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Mittwoch, 11 April 2018 08:40

So klug, charmant und unverwüstlich wie ein Narr von Shakespeare NEU

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Nico Dietrich und Claus Peymann im Jungen Theater Nico Dietrich und Claus Peymann im Jungen Theater © Photo: Fibiger

80 Jahre alt aber noch wunderbar renitent, couragiert und engagiert, das ist Claus Peymann, der zur Jubiläumssaison des Jungen Theaters am Wochenende in Göttingen gastierte. Der legendäre Theatermacher, der einst das Wiener Burgtheater in Aufruhr versetzte, hat es sich in einem samtroten Ohrensessel bequem gemacht und genießt zunächst die vielen schönen Bösartigkeiten, mit denen der Dramatiker Thomas Bernard seinen Roman „Holzfällen“ veredelte. Von der Wiener Gesellschaftshölle ist die Rede, von selbstreflektieren charakterlosen Dummköpfen, Wichtigtuern der Erleuchtung und anderen Charaktermasken, in die Bernhard sein verbales Messer treibt. Sein langjähriger Freund und Bühnengefährte lässt sich die Chronik einer Wiener Abendgesellschaft der Wichtigtuer und Selbstdarsteller auf der Zunge zergehen. Gelegentlich lugt er dann süffisant hinter seinen Brillengläsern hervor und raschelt demonstrativ laut beim Umblättern der Manuskriptseiten.

Das ist alles Teil seiner Bühnenshow. Hier ist nicht der langjährige Regisseur und Intendant am Werk, sondern einzig und allein ein Schauspieler, der die Rolle des Erzkomödianten zelebriert und einem von Shakespeares Narren durchaus Paroli bieten könnte. Ebenso erfolgreich punktet der Sprachkünstler Peymann hier auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und das mit unerschöpflichem Vergnügen und viel Charme, dann und wann auch ein bisschen selbstironisch. Schließlich hatte ihn ja sogar die Wiener Presse bei seinem Einstand an der Wiener Burg als Regiegenie gefeiert. Da darf es jetzt auch mal ein bisschen Konfetti regnen, und dazu gibt es eine weitere Runde Applaus von der Zuschauertribüne, wo sich das Publikum köstlich amüsiert. Und das nicht nur über einen wunderbaren Entertainer, sondern auch über Bernhards pointiertes Sprachkunstwerk.

Die Bücherstapel im JT Foyer schrumpfen Zusehens. Nicht nur die Leseempfehlung für Bernhards „Holzfäller“-Attacke auf die Wiener Szene hat funktioniert, sondern auch die für viele seiner Erzählungen, Romane und die Theaterstücke, die Peymann in Wien zur Uraufführung brachte. Erst recht neugierig macht seine Theaterchronik, zu der er später im Gespräch mit JT-Intendant Nico Dietrich noch jede Menge Ansichten und Einsichten beisteuert.

Anlass für Peymanns JT-Abstecher war natürlich das 60jährige JT-Jubiläum und sein Beitrag zur Geschichte des Hauses. Der junge Regisseur, der am JT zwei Einakter von Slawomr Mrozek inszeniert hatte, sollte bald darauf in Frankfurt mit der Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ für dramatischen Aufruhr sorgen. Mit der Frage nach dem politischen Theater in der Phase der 68er Revolte lieferte ihm Nico Dietrich auch das ideale Stichwort, um sich für erneut die Bedeutung des Theaters im gesellschaftspolitischen Kurs stark zu machen. Dass Theater eigentlich immer „dagegen“ gewesen sei und nie eines für die Besitzstände, sondern machtfeindlich und subversiv opponiert habe.

Jetzt betrachtet Peymann seine Rolle als überzeugter Kämpfer für die Verbesserung der Welt eher als Anachronismus. Damit passe er eigentlich nicht mehr in die Zeit“, erklärt der 80jährige , der sich nicht nur vehement für die zeitgenössische Dramatik einsetzte sondern nun auch Schillers „Don Carlos“ mit der Forderung nach Gedankenfreiheit wieder aufruft, die als kritische Ermutigung nichts an Bedeutung verloren habe. Gleichwohl mokiert sich Peymann über die vielen Theaterleute, die das Maul überhaupt nicht mehr aufreißen und nur noch brav funktionieren. „ Das finde ich halt die größte Krankheit, dass wir auch in der Gesellschaft der jetzigen Bundesrepublik praktisch nur noch eine Schicht von gehorsamen Intellektuellen vorfinden.“

Ein paar mehr Träume in der Tasche wünscht der Theaterveteran den amtierenden Theatermachern in die Tasche und bleibt dabei auch ein bisschen skeptisch. Der Traum von einer Veränderung der Welt durch die Kunst sei eben aktuell kein Thema, meint Peymann. Die politische Situation müsse sich vermutlich noch verschärfen, bis das Theater wieder offensiv und subversiv einmische. Als in die Jahre gekommener Ruhestörer gibt er natürlich weiterhin keine Ruhe. Anders als in seinen legendären Wiener Zeiten, als er die Wiener mit Thomas Bernhardts „Heldenplatz“ und dem latenten Antisemitismus konfrontierte. Anders auch als in den Jahren als Intendant des Berliner Ensembles und die Attacken gegen die hauptstädtischen Kulturverwalter und Bürokraten. Von der JT-Bühne lässt er schließlich noch einmal Konfetti regnen und sich gern ein bisschen feiern. Auch für ungebrochenen Theaterenthusiasmus und seinen subversiven Elan.

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Weitere Informationen

  • Kategorie: Junges Theater
  • Untertitel: Claus Peymann war zu Gast in Göttingen
Letzte Änderung am Dienstag, 17 April 2018 08:29

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