Willkommen im Kulturbüro Göttingen

Lieber Gast,
herzlich willkommen auf den Seiten des Kulturbüro Göttingen. Sie finden hier ein großes Angebot an Terminen, Spielplänen, Tipps und Rezensionen.
Um dieses Angebot frei verfügbar anbieten zu können, sind wir auf Unterstützung angewiesen. Wir freuen uns, wenn Sie sich an der Finanzierung dieses Angebotes beteiligen würden. Lesen Sie mehr über die Möglichkeiten – von der Einmalzahlung bis zur Jahresmitgliedschaft.

Dienstag, 20 März 2018 17:30

Künstlerhaus

Ansprache zur Vernissage

Martin Meiswinkel „Kronos“

geschrieben von
Martin Meiswinkel „Kronos“ © Photo: Fibiger

Zur Eröffnung der Ausstellung „Kronos“ von Martin Meiswinkel im Weißen Saal des Künstlerhauses sprach Kulturbüro-Autorin Tina Fibiger. Lesen Sie hier den Text ihrer Ansprache im Wortlaut.

Jeder Raum ist ja zunächst mal eine statische Angelegenheit, ein berechenbares Konstrukt, das nur Bestand hat, wenn dabei die Regeln der Statik eingehalten werden. Es gibt Berechnungsgrundlagen für die tragfähigen Verhältnisse zwischen Wänden, Decken und Boden und auch für die Konsistenz und die Belastbarkeit von Baustoffen und Materialien, die das Konstrukt ummanteln und einkleiden. Das gilt natürlich auch für den Weißen Saal, den Martin Meiswinkel mit seinen Arbeiten in Beziehung setzt.

Stellen Sie sich für den Moment den Boden ohne diese weißen Kacheln vor: Als standfeste Fläche aus Holzbohlen, die zu klassischem Parkett veredelt wurden, um mit immer wieder neu aufgetragenen Lackschichten dem Verschleiß durch Trittspuren und gewichtige Gegenstände zu trotzen. Doch was Holzböden altersbedingt ebenso an sich haben: Mit der Zeit knarzen sie, weil das Material aller handwerklichen Zumutungen zum Trotz weiterarbeitet und sich in diesem Fall geräuschvoll bewegt. Hier knarzt natürlich nichts, trotzdem verhält sich der Weiße Saal keineswegs so still, wie es seine solide Konstruktion vermuten lässt, weil ihn der Künstler in ein Gespräch verwickelt, das auch seine Bildräume antreibt. Wie Ruhestörer in einer konstruktiven Ordnung ecken sie in Formen, Flächen und Materialien an, stellen die sichtbaren und die unsichtbaren Verhältnisse gern in Frage und unterwandern auch die bequem vertrauten und die tradierten Wahrnehmungskoordinaten.

Erhard Schröter hat ja bereits darauf hingewiesen, dass die Farbe Weiß dabei ein konstituierendes Element ist, das im Ausstellungstitel „Kronos“ angelegt ist. Mit dem Markennamen für das synthetische Titanweiß, das nun die natürlichen Pigmentmischungen strahlend und energisch dominieren sollte. Und weil die Farbe Weiß so schön erhellt und gleichzeitig auch wunderbar zu blenden und zu verblenden mag, was dunkle Flächen und störrische Untergründe angeht, hat Martin Meiswinkel mit ihr einen kreativen Diskurs aufgenommen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, sagte sich der Künstler bei seinem ersten Besuch im weißen Saal mit Blick auf dieses, wie er meint, „allgegenwärtige Weiß“: Den Raum bewusst zu ignorieren oder diese Tarnung mit weißen Arbeiten aufzubrechen.

Ich würde diese Ausstellung mit Ihnen gern wie eine inszenierte Großbaustelle betrachten, in die uns ein Architekt lockt, der die programmgemäßen Abläufe malerisch neu vermisst , mit ihnen experimentiert und dabei vor allem das Eigenleben der Materialien im Blick hat, ihre Wechselwirkung und ihr vermeintlich funktionales Zusammenspiel. Und dass sich dabei die unmittelbare Umgebung ständig einmischt.

