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Samstag, 20 Februar 2016 08:05

Tief beeindruckend - Natalie Kundirenko, Kristiina Poska und das GSO

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Perfekt aufeinander abgestimmt: Natalie Kundirenko und Kristiina Poska Perfekt aufeinander abgestimmt: Natalie Kundirenko und Kristiina Poska © Photo: Wortmann

Konzert mit Musik von Chatschaturjan und Schostakowitsch in der Stadthalle

„Tauwetter“ lautete die Überschrift des 4. Konzertes des Philharmonischen Zyklus I beim Göttinger Symphonie Orchester. Wenn das GSO eine estnische Dirigentin und eine ukrainische Solistin einlädt, um das Violinkonzert eines georgischen-armenischen Komponisten und anschließend eine Sinfonie eines russischen Komponisten aufzuführen, dann ist diese Überschrift eigentlich nur politisch zu deuten.

An dem Abend in der gut besuchten Stadthalle in Göttingen gab es jedenfalls nichts zu tauen. Natalie Kundirenko begann in dem Violinkonzert von Aram Chatschaturjan sofort furios, die estnische Gastdirigentin Kristiina Poska hatte von Beginn an eine enge Bindung von der Solistin zum Orchester. Und das Göttinger Symphonie Orchester war bestens aufgelegt. Alles zusammen waren das gute Voraussetzungen für einen begeisternden Abend.

Mag die Weltanschauung Chatschaturjans ambivalent sein (er hatte sich gut mit dem Sowjetsystem arrangiert), in seinem Violinkonzert findet sich ein schier unersättliches Themenmaterial mit zahlreichen Anklängen an seine armenischen Wurzeln. Melancholische Gesänge, die zum Beispiel die Oboe im zweiten Satz einbringt (wunderbar: Matthias Weiss) wechseln sich mit stürmischen Ausbrüchen im Orchester ab. Kristiina Poska verstand es, diese wechselnde Dynamik immer wieder bis auf das äußerste auszureizen. Vor allem aber ließ sie der Solistin absoluten Freiraum und führte den großen Orchesterapparat flexibel und einfühlsam durch die komplexe Partitur voller verzwickter Rhythmen.

Nathalie Kundirenko ist als Konzertmeisterin natürlich bestens mit ihren Orchesterkollegen vertraut. Aber die von Poska eingeräumten Freiräume nutzte Kundirenko aus und gestaltete ihren Violinpart mit großem Ausdruck und starken Emotionen. Vor allem der virtuose dritte Satz ließ dem Publikum den Atem stocken. Nach dem furiosen Finale entlud sich diese Anspannung im Publikum durch lautstarken Applaus und vielen Bravi. Die galten natürlich auch der Dirigentin und dem Orchester, aber vor allem der Solistin. Diese bedankte sich mit eine Paganini-Suite als Zugabe.

In der Pause gab es nur ein Gesprächsthema. Und immer wieder war zu hören, wie stolz wir in Göttingen sind, dass wir ein solches Orchester in der Stadt haben – und eine solche Konzertmeisterin. Diesem Lob und Stolz kann sich der Rezensent nur anschließen.

Das Orchester hatte nach der Pause noch reichlich zu tun. Die 10. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch stand auf dem Programm. Der Komponist hatte sich mit dem Regime im Gegensatz zu Chatschaturjan durchaus schwer getan. Die 10. Sinfonie entstand zwar nach Stalins Tod, die ästhetische Doktrin blieb aber noch unverändert. Das politische „Tauwetter“ hatte noch nicht eingesetzt. Und so musste Schostakowitsch sich zahlreiche Vorwürfe anhören (was für ihn nicht ungefährlich war). In dieser Sinfonie stehen zunächst Leid und Klage im Mittelpunkt, hervorragend dargestellt von den Celli und Bässen. Die innere Unruhe der Musik nimmt dann immer mehr zu. Ein Prozess, den die Gastdirigentin, die Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin ist, vortrefflich begleitet und so die heftigen Ausbrüche im Orchester vorbereitet.

In den weiteren Sätzen können sich zahlreiche Instrumentalisten solistisch betätigen. Besonderes Lob verdienten sich John Feider (Horn), Manfred Hadaschik (Klarinette), Ömür Kazil (Fagott) und die Flötengruppe. Aber auch das Schlagwerk hatte nicht nur reichlich zu tun, sondern trug zum Erfolg des Abends bei.

Dieser Konzertabend hat den Musikerinnen und Musikern alles abverlangt. Zwei Stunden Spieldauer sind an sich schon eine Herausforderung. Anstrengungen irgendeiner Art waren aber nicht zu bemerken. Dirigentin und Orchester wurden von Anfang bis zum Ende komplett in den Bann gezogen.

Alle gemeinsam erlebten einen denkwürdigen Abend. Tief beeindruckt verließen die Zuhörer die Stadthalle in die kalte Nacht. Hier hat das Tauwetter noch nicht eingesetzt.

Letzte Änderung am Montag, 25 April 2016 07:36

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