Der Lichtenberg, der die Londoner Uraufführung erlebt hatte, windet sich jetzt auf dem Tisch von Schmerzen gepeinigt und in entsetzlicher Atemnot. Aber was wäre ein Abend über diesen Experten für unheilbare menschliche Schwächen, wenn daraufhin nicht noch ein Abstecher in seinen Fundus an klugen und weitsichtigen Erkenntnissen folgte. Ein paar Aphorismen haben die sechs Buckligen noch auf Lager. Und den liebsten Lichtenbergspruch ihres Regisseurs lassen sie dann auch auf kleinen bedruckten Blättern über die Zuschauer regnen. Der „größte Zwerg“ will einfach keine Ruhe geben, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstages. Auch nicht mit den Worten „Lerne den Menschen kennen und waffne Dich mit Mut, zum Vorteil Deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden.“

Die nächsten Aufführungstermine von "Der größte Zwerg" sind am 4.3.2017, 10.3., 18.3 ,31.3., 29.4 , 17.5., 9.6., 30.6. und am 1.7.2017

Dienstag, 06 Dezember 2016 21:52

Engagierte Anteilnahme

Ziemlich beste Freunde - Der Filmerfolg auf der JT Bühne

Samstag, 23 April 2016 21:16

Wo bleibt der Widerstand?

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ am Jungen Theater.

Dienstag, 02 Februar 2016 15:54

Ein grandioses Musikspektakel ohne Worte

„Money, Money, Money“ am Jungen Theater

Songtexte können viel erzählen von Stimmungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Katastrophen. Manchmal sogar mehr, als es gesprochene Worte vermögen. Das Junge Theater lässt es darauf ankommen. In der Inszenierung von Milena Paulovics und den musikalischen Arrangements von Fred Kerkmann spricht einfach nur die Musik, ohne Dialoge und erklärende Zwischentext. Und das über ein Thema, das besonders viel Gesprächsstoff bietet: „Money, Money, Money“. Es geht um das Thema Geld, wie es unseren Alltag diktiert, unsere Vorstellungen von Glück, Erfolg, Sicherheit und Versagen All das steckt auch in den Songs, die das Schauspielteam auf der Bühne des Jungen Theaters in berührende Erzählungen verwandelt.

Die Kneipe ist natürlich ein idealer Treffpunkt, um die Songs in Szene zu setzen und mit ihnen die Figuren, die hier mit ihren Geschichten gestrandet sind. Der Geschäftsmann, der nach einem misslungenen Deal noch ausreichend Kohle hat, um damit um sich zu werfen, trifft auf den Zocker, der vom Automatenglück träumt. Hier driften Liebespaare auseinander, wenn sie ihre Zukunftspläne nach Gefühls- und Geldwerten aufrechnen. Nach weiteren Nebenjobs wird ebenso gehungert wie nach irgendeiner Idee, aus der Misere rauszukommen und sei es als Popstar. Wünsche und Bedürfnisse kollidieren hier auch musikalisch, selbst wenn es stilistisch keine Gemeinsamkeiten zwischen einem Gitte Schlager „Ich will alles“ und der „Metallica“ Ansage „Nothing else matters“ gibt.

Bei diesem musikalischen Roulette um mehr Kohle und weniger Frust sind die Stones ebenso am Start wie die Ärzte, Tracy Chapman  und die Ohrbooten.  Natürlich wird auch gegen kapitale Zwänge und Kaufrausch gemotzt und mit Ton, Steine, Scherben ein bisschen Politromantik heraufbeschworen, dass sich das System revolutionär unterwandern lässt. Dennoch wird in Rosis Bar weiterhin gezockt gesoffen, gejammert und gewütet, weil es nicht mehr so richtig vorwärts geht und auch Brechts Solidaritätslied Staub angesetzt hat. Das aber keineswegs musikalisch.

In den Arrangements von  Fred Kerkmann erfahren die Songs eine gedankliche Erdung, und die überträgt sich auch auf das Schauspielteam. So leidenschaftlich engagiert und ausdrucksstark erlebt man dieses JT-Ensemble selten. Es sind grandiose Bilder, die Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz,  Eva Schröer und Karsten Zinser hier gemeinsam stemmen. Mit dem großartigen Support von Rosis Palastorchester und dem musikalischen Bündnis um Gitarrist Fred Kerkmann, mit Steffen Ramswig an den Keyboards, Bassist Sebastian Strzys und Dummer Christian Villmann.

