Willkommen im Kulturbüro Göttingen

Lieber Gast,
herzlich willkommen auf den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Sie finden hier ein großes Angebot an Terminen, Spielplänen, Tipps und Rezensionen.
Um dieses Angebot frei verfügbar anbieten zu können, sind wir auf Unterstützung angewiesen. Wir freuen uns, wenn Sie sich an der Finanzierung dieses Angebotes beteiligen würden. Lesen Sie mehr über die Möglichkeiten – von der Einmalzahlung bis zur Jahresmitgliedschaft.
Montag, 19 Februar 2018 08:35

Sprach- und bildgewaltige Inszenierung

„paradies fluten“ in der Inszenierung von Katharina Ramser hatte Premiere im Deutschen Theater

DT-Nachtbar mit einer Vorlesung von Marco Matthes

Ketil Bjørnstad mit „Mein Weg zu Mozart“ zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

Heute: Tobias Wolff im Bett mit Avi Avital

Viele hoch dramatische Motive lassen sich in diesem Jahr bei den Internationalen Händel Festspielen unter dem Motto „Glaube und Zweifel“ erkunden. Das Festival Team hat dabei natürlich das Reformationsjubiläum im Blick. Aber neben Glaubensfragen geht es auch in Opern und Oratorien vor allem um Macht- und Herrschaftsansprüche und individuelle Überzeugungen, die in den musikalischen Bildern anklingen. Darauf möchte Sie das Kulturbüro auch mit dem Podcast „Händel Exkursionen“ einstimmen. Wir flanieren täglich durch das Festivalprogramm mit Künstlergesprächen und Tipps für Aufführungen und Konzerte.

Heute: Exkursion zu Barthold Heinrich Brockes mit Florian Eppinger

Viele hoch dramatische Motive lassen sich in diesem Jahr bei den Internationalen Händel Festspielen unter dem Motto „Glaube und Zweifel“ erkunden. Das Festival Team hat dabei natürlich das Reformationsjubiläum im Blick. Aber neben Glaubensfragen geht es auch in Opern und Oratorien vor allem um Macht- und Herrschaftsansprüche und individuelle Überzeugungen, die in den musikalischen Bildern anklingen. Darauf möchte Sie das Kulturbüro auch mit dem Podcast „Händel Exkursionen“ einstimmen. Wir flanieren täglich durch das Festivalprogramm mit Künstlergesprächen und Tipps für Aufführungen und Konzerte.

Premiere „Ein Monat auf dem Lande“ von Ivan Turgenev

Es könnte so sein wie jedes Jahr im Sommer, mit netten Gästen, Plauderstunden im Grünen und möglichst viel Ablenkung von der Langeweile. Die lauert unentwegt in Ivan Turgenevs Schauspiel „Ein Monat auf dem Lande“ und das weniger, weil das Nichtstun auf Dauer erschöpft. Es ist vor alle die Aussicht, dass alles immer so weitergeht zwischen den Paaren und denen, die sich noch Hoffnung machen auf einen Partner oder eine bedeutsame Veränderung in ihrem Leben. Doch in diesem Sommer versetzt der junge Lehrer, der für den Sohn des Hauses engagiert wurde, die Gemüter in Aufruhr. Endlich rumort in diesem Brutkasten aus Langeweile, stiller Panik und Überdruss, den Antje Thoms am Deutschen Theater inszenierte.

