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Freitag, 16 März 2018 22:38

Unwucht, du selige! oder Ein Konzert im Konzert

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Benedict Klöckner in der Göttinger Universitätsaula Benedict Klöckner in der Göttinger Universitätsaula © Photo: Schäfer

Das Göttinger Symphonie Orchester und Benedict Klöckner mit „Sturmmusik“ in der Aula am Wilhelmsplatz

Wie häufig erlebt man das? Nichts Böses ahnend wird eine Karte zum 1. Konzert des GSO-Zyklus „Wiener Klassik“ käuflich erworben – verlässlich der programmatisch konservativste des ortsansässigen Klangkörpers – und schwups … ein Rezital für Violoncello solo gibt’s gratis dazu. Dem Solisten des Abends ist dieses Schmankerl zu verdanken, aber der Reihe nach:

Orchesterwerke von Johann Wilhelm Wilms (1772-1847) sowie W. A. Mozart nehmen das Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll, Wq 170, Carl Philipp Emanuel Bachs in ihre Mitte. Nur Letzteres ist eigentlich dem musikalischen „Sturm und Drang“ zu zuordnen, wie Andreas Waczkat in seinen vor jedem Werk dargebotenen kenntnisreichen Erläuterungen anmerkt. Dies können auch die Tücken der Mikrophontechnik nicht verhindern, welche kurzzeitig saalweiten Unmut auslösen drohen.

Das GSO und sein Dirigent Christoph-Mathias Mueller sind, wieder einmal, glänzend aufgelegt. Und bei Bachs Cellokonzert tut das auch aller höchste not. Es ist Musik für die Stuhlkante.

Zu zerhackt, zerrissen, verworren fliegen die Motive in den Ecksätzen durch die Partitur. Aber auch der vorausahnende Konzerthörer – man wollte die jetzt doch zwingend folgende nötige laute Stelle zum Husten nutzen – wird vom Komponisten eiskalt erwischt.

Die Streicher, das Werk sieht keine Bläser vor, meistern ihre Unisono-Passagen, die zahllosen Einwürfe, das ständige dem-Solisten-ins-Wort-fallen mit beeindruckender Genauigkeit. Die schroffen Dynamikwechsel, die abgehackten Rhythmen – alles vom Dirigat mit stürmischer Vehemenz in Szene gesetzt, doch stets kontrolliert, noch grade eingehegt.

Und das genau ist kongenial zur Interpretation des Soloparts durch Benedict Klöckner. Abstimmungsprobleme oder Balanceschwierigkeiten zwischen Orchester (tutti oder Continuogruppe) und Violoncello existieren eh nicht. Daher kann alle Aufmerksamkeit sich auf den beinahe nüchternen, schnörkellosen, elegant-kühlen Ton von Solist und seinem Instrument (Jahrgang 1680, also das Cello) richten. Noch die angespanntesten, schwierigsten Figuren im dritten und letzten Satz des Konzerts werden beiläufig, doch zugleich leidenschaftlich serviert. Vibrato, wie leicht kann das auf dem Cello ins unerträglich Kitschige sich verlieren, wird verwendet, aber wohldosiert, schüchtern gar; in allerlei möglichen Abstufungen und Farben. Es ist die wahre Freude.

Kompositorisch hinterlässt der zweite Satz den stärksten Eindruck: Einer der üblichen barocken Schreitbassfiguren verengt sich auf eine Sechstonfolge, wandert durch alle Stimmen – das Solo ausgenommen – und wird zur tragenden Säule dieses Andantes. Harmonisch mal klar und eindeutig, dann sich unvorhergesehen in alle möglichen Richtungen auflösend, kann es scheinbar jedem Gefühl Ausdruck verleihen.

Offiziell folgt nach begeistertem Applaus ja die Zugabe. Hier nicht. Hier beginnt nun das Cello-Rezital. Durch Länge und Wucht der ausgewählten Werke zerbricht das klassische Gleichmaß der Programmgestaltung. Gottlob.

Aus Zoltán Kodálys Sonate für Cello solo op.8 erklingt zwar „nur“ der Schlußsatz, aber das ist ein echter Trumm, den Herr Kloeckner ….berserkerhaft klänge nun zu brutal…. mit reichlich, reichlich Verve in die Saiten und aufs Griffbrett setzt. Zugleich mit jener Grandezza wie im Konzert kurz zuvor – eine Art von innerer Distanz, bei gleichzeitiger absoluter Hingabe. (Wie wohl eine Interpretation des Elgarkonzerts von ihm klingen würde?)

Im Gespräch mit dem Solisten erfahre ich anschließend, dass er mit einigem Schalk den Kodály als Zugabe ins Kalkül zog; manche Zuhörer wären wohl gar nicht ins Konzert gekommen, hätten sie den Namen „auf dem Programm gelesen“.

Anschließend, Zugabe Nummer zwei und „auch nicht so lang wie das Stück eben“ noch einmal Bach, diesmal jedoch der Vater Johann Sebastian – erster Satz aus der letzten der sechs Cellosolosonaten, D-Dur. Was selbst bei vielen guten Cellisten nach rauer Arbeit sich anhört – das ist es übrigens auch. Das Werk wurde ursprünglich wohl für ein fünfsaitiges Instrument geschrieben, heutzutage müssen vier ausreichen. – hier ist es: In heitere Lauterkeit aufgelöster Klang. Der gebrochene D-Dur-Schlussakkord so betörend wie Glanzlichter auf Gläsern in den Stillleben alter holländischer Meister.

Grandios. Zugleich ausführlich beschrieben, so dass für Mozart, zum Konzertschluss nun wieder mit einigen Bläsern, nur dies Lob in einem Satz übrigbleibt.

Allein, dieser Komponist ist berühmt genug; Johann Wilhelm Wilms jedoch verdient einige Sätze mehr. Seit 1791 in Amsterdam als Pianist, Flötist, Komponist, Musikpädagoge tätig gelangte er zu einigem Ruhme, der ab 1820 den Weg alles Irdischen ging. Die Concert-Ouvertüre in Es-Dur, mit ihren vier Schwesterwerken vermutlich, da ohne Datierung, ab Ende der 1820 entstanden, lassen unschwer an Mozart oder C.M. von Weber denken. Der Ton ist, besonders bei Übergängen und Rückungen, dennoch unverkennbar eigen. Manches hat mich in seiner Art ganz von ferne selbst an Schumann denken lassen. Das GSO präsentiert zu Beginn des Abends die Ouvertüre derart überzeugend, dass sie bitte im Repertoire verbleiben möge. Besonders charmant die vermeintliche Schlusssteigerung, wo die Bläser das Hauptthema wie einen Choral in den Klangraum setzen. Ganz gegen das böse Musikerwort vom „Schutzblech“ tragen zwei Trompeten und drei Posaunen den Klang der Holzbläser ins Strahlende empor, ohne ihn zu dominieren. Wundervoll komponiert, wunderbar dargeboten. – Aber das ist nicht das Ende: Vor den genretypischen Schlussakkordschlägen eine weitere Überraschung, aber das müssen Sie selbst hören.

Das erste Mal an diesem Abend großer Applaus; es war nicht das letzte Mal.

Weitere Informationen

  • Kategorie: GSO
  • Untertitel: Konzert „Wiener Klassik“
Letzte Änderung am Freitag, 23 März 2018 10:50

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