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Mittwoch, 13 September 2017 08:33

Ungeahnte Orgelklänge in schwarz-weiß

geschrieben von
Die Orgel in der Klosterkirche Nikolausberg Die Orgel in der Klosterkirche Nikolausberg

Filmkonzert bei den Nikolausberger Musiktagen mit Otto Maria Krämer

Die Orgel hat, wie kaum ein anderes Instrument, feste Aufgaben und Funktionen. Wer verbindet nicht den Besuch eines festlichen Gottesdienstes in einer Kirche mit dem strahlenden Klang der Kirchenorgel. Die Begleitung des „O du fröhliche“ an Heiligabend und die Wiedergabe Bachscher Orgelwerke vor andächtig lauschendem Publikum scheinen die beiden Kernaufgaben dieses beeindruckenden Instruments.

Dabei wird gern übersehen, dass die Orgel im Laufe ihrer Geschichte durchaus auch andere Funktionen übernahm. Eine fast vergessene ist die Begleitung von Stummfilmen. Von den USA ausgehend verbreiteten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Instrumente in die Kinos der Welt, die so gebaut waren, dass sie ein ganzes Orchester imitieren und ersetzen konnten. Auch Geräusche, wie Regen oder Wind wurden erzeugt, um so den Stummfilmen nicht nur eine musikalische Untermalung, sondern auch eine "Tonspur" zu geben. Nur eines dieser faszinierenden Instrumente ist in Deutschland an seinem originalen Standort im Kino erhalten. Die Orgel hat sich, nach einem kurzen Ausflug in die Unterhaltungsmusik, im weiteren 20. Jahrhundert wieder in die Kirchen zurückgezogen - nicht zuletzt durch die Entwicklung des Tonfilms.

Bei den Nikolausberger Musiktagen konnte man nun am Abend des 10. September den Stummfilm "Faust" von F. W. Murnau aus dem Jahr 1926 mit Orgelbegleitung erleben. Eine Kinoorgel in Nikolausberg? Nein, auch auf dem Berge steht lediglich die Ahlbrecht/Janke-Orgel auf der Empore der Klosterkirche. Mit Otto Maria Krämer war aber ein Organist eingeladen, der nicht nur die Kunst der Improvisation pflegt, sondern auch in diesem Fach als Spezialist für die Begleitung von Filmen gilt. Und so wurde die Musik zum Erlebnis, die den Bildern oft Stimmungen unterlegte, zuweilen auch ergänzte und ausdeutete. Krämer zeigte dabei seine ganze Spontanität, Virtuosität und auch eine gute Prise Humor. Vor allem beeindruckte aber seine Kreativität im Umgang mit der an sich für solche Aufgaben völlig ungeeignete Nikolausberger Orgel. Unter seinen Händen wurde sie zur Kinoorgel, die den Wind rauschen (durch halb gezogene Register), das bunte Treiben beim Volksfest tanzen, und das erfrierende Gretchen im Schnee zittern ließ.

Das Publikum war allerdings von Beginn an vor allem vom gezeigten Film gefordert: Aus nicht genannten Gründen wurde eine zusammengeschnittene Fassung gezeigt, die einzelne Fragmente kreuz und quer durch die Handlung aneinanderreihte - durchaus auch interessant und kunstvoll, aber doch weit von Murnaus Original entfernt. Durch diese schnellen Wechsel in meist gegensätzliche Szenen waren die Spannungsbögen in der Musik oft länger als die dazu passenden Szenen. Vielleicht hatte das seinen Sinn, ein Hinweis im Programmheft oder in der Begrüßung wäre aber ganz angebracht gewesen.

Auch wenn in Nikolausberg keine Kinoorgel, sondern nur eine verhältnismäßig kleine Kirchenorgel aus dem Jahr 1830 steht, zeigte Otto Maria Krämer dennoch, dass das Instrument Orgel grundsätzlich eine ungeahnte Vielseitigkeit mitbringt und nicht auf Bach und „O du fröhliche“ beschränkt werden sollte.

Letzte Änderung am Mittwoch, 13 September 2017 08:36

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