Man plaudert, spielt Karten und lässt Drachen steigen. Es passiert nicht gerade viel im Bühnenraum von Beni Küng, der die ländliche Enklave mit einer Bungalowkulisse, Panoramablick und mit einer Terrasse für die verabredeten Geselligkeiten ausgestattet hat. Freies Feld für Gutsherrin Natalja (Rebecca Klingenberg), die ihren Flirt mit dem langjährigen Hausfreund Michajlo Ratkin (Florian Eppinger) zelebriert. Hier kann Landarzt Spigelski (Paul Wenning) die Gesellschaft boshaft ironisch bei Laune halten, während sich Hausherr Arkadij (Andreas Jessing) bereits in die nächste handwerkliche Betriebsamkeit stürzt. Die Kartenrunde seiner Mutter Anna (Angelika Fornell), ihrer Gesellschafterin Lizaveta (Gaby Dey) und dem Deutschen Hauslehrer Saaf (Michael Frei) tangiert das nicht sonderlich, auch nicht den verschüchterten Nachbarn Afanasij (Lutz Gebhardt), bis sich ein nervöser angespannter Unterton in die täglichen Rituale einnistet. Natalja hat sich in den jungen Hauslehrer Aleksej (Florian Donath) verliebt, der ihren Sohn Kolja (Valentin Kühn) betreut. Den umschwärmt allerdings auch ihre Pflegetochter Verocka (Christina Jung) umschwärmt, ebenso wie das Dienstmädchen Katja (Felicitas Madl).

Fast schleichend verwandelt sich dieses ländliche laissez-faire Panoptikum in ein Schauspiel der Vermeidungsstrategien. Hier gibt niemand seine Gefühle so ohne Weiteres preis, schon gar nicht wenn das Arrangement aus Konventionen und Bequemlichkeiten dadurch gefährdet wird und es dann auch noch zu Eifersuchtsanfällen, Intrigen und Vorwürfen kommt. Doch die Sehnsüchte und die Enttäuschungen geben einfach keine Ruhe, wie sie sich nun in den Gesichtern spiegeln, den scheinbar spontanen Gesten und in der Sprache der Körper, selbst wenn die Rededuelle so gern etwas anderes behaupten möchten.

Antje Thoms hat in ihrer Inszenierung vor allem das Innenleben ihrer Figuren im Blick, wie sie an den Gitterstäben ihrer scheinbar beengten Lebensentwürfe rütteln, aber nie den Mut aufbringen würden, jetzt eine Ehekrise zu riskieren oder den Heiratsantrag von alternden, unattraktiven oder herrischen Bewerben abzulehnen. Zwischen Allen herrscht eine latente Spannung, einander nur nicht zu nahe zu kommen, besonders nicht mit dem Wunsch, aus den Verhältnissen auszubrechen und vielleicht einen Fluchtversuch zu wagen, um sich nicht nur für den Moment wieder lebendig zu fühlen. Der vermeintliche Hoffnungsträger wird hier zur idealen Projektionsfigur, weil ihn Florian Donath wie ein unbeschriebenes Blatt spielt. Als freundlich, aufmerksamen Zeitgenossen, der sich auch weiter keine Gedanken macht über die emotionalen Befindlichkeiten seiner Umgebung und nach all den Verwirrungen einfach wieder sein Bündel schnürt.

Thoms zoomt diese Spannungsverhältnisse mit ihrem Schauspielteam ganz nah heran, so dass auch die Verzweiflung spürbar wird, die hinter all den charmanten, boshaften und beschwichtigenden Plaudereien lauert. „Das Gefühl für Dich erregt mich nicht“ lässt die verliebte Gutsherrin ihren Hausfreund Michaijlo wissen. Schon in diesem Satz steckt die ganze Verzweiflung, die Rebecca Klingendorf in ihrer Figur immer wieder aufspürt. Dass es zum wahnsinnig werden ist mit diesem Leben, dass allen Komfort bietet und sogar einen toleranten Ehemann, wenn das Herz nicht mehr spontan klopft sondern nur noch dröge pulsiert. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, dass Sommerflirt ehrlich verliebt ist und nun den Rückzug antritt. Vor lauter Eifersucht wird nun die Pflegetochter des Feldes verwiesen und in die gleiche Beengtheit getrieben. Auch das ist einer der bewegenden Momente an diesem Theaterabend, wenn Christina Jung beschreibt, wie ein naiver neugieriger Teenager einfach verkümmert und als junge Frau eigentlich nichts mehr vom Leben erwartet.
Turgenevs ländliche Gesellschaft jammert auf hohem Niveau. Das macht sie vielleicht nicht sonderlich attraktiv für einen Theaterabend, auch weil der Dramatiker hier keinen politischen Kontext zum russischen Feudalsystem und ihren Nutznießern herstellt. Aber es sind eben nicht nur satte saturierte Menschen, die hier an ihrer Langeweile und ihrem Überdruss laborieren und nach jeder sich bietenden Abwechslung greifen, sondern auch Zeitgenossen, die sich in ihrer Wohlstandsenklave verspekuliert haben und in dieser sensiblen Nahaufnahme nachdenklich stimmen. Vielleicht über ein gesichertes Setting, das seinen Preis hat, wenn dabei Neugier und Leichtsein abhandenkommen, und vor allem der Mut, mal eine Veränderung zu riskieren. Selbst wenn es dabei nur um ein bisschen Nähe und Offenheit geht und einen Alltag, der eigensinnige Wünsche und ihre Widersprüche aushält und von ihnen umso mehr belebt wird.

Donnerstag, 16 März 2017 18:19

Theatermitarbeiter treffen Oberbürgermeister

„40.000 Theatermitarbeiter treffen ihre Abgeordneten“ - Heute: Rolf-Georg Köhler

Die Ensemblemitglieder des Deutschen Theater Göttingen Florian Eppinger und Andreas Jeßing sowie Harald Wolff, Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, trafen Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler zum Gespräch über das Deutsche Theater Göttingen und dessen Zukunft. Das Treffen ist Bestandteil der bundesweiten Aktion »40.000 Theatermitarbeiter treffen ihre Abgeordneten« an der die Schauspieler des Deutschen Theater Göttingen mit regelmäßigen Gesprächen teilnehmen. Ausgangspunkt für die Aktion sind die prekären Arbeitsbedingungen künstlerischer Beschäftigter an den Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum.

Die Gesprächsthemen mit dem Oberbürgermeister betrafen den kommunalen Ausgleich, die Bedeutung der Theaterpädagogik für das Theater und den guten Zusammenhalt von Theaterpublikum und Theaterensemble in Göttingen. Und am Ende blieb ein Punkt in dem sich alle einig waren: »Kultur ist ein Grundpfeiler der Gesellschaft«.

Das Treffen ist Bestandteil des bundesweiten Austausches zwischen künstlerischen Mitarbeitern, Theatern und Politikern in Kommune und auf Landesebene. Ausgerufen wurde die Aktion von der bundesweiten Theaterbewegung, dem 2015 gegründeten ensemble-netzwerk. Das ensemble-netzwerk hat es sich vielversprechend zum Ziel gesetzt die künstlerischen Mitarbeiter in der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu vereinen und für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen.

Montag, 21 November 2016 15:24

Wir können auch große Bühnenbilder

Don Karlos von Schiller – ein Monolith im Repertoire der Theater. Generationen von Schülern durften dieses „dramatische Gedicht“ interpretieren – was ist dazu nicht schon alles gesagt und geschrieben worden.

Die Uraufführung von „PEAK WHITE oder Wirr sinkt das Volk“ am Deutschen Theater

Für die Kulturveranstaltungen im Göttinger Land "Kultur im Kreis" ist Tina Fibiger unterwegs. Hören Sie heute ein Gespräch mit Julia Bartha, die gemeinsam mit Stephan Kiefer und Florian Eppinger in Bad Lauterberg auftritt.