Die Stimmung auf der Bühne berührt und berauscht zwischen rockigem Aufruhr und Seufzerballaden und immer wieder auch mit kleinen ironischen Kontern. Dann wird das Ende der Welt wird besungen und das Zeitalter des Maschinenmenschen, der das klassische Humankapital ablöst, aber eben auch ein Rest von störrischem Widerstandsgeist. „Auf den Trümmern das Paradies“ heißt es im Untertitel des Musikspektakels, das der Losung „Money, Money, Money“ natürlich auch ein bisschen Aufbruchstimmung abtrotzen wollte. Auch dafür gab es am Ende standing ovations für das  JT-Team.

Premiere im Jungen Theater: "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo

Azzurro, mehr oder weniger pflichtbewusste Carabiniere, italienisch-manieriertes Hände-, nein Ganzkörpergeschlenker und ein Tempo, das nichts mit Gemütlichkeit zu tun hat, lassen die Premiere von Dario Fos Farce „Bezahlt wird nicht!“ am Abend des 10.12.2015 im Jungen Theater leider viel zu schnell verfliegen.

Die Wahrheit in allen Ehren, aber mit wahrheitsliebenderen Charakteren wäre die Geschichte um die beiden jungen Mailänder Paare bei weitem nicht so lustig. Vor allem die scheinbar nie ruhende Antonia hangelt sich von einer Notlüge in die nächste, und hält dieses Gebilde bravourös grotesk aufrecht, um immer noch eines draufzusetzen, gerade wenn der Zuschauer denkt, dass doch nun alles auffliegen muss. Dabei bedient sie sich hemmungslos des Papstes Meinung zur Pille, einer Scheinschwangerschaft ihrer Freundin Margherita mitsamt dramatisch-drohender Frühgeburt, der Verehrung suspekter Heiliger und allem, was ihr in dieser Spirale aus Absonderlichkeiten sonst noch in den Sinn kommt, und stürzt damit Margherita und die Männer der beiden Freundinnen in ein Chaos, das kaum noch auflösbar zu sein scheint. Dabei geht es ja nur darum, die Lebensmittel zu verstecken, die im Supermarkt des Viertels erbeutet wurden, nachdem die ohnehin schon nicht arbeiterfreundlichen Preise über Nacht drastisch erhöht wurden und die einkaufenden Frauen spontan entschieden, die Waren so zu bezahlen wie es ihnen gefiel. Also gar nicht. Einfacher wird dadurch rein gar nichts. Doch ungemein unterhaltsam.

Linda Elsner, die die schlagfertige, dem Anarchismus nicht abgeneigte Antonia spielt, trägt einen nicht unerheblichen Teil dazu bei. Mit weiten, comicfigurartigen und energischen Bewegungen erschafft sie einen italienischen Flair – oder das, was der Deutsche gern als solchen sieht – auf der Bühne. Eva Schröer füllt die in der Vorlage wesentlich ruhiger gezeichnete Margherita, die sich von Antonia selbst vom größten Schlamassel überzeugen lässt, trotzdem charismatisch aus. Gerrit Neuhaus und Peter Christoph Scholz zeigen enorme Wandlungsfähigkeit, um das ständige Auf und Ab der Gefühle und Meinungen, in das Giovanni und Luigi von ihren Frauen geschickt werden, zu transportieren – zusätzlich zu Giovannis Entwicklung vom rechtetreuen zum gerechtigkeitsfordernden Arbeiter. Vervollständigt wird das Provinztheater, in das nun einmal ein Schauspieler gehört, der mehrere Rollen - am besten gleichzeitig - spielt, von Jan Reinartz in vier Rollen, unter anderem als obrigkeitsmüder Polizist, der lieber den Kochlöffel schwingt als Wohnungen zu durchsuchen, und einen wunderbaren Possentanz mit den beiden Frauen bietet, die ihn als Bewusstlosen in einen Schrank zu verfrachten suchen. Alle gemeinsam legen eine immense Geschwindigkeit in Dialogen und Bewegungen sowie Klamaukfreude an den Tag, ohne allerdings je wirklich klamaukig zu werden.

Abgerundet wird die Inszenierung Christine Hofers von angenehm realistischem, unaufgeregtem Bühnenbild und Kostümen, die nicht ablenken und den Fokus dorthin lenken, wo er hingehört. Dazu die zwar nicht italienische, aber aus derselben Zeit wie das Stück stammende und thematisch wie die Faust aufs Auge passende Musik von Ton Steine Scherben, die sich wiederholend durch die gesamte Aufführung zieht.

