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Dienstag, 20 März 2018 00:00

Junges Theater

Premierenkritik zu „Panikherz“

Bisweilen düstere Einsicht

geschrieben von
Karsten Zinser, Katharina Brehl und Andreas Krüger auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen Karsten Zinser, Katharina Brehl und Andreas Krüger auf der Bühne des Jungen Theaters in Göttingen © Photo: Dorothea Heise

„Geburt, Schule, Arbeit, Tod“ – diesen Kreis versucht Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Roman Panikherz zu durchbrechen. Am 17. März erlebte das Theaterstück zu der autobiographischen Romanvorlage in der Inszenierung von Nico Dietrich seine Uraufführung im Jungen Theater. Mit von der Partie die verschiedenen Lebensphasen Stuckrad-Barres (dargestellt durch: Katharina Brehl, Agnes Giese, Andreas Krüger, Jan Reinartz und Karsten Zinser) sowie ein Udo Lindenberg, der an Kauzigkeit kaum zu übertreffen ist.

Der junge Benjamin lebt dank seiner Mutter ein Leben, das man als „seiner Zeit voraus“ bezeichnen könnte.  Dieses behagt ihm jedoch gar nicht. Statt Bio-Lebensmitteln und Secondhand-Klamotten will er Toast mit Nutella essen und Markenklamotten tragen. Statt Klassik will er lieber Popmusik hören. Udo Lindenberg vor allem. Ein Umzug von Rotenburg (Wümme) ins beschauliche Göttingen bedeutet für ihn dann schließlich den ersten sozialen Aufstieg. Panikherz zeigt Stuckrad-Barres Anfänge als Musikkritiker und verfolgt anschließend seinen Karriereaufstieg. Dieser ist allerdings mit so manchem Problem behaftet, denn er beginnt, ein krankhaftes Suchtverhalten zu entwickeln.

Das Bühnenspiel auf dem runden Podest (Ausstattung: Susanne Ruppert) gestaltete sich durchweg dynamisch. So stellte dieses unter anderem das heimatliche Kinderzimmer, ein Restaurant, einen Göttinger Schulhof oder auch einen Ort in den Vereinigten Staaten dar. Die Inszenierung selbst wurde schlicht gehalten, jedoch waren die Kleidungswechsel und schauspielerischen Leistungen so überzeugend, dass man das weitgehende Fehlen von Requisiten gar nicht zur Kenntnis nahm. Auch die Entwicklung vom juvenil-enervierenden Jugendlichen zum lässigen und smarten Kulturjournalisten ist in sich stimmig. So orientiert sich der Protagonist zunehmend an den Trends der jeweiligen Dekaden und entwickelt entsprechend der frühen 90er-Jahre beispielsweise ein Faible für Grunge und Britpop.

Das zeitgleiche Auftreten der verschiedenen Benjamins in einigen Szenen hinterließ den Eindruck, dass sich in dem Protagonisten noch Spuren seiner Vergangenheit befinden. Vom jungen Benjamin bis zum taz-Kritiker Benjamin erfolgten die Darstellerwechsel dabei recht stringent, beim gleichzeitigen ersten Auftreten von Benjamin vier und fünf stellte sich mir jedoch anfänglich die Frage, um welche Phasen es sich denn nun bei ihnen handeln würde. Lediglich an dieser Stelle hätte ich mir eine bessere Etablierung der Figuren gewünscht. Die Darstellung des Udo Lindenbergs, den Stuckrad-Barre im Rahmen eines Features kennenlernt, ist in Sachen Stimme und Habitus absolut überzeugend.

Sehr erfrischend der Umgang mit Tabuthemen, bei denen Stuckrad-Barre analog zu seinem exzessiven Lebensstil wahrlich seine Grenzen austestet. So zeigt er während seines Klinikaufenthaltes aufgrund seiner eigenen Essstörung mit zynischem Witz den Unterschied zwischen Erkrankten der Bulimie und magersüchtigen Patienten auf und stellt ob der Zahl an weiblichen Patienten eigenironisch fest, dass er an einer „Mädchenkrankheit“ leidet. Was hätte definitiv schieflaufen können, stellte sich letztendlich als geglückte Gratwanderung zwischen Humor und Tabu heraus.

Das Stück endet versöhnlich, wenn auch nicht unter den besten Voraussetzungen. Dem jungen Erwachsenen Benjamin wird attestiert, dass er seine Grenzen austestet, weil er in seiner Kindheit nie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Nachdem er dann erneut in sein Suchtverhalten zurückfällt, sucht sein neuer Kumpel Lindenberg einen Experten für ihn auf, was für eine vorübergehende Linderung seines prekären Zustandes sorgt. Schließlich kehrt bei ihm dann doch die Vernunft ein, jedoch erst mit dem Versterben eines seiner Idole bedingt durch dessen Lebensstil.

Eine skurrile und witzige, bisweilen aber auch düstere, Einsicht in Stuckrad-Barres Patientenakte, an der auch Sigmund Freud sicherlich sein Interesse bekundet hätte. Von Seiten des Publikums wurde Panikherz manchmal mit offenen Mündern, vor allen Dingen aber mit herzlichem Lachen bedacht. Dabei schafft es das autobiographische Stück aber auch, längerfristig zum Reflektieren der eigenen Lebensentscheidung anzuregen.

Sollten also auch Sie den zwingenden Drang des Aufbegehrens verspüren, so haben Sie noch am 20.03., 28.03., 13.04., 28.04., 22.05. sowie am 09.06. die Gelegenheit, eine Abendvorstellung zu besuchen.

Letzte Änderung am Samstag, 24 März 2018 19:05

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