Das beginnt bei der Farbe Weiß, die ja auch an Freiräume denken lässt oder Freiflächen, die scheinbar keiner eigenen Bedeutung bedürfen und manchmal schon durch ihr schlichtes Vorhandensein einen Kontrapunkt setzten zu den farbig belebten Bildräumen, die so vielleicht erst in den Blick des Betrachters geraten. Aber Weiß ist eben nicht gleich weiß, sondern abhängig von Farbauftrag, Konsistenz und Untergrund. Es reagiert - wie andere Farben auch - unterschiedlich auf Leim und Öl als Bindemittel und nimmt dann eine andere Färbung an. Es kann sich, mit dem Spachtel aufgetragen, in eine dicke Körpermasse verwandeln, die Blasen aufwirft, Strukturen und Verwerfungen bildet. Es kann sich wie eine Lackschicht undurchdringlich verhärten oder mit einer Schicht Ölkreide die täuschende Wirkung von Durchlässigkeit behaupten und dann bei aller Zartheit ebenso massive Schatten werfen wie eine Spachtelmasse.
Dieser malerische Prozess des Erhellens und Verdunkelns von Farbräumen in scheinbar abgezirkelten geometrischen Formen mit Ecken und Kanten, wie sie scheinbar demonstrativ Zeichen setzen, oder ganz subtil im Hintergrund wirksam werden, bringt mich wieder zurück auf die malerische Großbaustelle und die Materialien, mit denen Martin Meiswinkel arbeitet. Wo auch Holz zum Einsatz kommt und neben Farben, Bindemitteln, Lacken und Kreide zum Beispiel auch Nesselstoff und Aquarellpapier, deren Wechselwirkung der Künstler in seinen Bildräumen auf die Probe stellt. Und das auch, um die Wahrnehmung des Betrachters ein bisschen aufzumischen.

Zum Beispiel in der Arbeit mit diesen beiden Trägerkonstrukten, die fast wie ein Zwillingspaar anmuten, das sich nun im Gegenüber spiegelt und der scheinbaren Symmetrie beständig widerspricht… nein, es sind eben nicht die gleichen Farbkontraste, die sie aufladen. Obwohl ihre Bausätze aus verwandten Formen bestehen, erfahren sie unterschiedliche Betonungen und unterschiedliche Spannungsverhältnisse. Da täuscht auch der scheinbar hintergründige weiße Bildraum mit seinen Schattierungen und Kontrasten. Fast als ob Martin Meiswinkel sie wie Scheinwerfern einsetzt, deren Lichtwirkung er auf seine Weise auf – und abdimmt - und dadurch auch Betonungen und Markierungen setzt, die nicht für den ersten Blick gedacht sind und vielleicht nicht mal für den zweiten sondern für sehr viel später.

So wie sich ja mit jedem Perspektivwechsel des Betrachters auch die Berührungspunkte verschieben, an denen sich sein Blick orientiert oder verhakt und dann auf eine unerwartete Facette im kompositorischen Dialog der Farbräume, der Flächen und deren vertiefende Wechselwirkung trifft: Auf einen dieser malerischen Unruheherde, die sich so gar nicht auf die konstruktiv anmutende Ordnung der Formen einlassen wollen. Sei es eine austreibende Kante, die sich nicht ihre Bemessungsgrenze hält oder auch eine Lackspur, die in ihrem Fluss gebremst wurde oder einfach nicht manierlich über eine Fläche gleiten wollte. Der Leim macht sich offenbar ebenfalls seinen eigenen Reim, wenn er sich nicht ausschließlich an seine stabilisierende Funktion oder seine farbkontrastierende Wirkung hält und stattdessen einen eigenen Bildraum einnimmt. Selbst wenn er dabei vielleicht nur eine Fläche anders einfriedet und ihr etwas von der geometrisch präzisen Berechenbarkeit nimmt.

Ich möchte gern noch bei den malerischen Unruheherden verweilen, in die Martin Meiswinkel die Elemente seiner Bildräume verwickelt. Und das mit Blick auf die vier Arbeiten, die impulsgebend für seinen Dialog mit dem weißen Saal waren. Es sind sehr umtriebige Motive, in denen das konstruktive Raster von Räumen in seiner Vielstimmigkeit und Vieldeutigkeit unmittelbar mitteilbar wird. Zum Einsatz kommen klassische Elemente der Architektur, die an eigenwillige Grundrisse erinnern, die ständig nachjustiert werden und dabei erst recht ein eigensinnig bewegendes Eigenleben entwickeln. Die dunkle Fläche mit ihren Auslegern und Abspaltungen scheint zunächst im Mittelpunkt zu stehen und die hellen Räume zu bloßen Versatzstücke zu deklarieren, die sich einem zweiten Parcours offenbar an der dunklen Farbenergie gestärkt haben und nun eine erhellende Bastion mit Bruchkanten, Flecken Verwerfungen und Markierungen bilden.. . scheinbar bestärkt durch den weißen Hintergrund, der jetzt an Bildraum gewonnen hat.

