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Freitag, 17 März 2017 15:59

Ein anarchisches Panoptikum mit Hintersinn

geschrieben von
Roman Majewski, Andreas Jeßing, Moritz Schulze, Andrea Strube, Katharina Uhland Roman Majewski, Andreas Jeßing, Moritz Schulze, Andrea Strube, Katharina Uhland © Photo: Foto Thomas Müller
„Shockheaded Peter“ am Deutschen Theater

Nöö. Aus diesem Zausel wird nie ein Designertyp mit pomadigem Kopf, wer auch immer ihn mit Schere und Empörung traktiert. Da hat es das Elternpaar schon schwer, so schön barock herausgeputzt, weil es in der Heiligen Familie einfach nicht manierlich und noch weniger kuschelig zugeht. Alles nur wegen diesem Struwwelpeter, der in der Musicalfassung der Tiger Lillies als „Shockheaded Peter“ noch ein bisschen brachialer daher kommt. Shockheaded eben und deshalb gern mal mit dem Kopf durch die Wand, so wie Paulinchen und Robert, der Suppenkasper und die bösen Jungs, die nicht pflegeleicht sein mögen und dafür in den Geschichten des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann ziemlich übel traktiert werden.

Heute lässt der Kinderbuchklassiker von anno 1844 auch an ein splatter movie denken, schön bösartig illustriert mit abgeschnittenen Daumen, brennenden Körpern und blutigen Bissen. Aber so leicht wollte es sich Regisseur Niklas Ritter mit seiner Inszenierung am Deutschen Theater natürlich nicht machen. Grell, frech und finster muten die Geschichten immer noch an. Doch mit seinem Schauspiel-Team und den vier Musikern, die als kreatives Quartett von „Musikantenknochen“ auf der Bühne im Einsatz sind, verwandelt er die „Jung-Oper in ein wunderbar anarchisches Panoptikum mit Hintersinn. „Shockheaded Peter“ wird zum spielerischen Abenteuer, wo die Lust, sich mit viel Fantasie in den Figuren und ihren Motiven auszutoben, immer wieder mit ironischen Kontern belebt wird.

Es ist eben nicht nur ein hinreißendes Spektakel, das Roman Majewski, Moritz Schule und Katharina Uhland da an der Suppenkaspertafel zelebrieren, wo das Blechgeschirr mächtig scheppert, während die Drei vergnüglich durch die Gegend spucken und prusten. So spucken sie eben auch all den langweilig gepflegten Tischrunden in die Suppe, bei denen man durchaus auch mal das Hebelgesetz und seine Wirkung an einer Suppenkelle testen könnte, damit endlich etwas überraschend Belebendes passiert. Etwas, das dem beunruhigten Erzieherpaar bestimmt ganz gut bekäme.

Andrea Strube und Andreas Jessing kommen später noch ausgiebig zum Zuge, wenn der Cognac nicht mehr tröstet und die mütterliche Pose endlich abserviert ist. Wie anders lebt es sich mit Zauselperücke und endlich lustvoll ohne diese ganzen Tabubefindlichkeiten. Über die Stränge schlagen, Grenzen ausloten und unterwandern ist an diesem Abend eben nicht nur Hoffmanns Kids vorbehalten sondern allen Figuren, die sich nach mehr Freiheit sehnen und der Ordnung mit ein bisschen Chaos auf die Sprünge helfen, so lange in ihnen noch ein kleiner Struwwelpeter lauert.

Doch jetzt ist erst mal Drummer Manfred Ende an der Reihe, der dem Blechgelage tolle Sounds für das zappelnde Paulinchen entlockt, bis die Tischdecke zum Leichentuch wird. Nichts Gutes lässt auch der rosa Panzer ahnen, der da so sanft von der Decke schwebt, wenn ein jugendliches Trio seine Kraftproben genießt und auf den Schwächeren eindrischt. Auch da funkeln die Augen an der Bar mit dem riesigen Totenkopf in höllisch leuchtendem Rot auf den sich die vier „Musikantenknochen“ mit Michael Frei, Hans Kaul, Tilmann Ritter und Manfred von der Emde wieder ihren wunderbar subversiven musikalischen Reim machen.

Bühnenbildner Alexander Wolf lässt immer wieder kleine Kabinetträume mit schön scheußlichem Wohnzimmerdekor auf die Bühne rollen. In denen herrschen klaustrophobische Verhältnisse, egal wie schön die Heimgitarre gerade jault oder die Abendgala zurecht gezupft wird. Kein Wunder also, dass es Hoffmanns Figuren dort auch in depressive Löcher stürzt, anstatt dem Beispiel des fliegenden Robert zu folgen, der sich dann doch lieber in die Wolken verflüchtigt und so wunderbar melancholisch wegschwärmt wie Moritz Schulze mit dieser träumerischen Ballade. 

Es gibt viel zu sehen und zu lesen mit den Bildern und vor allem zwischen den Zeilen, wo die scheinbar geordneten Verhältnisse außer Kontrolle geraten, wenn sich das Zusammenleben an Regeln und Konventionen erschöpft und nur noch langweilt. Da genießen Hoffmanns Störenfriede und Unruhestifter die vielen fantastischen Möglichkeiten, die das Schauspielteam auf der Bühne für sie erfindet, gemeinsam die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen und dabei immer wieder böse Bruchlandungen zu riskieren. Dann ist es auch egal, ob ihnen Zwangsstörungen, Magersucht, Aggressionen oder Depressionen attestiert werden, die sie aus der erziehbaren Rolle fallen lassen. 

Auf diese diagnostische Falle, die in den Struwwelpeter Episoden latent lauert, lässt sich Regisseur Niklas Ritter gar nicht erst ein und schmuggelt stattdessen auch noch ein paar schön provokant aufmunternde Texte in das Libretto. Über die Tugendwächter von Kunst und Kreativität, die sich auch nicht gern in ihre konventionelle Suppe spucken lassen und dann auch über die Generationenverträglichkeit, die reichlich heftige Seitenhiebe aus dem pubertären Lager bekommt.

Schon die Surrealisten plädieren ja bereits dafür, dass in der Fantasie alles erlaubt sei und dass man dafür leider auch gelegentlich auch auf die realistische Bodenhaftung verzichten müsse. So wie dieser Shockheaded Peter, der zum Finale sogar auf die Vertreter von Himmel und Hölle trifft, die sich an der Totenkopfbar um den umtriebigen Poltergeist kabbeln. Als Egoshooter kommt er dann leider nicht mehr so gut weg. Aber Engel und Teufel hinterlässt er gerne noch diese aufmunternde Botschaft, die mit ihrem Listigen Augenzwinkern natürlich auch das Publikum meint: Wer fliegen will, muss böse sein. 

„Shockheaded Peter“: Weitere Vorstellungen am 17.3., 26.3.,  31.3., 19.4., 24.4., 27 4., 12.5. und 10.6.

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