Das Stück aus dem Jahr 1974 wurde mit nicht in den Vordergrund drängenden, doch immer wieder durchblitzenden aktuellen wirtschaftlich-politischen Themen behutsam modernisiert. Gedanken zur Relevanz derselben mag sich jeder selbst machen. Kassenpatienten, die ihr Bett Wochen im Voraus reservieren müssen, wollen sie nicht den Rest ihres Lebens im Rettungswagen durch die Stadt gondelnd verbringen und 92% Mehrwertsteuer sind verzweifelte Versionen, die zum Lachen reizen ob der grotesken Verzerrung, doch währenddessen bereits einen Realitätsvergleich anstoßen. Dabei ist das Stück, das in einem Mailänder Vorort spielt, wo auch Dario Fo in den siebziger Jahren lebte, sehr wohl aus realen Ereignissen und Zuständen heraus entstanden, wie nach Fallen des kapitalistischen Vorhanges erklärt wird. Nach der Uraufführung musste Fo sich allerdings vor Gericht verantworten bis das Verfahren eingestellt wurde. Zeit seines Lebens hat der inzwischen 89jährige, 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Theatermacher den Mächtigen mit seinen Satiren lachend die Fäuste vor den Nasen geschüttelt und dafür nicht nur einmal Strafen wie Zensur, Einreise- oder Radioverbote aussitzen müssen.

Ob und wie der Vorhang mit der güldenen Schrift „Capitalism must win“, der Beginn, Requisite und Ende darstellt, denn fällt, darf nun jeder, der ein bisschen neugierig geworden ist, selbst herausfinden; weitere Vorstellungen folgen am 15., 22. und 31. Dezember, am 5., 16. Januar sowie am 6. und 26. Februar.

JT-Premiere Katz und Maus

Der hässlich vernarbte Adamsapfel ist nicht der einzige Makel, über den seine Mitschüler herziehen. Irgendwie ist dieser Mahlke auch anders. Er möchte jemand anders sein in der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass, die Nico Dietrich am Jungen Theater in einer dramatisierten Fassung inszeniert hat.

Anders sein bedeutet, auch besser zu sein als die Gefährten, bei Flugzeug- und U-Boottypen souverän zu punkten, schneller zu Ziel zu kommen. All das, was dem eher schüchternen, wortkargen Joachim Mahlke schließlich gelingt, als er endlich Schwimmen lernt und  Tauchen und in einem Schiffswrack sein Abenteuerrefugium findet. Es ist eine sehr sportlich anmutende Welt, in der Mahlke, Pilenz, Hotten Sonntag, Winter und Esch sich gegenseitig anstacheln und hochschaukeln, bis wieder mal jemand die Puste ausgeht. Der  gepolsterten Kasten, die Bänke und die Absprungrampe, die die Turnabteilung des ASC Göttingen für das Bühnenbild von Christian Kiehl zur Verfügung stellte, sind klassische Turngeräte. Aber sie sind auch sehr vieldeutig in diesem Kräftemessen um Lebensentwürfe in  den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges, als im völkischen Beobachter noch die Erfolgsmeldungen auf dem Vormarsch waren. Der Kasten wird zur Kanzel, wenn sich Mahlke der Jungfrau Maria wie eine Schutzpatronin zuwendet und die anderen mit seinem ewigen  mater dolorosa nervt. Doch schon bald gehen neben dem Pfarrer auch Panzergeneräle auf dem sportlichen Podest in Stellung, um sich in der Schulaula mit ihren Abschussquoten zu brüsten. 

Um Arbeitsdienst und Rekrutierungskommandos machen sie die jungen Gymnasiasten eigentlich noch keinen Kopf,  wenn der Sportlehrer den nächsten Sprung anpfeift und das JT-Team mit Linda Elsner, Jan Reinatz, Peter Christoph Scholz, Eva Schröer und Karsten  Zinser an den Turngeräten weitere Fitnesspunkte verbucht.  Mahlke ist mal wieder erfolgreich auf Tauchstation, das beschäftigt sie mehr und dass sie ihn jetzt wirklich bewundern und trotzdem nicht verstehen. Auch dann nicht, wenn als er nach dem Diebstahl eines  Ritterkreuzes von der Schule fliegt und nun Karriere auf hoher See macht. Auch so einer, der jetzt mit Abschussquoten profilieren kann, nur nicht in seiner alten Schule. Dem Dieb militärischer Auszeichnungen wird der ersehnte heldenhafte Auftritt verweigert. Mahlke desertiert.

Auch dieses Kapitel aus dem Leben eines Außenseiters wird rückblickend betrachtet - und wie ihn sein vermeintlicher Freund Pilanz gelassen hat. Jan Reinartz nimmt erneut den Blick des Chronisten an, der als alter Mann noch etwas abzuarbeiten hat, das er nicht zu bewältigen vermag und dazu immer wieder nach Erinnerungen und ihrer Bedeutung greift.  Es ist eine Sammlung von Rückblenden zwischen all den Abenteuern und den Irritationen, aus denen die Schauspieler dann ihre vielstimmigen Nahaufnahmen entwickeln. Sie bilden die Clique unbeholfener und doch so lebenshungriger Gymnasiasten, sind dann in wechselnden Rollen als Pädagogen, Panzergeneräle und Jungbahnführer zu sehen, verwandeln sich in Priester, Flieger-Asse, eine verwirrte Mutter und eine illustre Mariengestalt, bis ein erneutes Platsch ertönt. Linda Elsner ist wieder hinter dem Kasten wieder abtaucht; mit allem, was ihren Mahlke umtreibt und schmerzt und trotzdem unberührbar machen soll, bis schließlich auch der Glaube an die heilige Schutzpatronin versagt.