Dienstag, 07 Juni 2016 10:17

Die Scham ist vorbei

Alpträume aus dem Deutschen Alltag in der DT Inszenierung „Die schöne Fremde“

„Netzwelt“ im Deutschen Theater

Sonntag, 06 März 2016 23:34

Kalte Poesie

Premiere von Shakespeares „Romeo und Julia“ im Deutschen Theater

Mittwoch, 20 Januar 2016 10:19

Der Schein trügt und auch die Wirklichkeit

Die europäische Erstaufführung „Unter der Erde“ am Deutschen Theater

Mit den Plastikplanen, den Schüren und Gestängen und dem maroden Kühlschank erinnert das Bühnenbild von Beni Küng an eine Mülllandschaft. Wären da nicht die störrischen Hinterlassenschaften aus einer anderen Zeit, die Schale mit dem Spielzeug, ein geblümtes Tuch, ein Gartenstuhl, in dem sich nun schaukeln lässt.

Es ist immer früher, später oder jetzt in Paco Bezzeras Schauspiel „Unter der Erde“; mit all den Ereignissen um einen Vater (Florian Eppinger) und seine drei Söhne und den Requisiten, die wie Mementos an ihnen zu haften scheinen.
Sie rumoren besonders in dem jüngsten Sohn Indalecio (Anton von der Lucke) der sich weigert, nur das zu glauben was er sieht und fühlt und sich in die Familiengeheimnisse und Verdächtigungen hinein gräbt. Vielleicht hat er die Ereignisse auch nur geträumt und sie dann in seiner Fantasie verändert, so dass sie in der Inszenierung von Antje Thoms auf der DT-2 Bühne wie ein Bilderrausch anmuten. An diesem Abend trügt der Schein, aber vielleicht auch die Wirklichkeit, wie sie der spanische Dramatiker in seinem Szenario mit der
Kraft der Poesie verdichtete.

Schauplatz ist eine dieser Gemüseplantagen in Andalusien, wo unter erschwerten Bedingungen für den europäischen Markt gezüchtet und produziert wird und die illegalen afrikanischen Arbeiter zu Dumpinglöhnen schuften. Trotzdem fällt die Rendite mager aus und wirklich zupacken kann nur der mittlere Sohn José Antonio (Emre Aksizoglu), mit dem der schwer kranke Patriarch über diese Gewächshauslandschaft heimlich an einer lukrativeren Tomatenzüchtung laboriert. Der ältesten Sohn Ángel (Benjamin Kempf) will davon nichts wissen, weil ihn blutige Ekzeme plagen. Nur der Jüngste ahnt etwas von den Gefährdungen, die in einem hermetisch verriegelten Gewächshaus lauern. Dass die Pestizide nicht nur den frühen Tod der Mutter, die ewig juckende Haut Ángels und die Atemnot des Vaters verursacht haben und dass seine marokkanische Freundin Farida (Elisabeth Hoppe) nicht einfach so spurlos verschwunden ist. Bis dahin hat er einfach nur gern Geschichten erfunden. An dem, was er jetzt imaginiert, könnte auch etwas Wahres dran sein, auch seine Beobachtungen manchmal seltsam anmuten, bizarr und immer wieder auch erschreckend.

Es gibt sehr real fassbare Motive, die Bezarra mit der Wahrnehmung seines Chronisten verwebt hat und mit dem Existenzkampf eines ländlichen Familienbetriebes. Über das Natur zerstörende Geschäft, das eine Region in eine Treibhauslandschaft verwandelt hat, über den massiven Einsatz von Dünger und Pestiziden und über die Ausbeutung von unterirdischen Wasserreserven. Aber Stück und Inszenierung haben keine politische Abrechnung mit den ökonomischen und ökologischen Fakten im Sinn. Die Fakten sind schließlich unter den Plastikplanen gegenwärtig und treiben umso mehr die Fantasie des Erzählers an. Sie sind so gegenwärtig wie die väterliche Herrschsucht und der Aberglaube. Sogar eine Heilerin wird aufgerufen, um dem jugendlichen Träumer die Vermutungen und Verrücktheiten auszutreiben.

