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Sonntag, 25 März 2018 12:18

„Er kann ja nichts. Das allerdings hervorragend“

geschrieben von
Christina Rohde Christina Rohde © Photo: Dorothea Heise

 

Gemütlich. Gemütlich ist’s auf der Bühne. Eine Mischung aus Jane Austen trifft schwedisches Sommermöbelhaus. Freundliche helle Farben, ein intimes Zimmer bereit für ein Gespräch zwischen Frau und Mann. Der Gegensatz zum barocken Titel des Ein-Frauen-Stücks aus der Feder Peter Hacks ist charmant.

Betritt man aus dem Foyer kommend den Bühnenraum durch die rechte der beiden Türen kann außerdem – zu einem Gespräch gehören doch mindestens zwei Personen? – Herrn von Stein in Augenschein genommen werden. Wie vom Autor gewünscht: eine Holzpuppe. Männer werden die folgenden 90 Minuten nicht reden. Weder von Stein noch Goethe.

Das Publikum sitzt, mitten im Saal, den Rücken zur sonst üblichen Bühne gewendet. Auf einer rechteckigen Fläche, Linoleum mit Parkettaufdruck, ist ein Zimmer aus dem Weimar der 1780er Jahre errichtet. Nur eine Rückwand mit Fenster, ansonsten begrenzen Licht und die schwarzen Wände des JT den Raum. Mittig, vom Zuschauer aus gesehen leicht vor dem Schnittpunkt der Diagonalen der Spielfläche steht eine Chaiselongue. Dazu hinten rechts ein kleiner Sekretär, hinten links mit dem Rücken zum Publikum sitzt Herr von Stein, vor einem Bildschirmkaminfeuer.

„Sie haben ein Gespräch verdient“

Wie um ein schwarzes Loch kreist aller Inhalt dieses 1976 in Dresden uraufgeführten Werkes um die Person Goethes. Einem schwarzen Loch gleich bleibt dieser unsichtbar; höchstens Briefe von ihm werden vorgelesen. Warum aber geht es?

Eine Frau hält ihrem Ehemann einen, in fünf Szenen unterteilten, Monolog. Bevor Einwände laut werden, dass kenne man von zuhause, warum das in ein Schauspiel packen? – es ist nicht alles. Äußerer Rahmen ist Goethes fluchtgleiche Reise nach Italien 1786; Startpunkt Frau v. Steins Verteidigung warum sie, der Vorwürfe „des ganzen Weimars“ widersprechend, daran keine Schuld trage. Im Laufe dieser Rede wird die Entwicklung ihrer Beziehung zu Goethen in den letzten zehn Jahren auf das Haarkleinste dem Ehemann präsentiert, analysiert, kommentiert. Dass sie Goethe nicht liebe, glaubt man ihren anfänglichen Beteuerungen ungeachtet bald nicht mehr – zurecht wie sich zum Schluss herausstellt: Eröffnet Frau v. Stein doch ihrem Manne schließlich den Wunsch nach Scheidung, sich aus einem just aus Rom eingetroffenen Briefe einen Heiratsantrag Goethes erhoffend. Leider schreibt der nur vom „guten Wetter“ im Süden…

Peter Hacks hat aus diversen Quellen auch eine Biographie des Dichters geschaffen, die keine Sekunde Lust auf Heldenverehrung, auf Personenkult hat. (Wie man das 1976 in der DDR wohl verstanden hat?) Das Sprunghafte des Goetheschen Lebens, sein Schwanken zwischen Dichtung, Regierungsamt, naturwissenschaftlicher Beschäftigung, sein Dilettantismus in allen Dingen wird ehrlich ausgebreitet. Genüsslich wird mit wahrem Material und frei Erfundenem am Monument gesägt. Aber gleichzeitig ist es ein Werk über eine selbstbestimmte, entschlossen, stolze Frau. Dazu noch Ehedrama, Komik inklusive. Dass alles ist äußerst dicht gepackt, bei aller sichtbaren kunstvollen Verschränkung der verschiedenen Ebenen im Ton leicht, ausgewogen, kontrolliert – ganz klassisch. Aufs Mitfühlen, aufs Mitleiden mit irgendeiner der Personen, den Steins oder Goethe, ist das Werk schwerlich angelegt.

Christina Rohde meistert souverän, was ihr der Dichter Hacks als Aufgabe stellt. In ruhigem Duktus, dabei in kein Extrem verfallend erhebt sie Frau von Stein, die man höchstens als wichtige Episode aus dem Leben eines berühmten Mannes kennt, von der Fußnote zum Leben. Die zwei, drei Momente an denen das brodelnde Innere sich andeutet, gar kurz hervorblitzt wirken desto eindringlicher. Löblich auch wie die kleine Fläche des Zimmers genutzt und bespielt wird; die mittig stehende Chaiselongue ist eine Art Tanzpartner für Frau von Stein. Der Gatte bewegt sich, holzpuppengemäß, ja eher weniger.

Der Applaus der anständig besuchten Premiere ist groß, wenngleich nicht frenetisch. Eine französische Fluglinie warb vor Jahren in Zeitungsanzeigen einmal mit „Champagner für alle!“. Soweit ist es noch nicht – doch Intendant Nico Dietrich bittet das Publikum im Anschluss immerhin zum Sekt.

nächste Vorstellungen: 27. März und 2. Mai 2018, 20h

Weitere Informationen

  • Kategorie: Junges Theater
  • Untertitel: Peter Hacks: „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“
Letzte Änderung am Samstag, 07 April 2018 22:23