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Dienstag, 27 März 2018 17:22

Ein exklusiver Einblick den Alltag am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Ein exklusiver Einblick den Alltag am Rande des Nervenzusammenbruchs © Photo: Haneef Baloch

Mag sein, dass in „Hausen“ nicht alles zum Besten steht. Aber das ist für die Dorfbewohner noch lange kein Grund, pausenlos zu mäkeln. Natürlich hapert es mit der Busverbindung, und der Dorfwirt ist schon fast so lange arbeitslos wie die Verkäuferin, die ihre Kundschaft immer mit dem neuesten Dorfklatsch versorgt hat. Trotzdem lässt die Dorfgemeinschaft nicht von Ideen und Visionen abbringen. Egal was da an öffentlichen Meinungen über das Dorfsterben und die demografische Entwicklung kursiert. Auch was sich die so genannten „Stadtlatscher“ so alles unter dörflichen Leben vorstellen, wird schon mal als Klischee enttarnt und bekommt eine ironische Breitseite.

Vor dem Eingangsportal des Schlosses in Gieboldehausen erwartet die Zuschauer ein ungewöhnliches Willkommen. Zu Beginn der ländliche Exkursion, die ein Team des „boat people projekt“ zusammen mit 30 theaterbegeisterten und vor allem ortskundigen Zeitgenossen entwickelt hat, werden die Besucher Investoren und Sponsoren erklärt. Sie erhalten einen Lageplan über die Stationen, die sie besichtigen können und dazu auch eine klare Ansage, was in Hausen alles unerwünscht ist: Zwei SUV pro Neureichem, zum Beispiel, Carport-Inflationen, Kriminalität, Tankstellen und LKW-Parkplätze. Dann geht es in vier Gruppen auf eine ebenso abenteuerlich unterhaltsame wie fantasiereiche und auch sehr eigenwillige Tour, die den Titel „Dorf – einmal Landkreis und zurück“ bekommen hat.

Stromausfall beim „Frühschoppen“. Das hat gerade noch gefehlt. Die Biervorräte haben sich ebenfalls erschöpft, wie die Zuschauer bei diesem Hörspiel erfahren und dass das noch lange kein Anlass ist, Trübsal zu blasen. Gesprächsstoff gibt es genug über vertraute Gewohnheiten oder eigenwillige Nachbarn, die wenig Gemeinschaftssinn zeigen und nicht mal mehr eine Kirmes zu Stande bringen, wie sie andernorts auch viele Stadtlatscher lockt. Die bekommen am Ende nur die versprochene Dia-Show mit Panoramablick auf den Gartengrill. Mit ihnen wird auch das letzte Bier in Schnapsglas Dosierung geteilt.
Jetzt wird auch die Tafelrunde im Eingangsraum des Schlosses ziemlich munter, die zuvor noch ziemlich schläfrig schien.“Familie Klischee“ zeigt sich wunderbar störrisch und widerspenstig, wenn es um die Vorbereitungen für eine Hochzeit geht. Da müssen sich natürlich Tante, Oma und Brautmutter kräftig einmischen, damit das junge Glück die Ringe vorschriftsmäßig tauscht, während das Familienoberhaupt auch maulfaul schwächelt. Schon ist die Rede von Sodom und Gomorra, obwohl es eigentlich nur um das Reiseziel für die Hochzeitsreise geht. Aber nach diversen Runden Schnaps kann eben aus Gomera schon mal Gomorra werden, wenn so eine erzkatholische Verwandte das Sagen hat.

„Hausen“ hat natürlich auch eine adlige Vorgeschichte und einen würdigen Nachkommen, der mit Krone und Ornat die Reisegruppen im Blick hat und gelegentlich sogar einen goldglänzenden Taler spendiert. Wenn sich zum Beispiel im Treppenhaus ein Chor formiert, der die Hürden im ländliche Alltag auch gern ironisch umspielt und nur manchmal den „Gülle-Blues“ bekommt, so ohne Dorfladen und Kneipe, sparsamer Busverbindung und einer garantiert veranstaltungsfreien Woche. Wo in Unterhausen selbst das Wasser abhaut, gehört das gemeinsame Lästern einfach zum guten Ton – und das auch ein bisschen anders als in Ober- und Oberoberhausen, wo unter dem Motto „Sechs Köche und ein Brei“ Obst und Gemüse zerhäckselt werden und die vielen Momente von Einsamkeit zur Sprache kommen, die das Dorfleben ebenfalls prägen. Erinnerungen an alte WG Zeiten werden umso lieber besungen, die Idee einer gemeinsamen Wildblumenwiese oder der Politikstammtisch, der genau so überfällig ist wie die Glyphosatgruppe. Und so verständigen sich die Köche auch gern auf die Kirche im Dorf und das Herz in der Brust – auf dass sie es in jedem Hausen trotzdem gerne aushalten.

Es gibt noch einen schön verrückten Abstecher in die Dorfsauna auf dem Dachboden. Unter Gebälk und Rotlicht haben vor allem die Dorfhexen das Sagen, die stets auf den neuesten Tratsch lauern, großzügig giften und besonders gern über Neubürgern ablästern, die sich während der Saunazeiten für Einheimische in den ersten fünf Jahren am besten sehr zurückhalten. Das ist ihnen auch während der Ortsversammlung empfohlen, wenn die dörfliche Exkursion nun in ein herrlich turbulentes Chaos mündet.

Erst einmal herrscht Empörung, weil die Stadtlatscher auf dem Friedwald für Überfüllung sorgen, selbst wenn sie die Dorfkasse gebührenpflichtig lukrativ bereichern. Und dann fordern die jugendlichen Tierfreunde auch noch eine Ruhestätte für ihre Hamster und ihre Meerschweinchen. Allerdings hat die Sitzung noch ein dramatisches Nachspiel, wenn sich die Hausener am Ende mehrheitlich auf ein weiterhin lukratives Geschäft mit dem städtischen Urnenaufgebot einigen. Dabei geht es vor allem um die Träume und Visionen, die das das boat people Team mit Menschen aus der Region erkunden wollte. Ein knappes halbes Jahre lang waren Franziska Aeschlimann, Birthe Müchler, Hans Kaul, Nina und Reimar de la Chevallerie mit ihnen in Workshops auf Spurensuche gegangen. Aus den Erfahrungen und Erinnerungen und aus dem, was die Darsteller im dörflichen Leben so alles an Alltäglichem und Besonderem bewegt, entstanden die szenischen Miniaturen, in denen sich immer wieder abzeichnete, dass sie nicht nur gern im Landkreis beheimatet sind sondern das auch bleiben wollen.

Auf der Tagesordnung der Dorfversammlung steht nur noch „Heinz“, den seine Nachbarn schon ziemlich lange verschollen glaubten. Der hat jetzt seinen großen Auftritt, berichtet von einem selbst gebauten Raumschiff und seiner Zeitreise nach Hausen in das Jahr 202. Hausen hat nicht nur ein Mehrgenerationenhaus bekommen und eine kleine Disco, einen Theaterraum und einen Jugendraum, in dem die Tablets von der Decke hängen. Der Zeitreisende schwärmt auch von autofreien Straßen, einem Bio-Supermarkt und dem Parkplatz für die kostenlos nutzbaren Elektrofahrräder in der Nachbarschaft des Haustierfriedhofs. Die fantastischen Aussichten begeistern natürlich nicht nur die Dorfversammlung. Zum gemeinsamen Chor „Der Landkreis lebt“ sind auch die Zuschauer eingeladen, die so viel Überraschendes, Nachdenkliches, Verrücktes und Schönes über das dörfliche Leben erfahren haben und ein wunderbar kreatives und versponnenes Theaterabenteuer.

Die Einladung im Programmheft gilt natürlich weiterhin und wurde auch für die Vorstellungen am 6. und 7. April im Schloss Gieboldehausen mit einem Augenzwinkern versehen. „Wir gewähren euch einen exklusiven Einblick in unseren Alltag am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wer dann noch bleiben will, hat es verdient hier zu hausen…“

Weitere Vorstellungen gibt es am 6. April um 19 Uhr sowie am 7. April um 15 Uhr und um 19 Uhr im Schloss Gieboldehausen. Tickets gibt es an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und online hier im Ticketshop des Kulturbüros.

Weitere Informationen

  • Kategorie: boat people Projekt
  • Übertitel: Theater in Gieboldehausen
  • Untertitel: Dorf – einmal Landkreis und zurück
Letzte Änderung am Montag, 09 April 2018 14:31

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