Es ist ein bizarres Schauspiel mit kuriosen Requisiten, das Elisabeth Hoppe als „Die Fünfte“ auf der Bühne entfaltet während Anton von der Lucke die Augen wie im Wahnsinn verdreht und dann wieder sein Pocerface aufsetzt. Auch hier mag der Schein im Weihrauchnebel trügen, wenn die Rosenkränze und die frommen Sprüche wie bei einer Teufelsaustreibung zirkulieren. Aber auch das  sind die Bilder und die Alptraumbilder, die Paco de Bezzera seinen Indalecio erfinden lässt, wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Farida erscheint ihm als Madonna, obwohl sie vermutlich längst unter der Erde liegt und wie so viele der verschwundenen Arbeiter den Humandünger für die erhoffte Edeltomate bildet. Auch der Bruder mit den juckenden Ekzemen ist nach seinem Selbstmord weiterhin präsent, während im Hintergrund eine Schattengestalt an einem Strick baumelt.

Antje Thoms vertraut mit ihrem Schauspielteam auf den assoziativen Reichtum der Bilder, die der spanische Dramatiker in seinem berührenden poetischen Libretto verdichtet hat. Sie gibt ihnen keinen Rahmen und keine bedeutungsschweren Bildunterschriften, damit sie sich offen entfalten und überlagern können. Die Szenen dürfen in ihrer Mehrdeutigkeit auch verwirren, weil sie sich nicht an eine nachvollziehbare Ereigniskette halten sondern eine Geschichte auf die Probe stellen. Was sie an Wahrheiten aushält und auch an Vermutungen und wann es hilfreich sein kann, sie einfach zu verfremden oder neu zu erfinden. Und sei es im Traum oder in der Erinnerung. Auch darin fasziniert diese Inszenierung als mutiger Theatertraum über die belebende Kraft der Imagination.