Wieder anders formieren sich die Farbschichten im dritten Bildparcours gegen das erhellende Weiß zu einem eigenwilligen Mauerwerk im Raum, um sich schließlich auf ein offenes Arrangement der Flächen Arrangement zu verständigen und auch gegen den unmittelbaren weißen Kontext behaupten. Da hat es dann fast den Anschein als ob sich das Weiß mit seinen Einmischungen - erhellend oder kontrastierend – in den Hintergrund begeben hat und über den Bildraum hinaus nun mehr mit der Wand des weißen Saales korrespondiert. Was es im Übrigen die ganze Zeit betrieben hat, während Sie in den Arbeiten unterwegs waren. Es ist natürlich auch kein Zufall, dass sich für den Betrachter aus der Distanz die weißen Säulen in die Erkundung von Martin Meiswinkels Bildräumen einmischen. Allein schon, weil sie mit ihren Rundbogenarrangements die Ecken, Kanten und Abgrenzungen in seinen Arbeiten mit weichen Formen und geschwungene Linien kontrastieren. Doch seltsamerweise begegnen sich hier keineswegs gegensätzliche Raumideen und Raumkonstrukte. Der Künstler weiß um die funktionalen Regeln der Geometrie und der Architektur und wie er sie nun auch genüsslich auflaufen lassen kann. Immer in den Momenten, wo sie die die Wahrnehmung verengen, die auf praktikable Proportionen und Funktionalitäten vertraut, und die inspirierenden Signale wegblenden.

Halten Sie bei Gelegenheit einfach mal einen Moment inne, wie es Ihnen beim Betrachten dieser vier Bildparcours ergangen ist. Sind sie etwa irgendwo angeeckt oder an eine Kante geraten? War es nicht vielleicht so, dass Sie einer bewegenden Sehspur gefolgt sind und das Gefühl hatten, einfach mal neugierig über scheinbar unwegsames Gelände flanieren zu können, das dann doch nicht so unwegsam war. Dass sie dabei auch mal einer malerischen Terra incognita begegnet sind, die Ihnen über das Sichtbare hinaus so viel Berührendes entdeckt hat, dass sie jetzt gern enträtseln können aber nicht müssen. Die anmutige Gestalt, die eine Fläche auch annehmen kann oder die Schönheit eines Farbweges, der vor ihre Augen ins Schweben gerät bevor sie einen weiteren Farbraum einfärbt, überlagert oder in ihm verblasst…lassen sich Sie ruhig ein bisschen täuschen vom dem, was Sie zu sehen glauben, weil dahinter und damit noch eine Menge mehr stattfindet…

Man mag die skulpturale Arbeit von Martin Meiswinkel wie ein launiges Apercu betrachten. Es handelt sich dabei um zwei schlichte Holzbretter die er weiß ummantelt und veredelt hat. Was so eine Umhüllung alles vermag, die ganz profanen Zutaten zu einer grazilen tänzerischen Wirkung mit faszinierenden Schattenreflexen verhilft. Mit der Hülle verhält es sich ähnlich wie mit dem weißen Saal und den künstlerischen Reflexionen von Martin Meiswinkel auf diesen Raum. Je tiefer man in der Begegnung mit Flächen und Überlagerungen, ihren Schichtungen, Verwerfungen und Kollisionen in sie hineinhorcht, um so mehr entsteht das befreiende Gefühl, das selbst scheinbar statisch anmutende Konstrukte und Proportionen eine nicht berechenbare oszillierende Seite haben und keineswegs still halten. So wenig wie diese Bildräume, die nun auch ihre materielle Umgebung in eine wunderbar abenteuerliche Korrespondenz verwickeln.

 

Letzte Änderung am Dienstag, 20 März 2018 17:36

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

Kultursommer 2018

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok