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Montag, 18 Dezember 2017 16:28

Immer die falsche Hülle – Nie tarnt sie richtig

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Gaby Dey, Christina Jung, Judith Strößenreuter Gaby Dey, Christina Jung, Judith Strößenreuter © Photo Thomas Müller

Elias Perrig inszeniert Elfriede Jelineks dramatischen Aufriss über die Modewelt „Das Licht im Kasten“ am Deutschen Theater

Spätestens in der Umkleidekabine versagt das modische Blendwerk. Aber welche Trägerin will schon wahrhaben, dass sie das vorgeschriebene Designerformat mal wieder nicht erfüllt. Doch zum Glück treibt die drohende Panikattacke den dringlichen Konsumwunsch gleich noch mal kräftig an. Der wird schließlich auch mit einem attraktiven Outfit belohnt, egal ob das jetzt kneift, knittert oder Falten schlägt. Im Zweifelsfall lügt halt der Spiegel oder die fiese Beleuchtung.

In ihrem aktuellen Szenario „Licht im Kasten“, das Elias Perrig am Deutschen Theater inszenierte, sieht das Elfriede Jelinek dann doch ein bisschen anders. Es fliegen jede Menge verbaler Fetzen, was die schöne neue Modewelt und ihre Attraktionen angeht, wo eigentlich gar nichts mehr zusammen passt, egal ob Edelkluft oder Schnäppchenofferte und die Produktionsräder in den Nähfabriken jetzt nur noch rasanter rotieren. Der Platz für Gewissensnöte ist halt arg begrenzt und das nicht nur in den Umkleidekabinen, wo jetzt wieder ein Testlauf für den verschönernden Schein fällig ist, während irgendwo in Asien mal wieder an Feuerlöschern und Billiglöhnen gespart wurde, so dass die Überproduktion inklusive ihrer Produzenten zwischen Schutt und Asche verglüht.

Gaby Dey, Christina Jung und Judith Strößenreuther widmen sich auf der Vorbühne des Deutschen Theaters dem Drama mit den ständig wechselnden Hüllen, die als Stimulanz für attraktive Optik und selbstbewusste Gemütslagen immer wieder kläglich versagen. Bühnen-und Kostümbildnerin Beate Faßnacht hat ihnen mit einem gläsernen Kasten den perfekten Catwalk im Schaufensterformat kreiert und sie mit fleischfarbener Miederware ausgestattet. So können sich die drei Schauspielerinnen zunächst auch unbeschadet von all den textilen Scheußlichkeiten, die sich zu ihren Füßen stapeln, in diese Jelinek typische Textfläche stürzen. Die hat’s mal wieder in sich, als Gedankenfluss und  Assoziationskettenwerk, wo jetzt eben das Kapitel Mode und vor allem die Modeindustrie vom feinsten geschreddert wird. Das T-Shirt für schlappe 4,99 Euro sowieso und die edle Ummantelung erst recht, die ebenfalls mit Hungerlohntarifen kalkuliert wird.

Österreichs Nobelpreisträgerin verzichtet auch hier auf fest umrissenen Figuren und Handlungsstränge. Sie lässt stattdessen Argumente und Ansichten mit all ihren Widersprüchen kollidieren, aus denen Regisseur Elias Perrig mit seinen drei Schauspielerinnen ausdruckstarke Tableaus destilliert hat.

Geschmacksfragen scheitern bereits in der Werbebotschaft, die von strahlenden Slim Line Models offeriert wird. Das ist schon ziemlich bitter, wenn der letzte Schrei beengt und andere darin sowieso viel besser aussehen oder wenn das nächste modische Erfolgsversprechen die Kreditlinie sprengt. Das Designerschnäppchen von der letzen Outlet Tombola tröstet leider auch nur vorübergehend, weil seine Halbwertzeit spätestens mit der nächsten Fashion week endet, wenn es nicht schon vorher als eigentlich oder endgültig untragbar ausgemustert wurde. Zum Glück wird das Konsumentenglück inzwischen auch viel schneller mit neuen Pret à Porter Versprechen beflügelt. Und wenn dabei auch noch Öko-Standards locken, zwickt auch das schlechte Gewissen nicht mehr in der Taille oder im Schritt, und die Nachfrage nach weiteren stofflichen Verpackungen kann entspannt zunehmen.

Ein Schauspiel für sich sind die vielen Gesten und Blicke und erst Recht die Posen und die Attitüden, mit denen Gaby Dey, Christina Jung und Judith Strößenreuther das Licht in diesem gläsernen Kasten aufladen. So ganz beseelt von dem gelungenen Frustkauf und unmittelbar auch wieder wütend und empört, weil die Wirklichkeit den plakativen Versprechungen nicht standhält und nicht nur die neue Hülle Falten schlägt, sondern auch das Seelenleben. Natürlich fällt bald das Stichwort Selbstoptimierung mit der nächsten Offerte für eine jugendlich strahlende Verpackung, gegen die dann leider das Alter der Verpackungskünstlerin spricht, die sich jetzt vielleicht mit einem Visagisten tröstet.

Dass sich der ganze Aufwand zwangsläufig irgendwann auch endgültig erschöpft, lässt Jelinek in ihrer modischen Kampfansage ebenfalls anklingen und wird dann halt ein bisschen fies. So ein kleines Krebsgeschwür optimiert den Body Mass Index ganz fix, nur dass dann der nächste Caltwalk nicht mehr so belebend stimulierend ausfällt. Dass die nächste Sommerkollektion mit makellos gekämmter Baumwolle anderswo das Grundwasser verseucht und der Modekrebs dort ständig weitere Leichen produziert, steht dann halt auf einem anderen Blatt. Und so trügt der scheinbar schöne Schein auch weiterhin und vor allem umsatzträchtig über das hinweg, was er einfach nicht zu tarnen vermag: Körper, in denen Ängste, Bedürfnisse und Sehnsüchte lauern, die sich mit modischen Placebos auf  Dauer leider  nicht kurieren lassen.

Auch vor dem gläsernen Schaukasten rüsten sich die drei Schauspielerinnen noch einmal mit Stoffen und Accessoires ein und illustrieren eine Modepuppenhaut, die das Unbehagen, das dieser Theaterabend so klug und bewegend seziert, für einen kurzen Moment einpanzert. Jetzt wäre es an der Zeit für ein kleines Selfie im gerade aktuellen Look, weil sich die Wirkung ja schon bald wieder verflüchtigen wird, wenn wieder mal alles raus muss, egal ob in den nächsten Container oder in einen dieser Second-Hand Shops. Gemeint ist natürlich vor allem das Publikum, das jetzt noch ein strahlendes Lächeln bekommt und dazu auch die freundliche Einkaufsofferte „ ab in den Warenkorb!“

Letzte Änderung am Montag, 18 Dezember 2017 16:33
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