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Montag, 09 April 2018 14:23

Deutsches Theater

Ferdinand von Schirach

Unterhaltsame Lesung aus dem neuen Buch „Strafe“

Grandioser Anekdoten-Erzähler und humorvoller Gesprächspartner

geschrieben von
Ferdinand von Schirach Ferdinand von Schirach © Photo: Michael Mann

FERDINAND VON SCHIRACH ÜBER „STRAFE“ – UND ÜBER UNS SELBST

„Würden Sie Strelitz verteidigen?“ – „Ja, natürlich, ist ein toller Typ.“ – Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach las am Abend des 7. April im Deutschen Theater aus seinem neuen Buch „Strafe“. Dabei entpuppte er sich als ein grandioser Anekdoten-Erzähler und humorvoller Gesprächspartner.

Oft seien Lesungen merkwürdig. So zum Beispiel im Falle des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson, der an einem von Sturm und Schneefall gezeichneten Abend in einer für 2000 Besucher ausgerichteten Halle vor einem einzigen Zuhörer las, welcher sich schlussendlich auch noch als der zweite für diesen Abend geladene Schriftsteller entpuppte. Lesungen seien immer auch ein bisschen langweilig, wenn man als Gast dem auf der Bühne stehenden Lektor bei den Erzählungen aus seinen Werken lauscht. Die Lesung Ferdinand von Schirachs war jedoch nichts von alledem. Ein ebenso vielseitiges wie interessantes Programm erwartete die zu großer Zahl erschienenen Besucher des Deutschen Theaters.

Doch bevor er zu seinem eigenen Werk überging, wurde den Zuhörern ein Vortrag über die Gerichtsverhandlung, die dem Philosophen Sokrates den Tod brachte, zuteil. Denn fast jeder glaubt heute, der Prozess gegen Sokrates sei der erste bekannte Justizmord überhaupt gewesen, die Athener „Mörder, Sokrates ein Märtyrer für die Demokratie und das freie Denken“. Aber war es das? Im radikalen Sinne vielmehr ein Justiz-Selbstmord, so von Schirach. Angeklagt für „Frevel gegen die Götter“ und „Verderben der Jugend“, der Prozess formell in Ordnung, das Urteil nicht willkürlich. Und doch lag der Grund für die Verurteilung vielleicht nicht in den eigentlichen Delikten, vielmehr in der Geschichte Athens, die die Stadt und deren Bürger geschwächt hervorgehen ließ, soziale Konflikte aufwarf und damit den Mehrheitsentscheid begünstigte. Sokrates erkannte schon damals schon das Grundproblem der Demokratie: Zweifelhafte Mehrheitsentscheidungen – was tun, wenn die Demokraten ‚falsch‘ abstimmen? „Stellen Sie sich vor, am Tag nach dem Sexualmord an einem Kind würde über die Wiedereinführung der Todesstrafe abgestimmt. – Sie können sicher sein, dass mehr als 80 Prozent der Menschen dafür wären“.

Ferdinand von Schirach erzählt in „Strafe“ von zwölf Schicksalen. Angeknüpft an frühere Werke geht es auch hier um Schuld, Gerechtigkeit und Strafe. Es sind Geschichten aus dem Alltag, teils ungewöhnlich, teils bizarr, deren Reiz in ihrer Authentizität und Verwicklung liegt. So beispielsweise über das Bizarre unseres Rechtsystems: Nahezu absurd scheint es, als Strelitz, der mit 4,8 Kilogramm Kokain im Kofferraum und 1,6 Promille Alkohol im Blut auf der Flucht vor einem Dealer gegen einen Brückenpfeiler prallt, nicht wegen Drogenbesitzes verurteilt werden kann – des großen Deliktes –, weil er bereits für Trunkenheitsfahrt verurteilt wurde.

Von Schirach schließt den Abend mit einer sehr persönlichen Geschichte, die erzählt, warum er nach 20 Jahren die Arbeit als Strafverteidiger niederlegte und mit dem Schreiben begann: In „Der Freund“ erzählt er von seinem Schulfreund Richard. Diesem begabten jungen Mann standen alle Türen offen, er lebte mit Leichtigkeit, studierte in Oxford und Harvard, heiratete, zog nach New York. Der Kontakt brach ab. Viel später begegnet der Erzähler seinem alten Freund wieder, diesmal einem von Drogen und Alkohol gezeichneten Mann. Bei einem weiteren Besuch erfährt er, dass die Frau von Richard einem brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen war. Vielleicht, so resümiert Richard in der Geschichte, „hast Du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt eine Strafe“.

Er habe gehofft, sein neues Leben als Schriftsteller werde leichter, doch wurde es nie leichter, wie von Schirach erzählt. „Die Fremdheit und Einsamkeit bleiben. Und alles andere auch.“ Einmal mehr gelingt es ihm, Juristisches, Gesellschaftliches, Literarisches und das menschliche Dasein insgesamt miteinander zu verbinden: er erzählt nicht nur von Strafe, sondern vor allem über uns selbst.

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Letzte Änderung am Dienstag, 17 April 2018 08:30

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