Dienstag, 30 Juni 2015 16:05

Der Traum ist aus

Mark Zurmühle inszeniert Dea Lohers „Fremdes Haus“ am Deutsche Theater

Was genau in Mazedonien los ist, kann der ungebetene Gast gar nicht so genau beschreiben. Aber er hat Pläne, die sich vielleicht anderswo besser verwirklichen lassen. Vor ihm sind ja auch Freunde und Verwandte seiner Familie nach Deutschland geflüchtet, selbst wenn sich ihr Leben hier unter tristen ökonomischen Verhältnissen erschöpft. Schon deshalb wollen sie von den Zukunftsträumen des jungen Jane nichts wissen und nichts hören von den Geschichten von früher, mit denen Bardo Böhlefeld die gemeinsame Familienvergangenheit so enthusiastisch beschwört. Zu den Helden im Partisanenkampf gegen das Tito-Regime gehörten damals sein Onkel Goce und auch Risto Mihaijlov (Florian Eppinger), der inzwischen restlos heruntergekommene Patriarch in diesem „Fremden Haus“.
In Dea Lohers Szenenfolge, die der frühere Intendant Mark Zurmühle am Deutschen Theater inszenierte, sind es vor allem die Altlasten aus dieser Zeit, die Janes Erscheinen wieder aufrührt. Der Verrat und die Schuld, die ungesühnt blieben und sich nie wirklich verdrängen ließen. Als das Stück 1993 entstand, hatte Loher noch die traumatischen Zerrüttungen während des Jugoslawienkrieges im Blick. 20 Jahre danach liest sich ihr dramatischer Befund wie eine hochaktuelle Anamnese über die Folgeschäden, die an jedem Flüchtlingsschicksal haften bleiben. Niemand wird sein seelisches Fluchtgepäck für einen Neuanfang einfach so los. Auch die nächste Generation hat daran noch zu schleppen.
Die strahlende Unbefangenheit und Naivität wird dem ungebetenen Gast bald vergehen, wenn ihm die erbärmlich traurigen Verhältnisse mehr und mehr zusetzen. Ristos Schwarzhandel bringt nicht viel ein. Seine Frau Terese (Elisabeth Hoppe) prostituiert sich und Tochter Agnes (Rahel Weiss) hat sich nach einem Unfall mit dem Unfallfahrer Jörg (Benjamin Krüger) auf eine Zweckehe eingelassen.  Jane verzichtet darauf, in seiner Werkstatt Schrauben zu zählen und auf seine abgetragenen Anzüge. Er lässt sich auch nicht von Teresa verführen und wie sie ihm in ihrer traurigen Verlassenheit umarmt sondern doch lieber von Agnes, die so verletzlich stark durch den Alltag humpelt. Mit dem Putzjob in der Kneipe von Nelli (Melina Borcherding), dem Aufstieg zum Kellner und Liebhaber  scheint zumindest eine Rechnung aufzugehen. Der junge Träumer hat sich den Gesetzen des materiellen Überlebens angepasst und kalkuliert nun mit den Stärken und Schwächen anderer.
Die Bühnenschräge, auf der Lebenslügen und Träume zu Bruch gehen erinnert an rissiges Mauerwerk. Dieses Muster hat auch der quadratische Kasten, der sich im Bühnenhintergrund wie eine Gefängniszelle herabsenkt. Doch es gibt einen Traum von Freiheit, der mit dem Schattenflug eines Falken symbolisch eingeblendet wird, wenn sich das Schauspielteam in die verkrüppelten Seelenlandschaften der Figuren begibt.
Tief berühren diese Stimmen der Mutlosigkeit und der Verlorenheit auch gerade in den sparsamen Gesten und den Gesichtern, die immer wieder maskenhaft erstarren. Der Schmerz drängt sich einfach zwischen die vielen Bekundungen, dass dieses Leben nun mal keine Versprechungen mehr liefert, wenn es jetzt scheinbar gleichmütig und lakonisch gemustert wird. Es geht genau unerträglich weiter. Wenn die Wahrheiten dann endlich ausgesprochen werden, dass Risto seinen Freund Goce damals verraten hat und Terese die Last des Verrates tragen ließ, ist es längst zu spät, sich noch gemeinsam mit dem Leben und dem Scheitern zu versöhnen. Nur Agnes übt jetzt an ihrer Befreiung von einem Ehevertrag ohne auf Liebe und lässt auch den angepassten Träumer zurück.
Dea Lohers Stück lässt diesen Jane noch einmal träumen. Mit der Geschichte des Falken, dem ein alter Mann aus der Gefangenschaft hilft, so dass er endlich die Weite aufsuchen kann und die Freiheit. So ganz für sich lauscht Bardo Böhlefeld dem Wort Freiheit hinterher bis sich die Bühne verdunkelt; damit von diesem Theaterabend auch ein anderes Echo zurückbleibt. Und sei es nur als Vision. Vielleicht kann daraus ja sogar als Rettungsanker werden. Auch darin vertraut Mark Zurmühle der Bildkraft des Textes in der Geborgenheit eines Kammerspiels, das mit diesem wunderbar emphatischen Schauspielteam unter die Haut geht.

Sonntag, 28 Juni 2015 14:43

Staunt und zweifelt!

Verleihung des Nachwuchsförderpreises an Bardo Böhlefeld im Deutschen Theater

„Staunt und zweifelt!“ ruft Intendant Erich Sidler den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im Deutschen Theater zu. Es sind dies Bardo Böhlefeld, Benedikt Kauff, Felicitas Madl, Frederik Schmid und Moritz Schulze. Er macht ihnen Mut, diesen „schönsten aller Berufe“ weiter engagiert auszuüben und sich in jeder Rolle stets neu zu erfinden. Diejenigen von den fünf Nominierten, die den Preis in diesem Jahr nicht erhalten haben, möchte er keine „Trostrede“ halten. Sie dürfen zwar jetzt enttäuscht sein, aber müssen ihr Talent weiter entfalten. Für jeden hatte er noch einige sehr persönliche Worte gefunden, die für die kommende Spielzeit Mut machen sollten.

