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Dienstag, 22 August 2017 23:35

Der totalitäre Staat in der Tiefgarage

geschrieben von
Felicitas Madl, Roman Majewski Felicitas Madl, Roman Majewski © Photo: Thomas M. Jauk

Premiere von Orwells „1984“ in der Regie von Antje Thoms im Deutschen Theater

1984! Liegt 33 Jahre zurück? Nein! Es war vorgestern! Denn am Samstagabend, dem 19. August 2017 präsentierte das Deutsche Theater in Göttingen seine Premiere des dystopischen Romans von George Orwell. Die Aufführung basiert auf der neuen Bühnenverfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan.
Der 1948 vollendete Roman ist eine Warnung vor der möglichen Entwicklung der Missstände in der damals noch weit entfernten Zukunft im Jahr 1984: Ein Überwachungsstaat ohne Recht auf Privatsphäre und selbstbestimmtes Leben.

Freiheit und Selbstbestimmung sind jedoch keineswegs Themen der Vergangenheit, keine statischen Gebilde, die einmal erbaut für immer bestehen bleiben. Sie müssen immer wieder neu gestärkt und gewertet werden, um gesellschaftlichen und politischen Wandlungen standhalten zu können.

Die Aufführung findet nicht wie gewohnt auf einer Bühne statt, sondern in der Garage, in der sich an diesem Abend anstelle von Autos der totalitäre Staat Ozeanien befindet.

Düstere Klänge empfangen die Zuschauer am Eingang. Jeder wird aufgefordert, die zuvor ausgeteilten Augenbinde und Ohrhörer aufzusetzen.

Ozeanien fühlt sich an wie der Verlust von Kontrolle und Orientierung.

„Du bist ein Gedankenverbrecher!“, flüstert eine Kinderstimme durch die Ohrhörer, während die blinden Zuschauer von ihren persönlichen Führern in einen der vielen kleinen Räume in der Garage geführt werden.

In jedem dieser Räume erlebt man hautnah eine andere Szene, während der große Bruder jeden einzelnen über den an der Wand hängenden Fernseher überwacht.

„Der große Bruder sieht dich!“, sagt die Kinderstimme immer wieder.

Im ersten Raum befindet sich ein panischer Winston Smith. Seine Funktion ist es, jegliche Beweise für Fakten zu vernichten, die der Partei schaden könnten.

Er handelt gegen seinen Willen, denn in Wirklichkeit ist er auf der Suche nach der Wahrheit, sie ist seiner Meinung nach der Schlüssel zur Freiheit. Aber was ist Wahrheit in einem Staat, der Gedanken kontrolliert? Je mehr er versucht, den eigenen, unabhängigen Kern des menschlichen Wesens zu finden, umso mehr begreift er jeden Teil von sich als das Produkt einer Gehirnwäsche.

Laut und mechanisch wiederholt die Stimme das Wort „Bildung“ in einem anderen Raum. Ein überzeugter Anhänger des Regimes erklärt Winston die Nutzlosigkeit eigener Begriffe für Gegensätze: „Ein Wort wie „gut“, braucht kein Wort wie „schlecht“, das Gegenteil ist bereits im Wort mit enthalten- „nicht gut““.
Er zieht den Schluss, dass wenn Menschen keine Begriffe für Gegensätze haben, sie dann nicht einmal gedanklich in der Lage sind, sich von den Idealen der Partei zu entfernen.

Als Winston sich in Julia verliebte, die nur nach außen hin so tat, als würde sie die Werte der Partei teilen, glaubte er für einen Moment, dass wenn schon nicht Gedanken, dann doch seine Gefühle ihm allein gehören.

Das letzte Stück seiner Selbst stürzt jedoch wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als er unter Folter Julia an den Staat verrät. Er entdeckt auf einmal die Liebe zum großen Bruder und erkennt, dass man über sich selbst hinauswachsen kann, wenn man das letzte Stück davon zerstört.

Die Idee der Regie (Antje Thoms), die Garage als Ort der Inszenierung zu wählen, ist der düsteren Atmosphäre des Romans durchaus angemessen. Auch, dass die Zuschauer durch die Augenbinde nicht wissen, wie sie in den ersten Raum gekommen sind sowie die restliche Zeit auf ihren Führer angewiesen sind, ist eine interessante Anspielung auf die in Orwells Roman vertretene These, dass man ohne das Wissen um seine Vergangenheit, die Zukunft nicht steuern kann.

Dass der Roman ein Produkt des Grauens der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist, suggeriert das Design der einzelnen Räume von Florian Barth (Bühne und Kostüme), das eher an 1948 erinnert als an 1984.
Durch die Nähe, die die kleinen Räume zwischen Publikum und Schauspielern schaffen, wirkt ihre Darbietung äußerst real, da Feinheiten der Mimik und Gestik zu sehen sind, die im großen Publikumssaal an Intensität verlieren würden.

Besonders gefühlsgeleitet waren die Hauptcharaktere Winston (Roman Majewski) und Julia (Felicitas Madl).

Winston fuhr die Achterbahn von Hoffnung und Verzweiflung, während Julia verliebt lächelnd naive Zuversicht ausstrahlte.

Den Gegenpol bildete O`Brien (Paul Wenning), der durch sein gefasstes Auftreten manipulativ und unberechenbar erschien. Ebenfalls gelungen war die Rolle von Mr. Charrington (Lutz Gebhardt), der den gütigen Antiquitätenladenbesitzer bis zum Verrat von Winston und Julia überzeugend verkaufte.
Mrs. Parsons (Gaby Dey) verstärkte mit unpassendem Optimismus die angstgetränkte Stimmung Ozeaniens. Die Erscheinung von O´Briens Sekräter (Dario Goedecke) deutete auf das baldige Eintreten der Hiobsbotschaften, die Martina (Dorothee Neff) mit ihrem musikalischen Empfang am Eingang schon verkündet hatte.

Letzte Änderung am Dienstag, 22 August 2017 23:42

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