Diese Atmosphäre der Unberührbarkeit prägt letztlich auch die Inszenierung, in der die Szenen die Wirkung von Filmbildern entwickeln, die sich mit spannenden Schnitten und auch geschickt überblendet aneinanderreihen. Die Erwachsenen reagieren typisch, ob sie nun als autoritäre Pädagogen gezeichnet sind oder als Ikonen einer rassistischen Vernichtungspolitik oder als teilnahmslose Beobachter. Das mag zum einen daran liegen, dass die Erzählung von Günter Grass auch in ihrer dramatisierten Fassung in Rückblenden erfolgt. Die Situationen werden eben aus der Distanz der Erinnerung vorgeführt, mit viel Action und viel Elan auch mit den Beschreibungen verwebt, was sich im Einzelnen wie abgespielt hat und wer daran alles beteiligt war: Ziemlich viele Typen und ziemlich viele Klischees wie die von eitlen Fliegerhelden oder gebieterischen Seelsorgern. Aber was das zum anderen mit den Jugendlichen macht und nicht nur mit Mahlke, der sich nicht einpassen und einnorden lässt wie die anderen und daran auch zu Grunde geht, beschränkt sich an diesem Abend auf viele gelungene Vorführeffekte.

Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

"Der Hals der Giraffe" - Premiere im Jungen Theater

Eine geknickt sitzende Frau auf der Bühne. Entsetzt hört man im Publikum jemanden flüstern: „Sie hat ne Knarre in der Hand.“

So begann das Theaterstück „Der Hals der Giraffe“, das am Donnerstag Abend auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen Premiere feierte. Es erzählt die Geschichte der deprimierten Lehrerin Inge Lohmark gespielt von Agnes Giese, deren Lehrerdasein aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten vier Jahren mit der Schließung der Schule endet. Sie unterrichtet die 9. Klasse in Biologie mit ihren vertraut, bewährtem Frontalunterricht, der bei ihren Kollegen nicht immer auf positive Resonanzen stößt. Lohmark ist allerdings von sich überzeugt und zieht ihren pädagogischen Ansatz durch. Ihre Schüler hat sie schon längst durchschaut, hat sie fest im Griff und nutzt ihre Schwächen aus bis ihr Verhalten aus dem Ruder läuft...
Nach Außen wirkt die Gymnasiallehrerin streng und souverän. Doch im Inneren ist sie eine einsame, unverstandene und deprimierte Frau.

Giese interpretiert diesen Charakter auf eine bemerkenswerten Art und Weise. Der Kontrast zwischen der strengen und selbstbewussten Persönlichkeit und dem müden, trostlosen Charakter verkörpert sie so brillant, dass der Zuschauer, welcher von zwei gegenüberliegenden Tribünen das Geschehen verfolgt, sich ebenfalls in die Situation mit hinein ziehen lassen kann.

Als Bronze-Figur verkörpert Jan Reinartz verschiedenen Nebenrollen wie zum Beispiel den Schuldirektor oder ihren Mann auf der Straußenfarm sowie auch manchmal die innere Stimme Lohmarks. Teilweise parallel agieren beide Figuren auf der Bühne zwischen Brotdose, Blume und Thermoskanne die die Schülerinnen und Schüler darstellen sollen. Das Klassenzimmer wird Zeuge des Untergangs der Schule und somit auch Lohmarks, während diese paradoxerweise die Entwicklungstheorien Darwins unterrichtet und unter anderem der Frage nachgeht wie die Giraffe zu ihrem Hals gekommen ist.

Die leider nicht ausverkaufte 80 Minütige Vorstellung wurde mit kräftigem Beifall belohnt. Derjenige, der neugierig auf diese bittere-humorvolle Geschichte geworden ist, hat noch an vier weiteren Terminen die Gelegenheit sich von dem außergewöhnlichen Charakter Inge Lohmarks mitreißen zulassen. Göttinger Studenten haben die Möglichkeit durch das Kulturticket die Vorstellung bei freiem Eintritt zu genießen.

Weiter Vorstellungstermine:
31.01.14, 06.02.2014, 11.02.2014, 22.02.2014

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