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Mittwoch, 24 Januar 2018 22:13

Literarisches Zentrum

„Liederabend“ mit Jens Balzer und Gerhard Kaiser

Atemlos durch die Popmusik der Gegenwart

geschrieben von
Jens Balzer und Gerhard Kaiser im Gespräch über Pop-Phänomene der Gegenwart Jens Balzer und Gerhard Kaiser im Gespräch über Pop-Phänomene der Gegenwart © Photo: Alexander Giefers

Am neunten Liederabend des Literarischen Zentrums gab’s Einiges auf die Ohren

Die Popmusik der Gegenwart ist langweilig und trivial. Dieses Urteil über die aktuelle Populärmusik vernimmt man aus vielen Ecken, teils aus Erinnerungen an die wilden Zeiten des Rock’n Roll gespeist oder aufgrund des angelegten Maßstabs an ikonische Künstler*innen artikuliert, an deren Glanz und Tragweite heutzutage einfach keiner mehr rankommen könne. Dass die Popmusik der Gegenwart jedoch ein größeres Spektrum aufweist als je zuvor und in ihrer Vielfalt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Strömungen erlaubt, beweist Jens Balzers Buch Pop: Ein Panorama der Gegenwart, über das er am neunten „Liederabend“ des Literarischen Zentrums mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser sprach.

Für seine popkulturellen Studien gehe Balzer dahin, wo es weh tut, wie sein Interviewpartner Kaiser zu Beginn scherzhaft anmerkte. So zum Beispiel auf ein Konzert von Helene Fischer, die in vielen Köpfen spätestens seit ihrer erfolgreichen Single Atemlos durch die Nacht hartnäckige (und unfreiwillige) Ohrwürmer verursacht hat und zumeist das Label der modernen Schlagergeneration trägt. Dass diese Genreeinordnung zu kurz greift, beweist die Einleitung des Pop-Buchs, in der Balzer seine Konzerteindrücke eines Helene Fischer Konzerts schildert: ein durchinszeniertes Jonglieren durch diverse Stile, ein Verwischen der Genregrenzen, was Balzer als „Symptom des Gegenwartspops“ beschreibt. Spätestens bei der Demonstration eines House-Remixes des größten Hits der populären Sängerin wird diese Durchdringung verschiedener Genres und die einhergehende clevere Inszenierung als überzeitlich agierende Künstlerin deutlich.

Aber ist denn wirklich alles schon mal da gewesen, bleibt in der Popszene nur noch das Zurückgreifen auf altbekannte Genreregeln? Sowohl Kaiser als auch Balzer sind sich einig darüber, dass man, vielleicht abseits des musikalischen Mainstreams, sehr wohl noch auf Innovationen treffen könne, die die Popmusik mit neuen Elementen anreichern. „Ich war auch nie ein Kulturpessimist“, stellt Jens Balzer klar und plädiert somit für einen offeneren Blick abseits vorgefertigter Meinungen zum oftmals behauptetem Abstieg der Populärmusik.

Allein die zunehmenden internationalen Vernetzungen und technischen Möglichkeiten erweitern den Spielraum für die musikalische Gestaltung und aus neuen Diskursen entstehen neue Themenfelder: Das Publikum lauscht dem klaren Gesang Holly Herndons, der teils jedoch so bearbeitet und durchdrungen von einem mechanischen Geräuschteppich ist, dass der Text wegen dieses Spiels mit den Hörgewohnheiten zunächst fast zweitranging wirkt. Doch in Home geht es um mehr als musikalische Experimente. Wie Balzer erklärt, ist es ein Lied an einen ihr unbekannten Zuhörer, eine Kritik an der Überwachung der NSA: „Do you like what I made for you?“ In diesem Lied werde die Zerrissenheit des Individuums verdeutlicht, verursacht durch den technischen Fortschritt, der es zwar einerseits ermögliche, autonom Musik zu gestalten, aber diese Freiheit zugleich wieder einschränke.

Das weitgefasste Themenfeld der Emanzipation, ob in künstlerischer oder sexueller Hinsicht, fasst Jens Balzer unter dem Begriff „Digitalfeminismus“ zusammen. Dieses Labeling einzelner Künstler*innen zu einer Gruppierung zieht sich durch Jens Balzers Analysen des Gegenwartspops. Nicht etwa, weil er Phänomene über einen Kamm scheren möchte, ihm geht es darum, „an die Tiefenstruktur zu kommen und Gemeinsamkeiten aufzudecken“. Balzers markierter Beginn der Gegenwart der Popmusik ist auch in größeren beobachteten Gemeinsamkeiten zu sehen und wegweisend dafür, dass eine immer größere Variation in der Musikszene zu verzeichnen ist: Anekdotisch berichtet Balzer von einem Auftritt der Band The Strokes im Jahr 2001, der für ihn das Ende der Ära der traditionellen Rockmusik und Zurschaustellung von Männlichkeit auf der Bühne markierte.

Am Ende des Abends, nach unterschiedlichsten Hörbeispielen und pointiert vorgetragenen Buchpassagen, wurde deutlich: Geschmäcker sind und bleiben unterschiedlich, wie Balzers Schilderungen und die kurzweiligen Diskussionen zwischen dem Autor und Gerhard Kaiser verdeutlichten. Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind auch kein Wunder, bewegt sich die gegenwärtige Popmusik doch in einem unüberschaubaren Facettenreichtum in- und außerhalb von Genregrenzen und verspricht bei umfassender Betrachtung einen Einblick auf Stimmungsbilder von Gesellschaften, die sich teilweise zu übergreifenden Bewegungen bündeln lassen.

Letzte Änderung am Montag, 12 Februar 2018 14:06

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