Den Preis hat der Förderverein des Deutschen Theaters in diesem Jahr dem Schauspieler Bardo Böhlefeld verliehen. Tina Fibiger hielt die Laudatio auf den in Rom geborenen Böhlefeld, der in Göttingen seine erste feste Anstellung in einem Ensemble hat. Den Text ihrer Ansprache können Sie hier komplett nachlesen. Zu Beginn ihrer Ansprache war die Entscheidung der Jury noch nicht bekannt. Und Fibiger hielt die Spannung noch lange aufrecht. Als sie den Namen des Preisträgers erstmals nannte, gab es lautstarken Beifall – und das nicht nur vom Publikum im DT Keller, sondern auch von den Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls für diesen Preis nominiert waren.

Und weil die Preisträgerentscheidung so geheim gehalten worden ist, wusste auch Vanessa Czapla nicht, wer es sein wird. So sang sie ihren Förderpreis-Song auf alle fünf Kandidatinnen und Kandidaten. „You are the top“ titelte sie ihren Song, in dem alle Stücke und viele Rollen der Kandidaten vorkamen.

Florian Eppinger las nach der Preisverleihung einen Text aus dem Jahr 1998 vor. Josef Bierbichler erhielt damals den Gertrud-Eysoldt-Ring und widmete sich in seiner Dankesrede dem Thema „Engagement und Skandal“. Wie aktuell Bierbichlers Provokationen heute noch sind, war während Eppingers Vortrag deutlich zu spüren.

Zuvor gratulierte der stellvertretende Vorsitzende des Fördereins, Werner Tönsmann, dem Vorsitzenden Harald Noack nachträglich zum 70. Geburtstag. „Das wollte ich eigentlich geheim halten“, äußerte Noack. So recht glauben wollte das aber niemand…
Am Ende der kurzweiligen Feierstunde holte Erich Sidler noch einmal Vanessa Czapla nach vorne. Sie wird das Ensemble verlassen und nach Saarbrücken gehen. Nun flossen doch noch Tränen, nachdem Bardo Böhlefeld seine Dankesworte mit der Aussage begann „Ich werde jetzt nicht in Tränen ausbrechen.“
Der Förderpreis ist mit 2.000 Euro dotiert. Böhlefeld rief seinen Mitstreitern zu: „Dieser Preis ist auch für Euch!“

Premiere Das Ende des Regens im Deutschen Theater

Väter verschwinden ohne zu sagen, warum. Mütter schweigen für den Rest ihres Lebens. Ihre Kinder erfahren einen Zustand des Verloren seins, der auch ihre Kinder prägt. All das lässt der australische Dramatiker Andrew Bovell über Generationen und Kontinente hinweg geschehen. Mit den Stimmen der Gegenwart und der Vergangenheit, denen er in seiner dramatischen Odyssee „ Das Ende des Regens“ einen Echoraum gibt.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters irrlichtern seine Figuren mit diesem Gefühl, dass da etwas an ihrem Leben nagt, dass sie nicht fassen können. Mit ihnen gerät der Zuschauer  in der Inszenierung von Ingo Berk in ein Suchspiel über die zerstörerischen Altlasten zweier Familien und warum sie so unvorstellbar lange nachwirken.

Bovell lässt seine Odyssee in einer trostlosen Zukunft beginnen. Bühnenbilder Damien Hitz hat eine kreisrunde Bahn entworfen und in Schräglage versetzt, auf der die Erinnerungen bruchstückhaft zirkulieren. Zunächst mit der Beschreibung von sintflutartigen Regenfällen, die bereits 60 Jahre zuvor einsetzten.

Ein Fisch fällt vom Himmel und ein Anruf erhellt das trübe Schicksal von Gabriel York (Florian Eppinger). Sein Sohn Andrew (Benjamin Kempf ) möchte die Geschichte eines abwesenden Vaters hören, der ihn 20 Jahre zuvor verlassen hatte. Gestalten in Regenmänteln schütteln ihre Schirme aus. An einem Tisch in der Mitte der Bahn löffeln sie stumm eine warme Suppe, brechen wieder auf und kehren dann vereinzelt oder zu zweit zurück, um ihren Geschichten erneut zu begegnen.
So wenig wie sich die Erinnerung an eine lineare Abfolge von Ereignissen und mögliche Folgen hält, pendeln auch die Szenen zwischen den Zeiten und den Orten. In London braut sich 1959 das Zerwürfnis von Elisabeth Law (Rebekka Klingenberg) und ihrem Mann Henry (Gerd Zinck) zusammen. Seine pädophilen Neigungen treiben ihn in die Flucht nach Australien, wo sein Sohn Gabriel (Benedikt Kauff) die väterliche Spur aufnimmt und sich in die junge Gabrielle York (Rahel Weiss) verliebt, die den Sexualmord an ihrem kleinen Bruder nie verwunden hat.

Für eine zerstörerische Erkenntnis, Gabriels tödlichem Autounfall, ihre Schwangerschaft,  und die Rettung durch ihren späteren Ehemann Joe Ryan (Paul Wennig) muss eine ältere Gabrielle (Gaby Dey) die Worte finden. Auch ihre Geschichte wird immer wieder gebrochen durch den erneuten Blick zurück nach London, wo die junge Elisabeth die Familienkatastrophe ahnt, während sich die ältere Elisabeth (Angelika Fornell) den Fragen ihres Sohnes Gabriel sperrt und zur stummen Zeugin der Ereignisse von früher wird. Am Schauplatz Australien lauscht dann eine jüngere Gabrielle den Worten der Älteren, die ihr Schweigen nicht mehr länger aushält.

Dieser Wechsel zwischen den Erinnerungs- und Erkenntnissplittern, die sich einer Chronologie verweigern macht es dem Zuschauer nicht leicht. Besonders wenn er nach Ursache-Wirkungsmustern sucht, um dieses Familienlabyrinth aus Schmerz und Verdrängen zu entschlüsseln. Er muss sich auch auf die Vorstellung einlassen, dass die Stimmen der Vergangenheit bei allen Figuren immer mit am Tisch sitzen und nicht zur Ruhe kommen werden, bis endlich jemand mit ihnen spricht. Dann erschließt sich dieser Theaterabend wie ein Puzzle von disparaten Teilen und deren Zusammenwirken mit der Einsicht, dass das Verschweigen von Geheimnissen nie ohne Folgen bleibt und keine Biografie bei Null anfängt.

Regisseur Ingo Berk macht den mühsamen Weg dahin spürbar, wenn er die Spannung in den Rückblenden nicht forciert und das Ensemble in den einzelnen Episoden einem strengen Rhythmus folgt. Vielleicht kann es auch nur so zu diesen besonderen Momenten kommen, die unmittelbar und abgrundtief bewegen. Eine Frau entdeckt unter den Aufnahmen von nackten Jungen das Foto ihres Sohnes während die stumme Gestalt an ihrer Seite in ihrer Qual erstarrt. Eine Andere stirbt noch einmal mit dem Tod ihres Geliebten und wird auch dann nie mehr zu trösten sein.

Selbst wenn es im Deutschen Theater auch immer wieder zu Szenen kommt, die nahe gehen und nachwirken, so sind sie doch rar und deshalb umso kostbarer. Mit ihnen wird Ingo Berks Inszenierung zu einem ganz besonderen Theaterabend. Auch über die befreiende Wirkung, wenn das Schweigen aufbricht und endlich ein Gespräch beginnt, das jetzt nicht bloß legen will, entlarven und anklagen. So wie sich Gabriel und sein Sohn Andrew einfach auf eine gemeinsame Geschichte verständigen lernen und den Fisch verspeisen, der vom Himmel fiel.

Jetzt schon Tickets sichern

Kultursommer 2018

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok