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Sonntag, 28 Juni 2015 14:36

Wie zerbrechlich ist der Mensch

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Tina Fibiger hielt die Laudatio auf Bardo Böhlefeld Tina Fibiger hielt die Laudatio auf Bardo Böhlefeld © Photo: Wortmann

Laudatio für Bardo Böhlefeld zum DT Nachwuchsförderpreis 2015

Wie zerbrechlich ist der Mensch. Und doch so sehr darum bemüht, eine stabile Fassade zu behaupten. Der schöne Schein, in dem er sich so gerne sonnt, soll ja meist auch der starke Schein sein. Und dafür ackert er sich ab, nicht für den dünnhäutig blassen, der dann mit irgendeinen Schattenplatz vorlieb nehmen muss. Trotzdem protestieren in beiden Fällen die inneren Stimmen, weil sie mit Hüllen, Fassaden und Tarnmänteln nicht nur die Verletzlichkeiten abgeschirmt sehen sondern auch ein paar unangenehme Wahrheiten. Dann kommt es umso mehr darauf an, dass der Schein überzeugend trügt.

Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt. Georg Büchner sollte sich an dieser Frage restlos erschöpfen. Im Theater wird sie ständig gestellt, in dramatischen Nahaufnahmen, die keine befriedenden Antworten liefern können. Das menschliche Drama geht weiter, auch in seinen komödiantischen Ausbrechern. Die Theatermacher sind den Vorgängen, Entwicklungen und Irrungen auf der Spur, die wir uns und anderen zumuten. Aber auch ihre Befunde muten uns etwas zu. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass aus dem homo sapiens nie ein homo symphaticus wird und wir ihn trotzdem nicht abschreiben dürfen - egal wie deformiert und zerstörerisch er uns immer wieder hinter seiner Fassade auflauert. Es geht immer noch um uns und die Vision von Humanitas: Den anderen in seinem anders sein zu verstehen. Das Unbehagen dabei ebenso zuzulassen wie das Befremdende; nicht nur auf der Bühne sondern auch später dann, mit all den Theaterbildern, die sich in den Alltag einmischen wollen und müssen.

Viele Bilder sind noch ganz frisch. Die von den beiden Brandtstiftern etwa. Wie Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid ihren hinterlistigen Charme versprühen und zunächst den Smalltalk im Hause Biedermann veredeln, bis ihr Sprengsatz zündet. Man möchte ihren kultivierten Posen auf dem Leim gehen, auch diesem sardonischen Lächeln, das nichts Gutes verheißt und trotzdem mehr und mehr fasziniert.

Doch selbst wenn das Lächeln einfach nur freundlich liebenswert und sympathisch anmutet wie bei Moritz Schulze als Pizzamann, der Schein trügt wie so oft. Und das nicht nur in seiner glänzenden oder blässlichen Hülle sondern auch darunter. Da wo Felicitas Madl  ihre Julie alles ertragen lässt, was ihr der Liliom zumutet. Von wegen weibliche Opferrolle. Nicht bei all der Liebe, die sie für diesen wütenden Vulkan für immer bewahren wird. Was wird da alles mit Worten getrickst und getürkt, zum Beispiel in Shakespeares Sommernachtsalptraum, wenn dieser Puk von Benedikt Kauff den schelmischen Schein mit der Lust an der Hinterlist verfeinert. Hinter dem Schelm lauert halt auch der Fiesling, der das Chaos genießt, das er anrichtet.

„Es gibt heut Nacht ein Maskenfest, lässt Shakespeare in seiner Komödie „Viel Lärm um Nichts“ verkünden. „Ich will verkleidet Deine Rolle spielen“. Das gelingt den fünf Kandidaten, die in diesem Jahr für den Förderpreis des DT Fördervereins nominiert wurden, ganz wunderbar.
Jedem auf seine Weise, mit seinem Verständnis einer Figur und wie er sie mit uns und unseren Tarnregionen ins Gespräch bringen will. Gerade wenn man bei Shakespeare noch ein bisschen tiefer in der Bedeutung gräbt. Ich verwandle mich in Dich, und spiele Dir Deine Rolle vor, auch wie Du Dich verkleidest und was Du dahinter noch alles verbirgst. An unbequemen Wahrheiten und Gemeinheiten, an zerstörerischer Potenz und auch an Liebenswertem.

Da genau das so schwer zu entschlüsseln ist und oft auch schwer begreiflich zu machen, hat die Jury in diesem Jahr für einen Nachwuchspreisträger gestimmt, der uns Zuschauer dabei immer wieder in die Irre führt. In ein Labyrinth von Möglichkeiten und Lesarten… dahin, wo das Verstehen und Begreifen anfängt.

Die Förderpreisjury wollte es diesmal spannend machen mit der Entscheidung, wer denn nun den Förderpreis bekommt. Auch weil das heute nicht nur ein Fest für die jungen Ensemblemitglieder ist sondern für das gesamte Team: Eben mit einem schönen Überraschungseffekt wie bei der Oscar Verleihung „The winner is“…

Es soll noch ein bisschen spannend bleiben. Lassen Sie jetzt in dieses Labyrinth von Möglichkeiten und Lesarten locken, die unser Preisträger so offen und aufgeschlossen erkundet hat. Mit unbändiger Neugier auf all das, was ihm alltägliche Begegnungen und Gespräche signalisieren, ebenso wie ihn Filme, Theaterstücke oder die Motive einer Ausstellung anstiften. Er sammelt diese Bilder und wird dabei auch zum Bilderdieb für seine Figuren. Damit ernährt er sie… mit dem, was anderswo an Fragen, Behauptungen, Lesarten und auch  an Missverständnissen und Irritationen  bereits über sie kursiert. In ihnen herrscht ein permanenter Unruhestand weil wir uns sonst eine feste Meinung über sie bilden würden. Genau das gilt es zu verhindern.

Es geht schon damit los, dass auch seine sympathischen Figuren keine weiße Weste haben und nicht nur diese scheinbar finsteren Zeitgenossen, wenn er ihre Tarnung immer wieder für Momente auffliegen lässt. Er spielt mit den Täuschungen, an denen sich Ansichten und Meinungen sich zunächst auch ganz bequem festmachen lassen und hat dabei auch schon die ersten Stolperfallen im Sinn, die den Blickwinkel auf eine Figur verändern: Die Widersprüche, die so gar nicht zu seiner Figur zu passen scheinen, auch die Sympathiepunkte, die sie jetzt wirklich nicht verdient hat. Und selbst in der unmittelbaren Nahaufnahme, wenn das Bild endlich eindeutig erklärbar oder analysierbar erscheint, lässt er es wieder verwackeln.

Gerade eben war er noch der kollegiale Angestellte, der pragmatisch und verständnisvoll zu argumentieren schien. Aber nur so lange bis die Dollarzeichen wieder leuchten und bis dann in charmantes Lächeln diese Momente von Aufsteigergier mit Lustgewinn, wie sie bald auch über Leichen gehen, ganz einfach überblendet. Sie verschwinden natürlich nicht sondern rumoren weiter, als Störsignale in der Chronologie der dramatischen Ereignisse in der Szenenfolge Spam.

Dem ungebetenen Gast, der schon seine Demutsgesten so formvollendet choreografiert, findet natürlich Einlass im trauten heimischen Schutzbunker, selbst da wo sich die alarmierenden Nachrichten über potentielle Terroristen häufen. Auch weil scheinbar nichts Bedrohliches von ihm ausgeht Eigentlich ist er ja auch ganz nett und dann auch so verständnisvoll. Und wir genießen dieses wunderbare Verstellungsspiel und lauern auf die nächste trickreiche Wendung, wie teilnehmende Beobachter, die einem Verstellungsspiel auf den Leim gehen.  
Dagegen ist der Nachbar von Fräulein Pollinger natürlich ein Simpel, gut bei Kräften aber mit Sicherheit kein Charmebolzen. Trotzdem fällt es schwer, ihn jetzt als erpresserischen Kraftlackel des Feldes zu verweisen. Auch er hat eine armselige Geschichte, die seine Fäuste umklammert halten. Und auch danach hat ihn der Schauspieler gefragt und warum es so schwer ist, einfach loszulassen anstatt mit Worten auf den schwächeren Gegenüber einzudreschen.

Manchen seiner Figuren geht es wie Rilkes Gefangenem von dem der Dichter schreibt. „Denk Dir, was jetzt Himmel ist und Wind, Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, das würde Stein bis um die kleine Stelle, an der dein Herz und deine Hände sind. Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter und stopfte boshaft in das letzte Loch ein schmutziges Auge. Und du lebest doch.“

Stellen wir uns nun unseren Preisträger als Gefangenenbefreier vor. Wie er auf der Bühne auf die wackeligen Herztöne lauscht, seine Figur dabei an die Hand nimmt und ihr in das schmutzige Auge blickt:

Los, wir zeigen es denen da draußen. Alles was du dir wünschst und alles, was dich im Wünschen und Wollen so sehr antreibt dass du zum Lügner werden könntest, zum Dieb oder gar zum Mörder. Es muss nicht so sein, aber es könnte passieren. Zeigen wir Ihnen, warum du so geworden bist wie du bist und dass wir ständig nach dem Warum fragen müssen, auch wenn wir die Antwort einfach nicht zu fassen kriegen.

Unter den Vorsprechrollen, mit denen unser Preisträger das Leitungsteam des Deutschen Theaters überzeugte, war übrigens auch Shakespeares Romeo. Auch wenn er sich lieber in intrigante Figuren vergräbt und in Lessings Emilia Galotti Ursachenforschung mit dem
Bürokratenfiesling Marinelli betreibt oder dann einen Brandstifter mit seinen Fragen über den nächsten diabolischen Spielzug löchert.

Schon in seiner Ausbildung ist er das Romeo Passepartout nie so ganz losgeworden. Die Bemerkung eines Dozenten, Du bist doch ein hübscher junger Mann kontert er mit der Vermutung, dass er in der Realität vermutlich fast schon zu höflich oder zu nett sei und dass dann alle denken, ja der Romeo passt.

Dann wäre da auch noch dieses sympathische Lächeln eines aufmerksam zugeneigten Zuhörers, der Freude daran hat, sich in die Gedanken anderer zu vertiefen. Auch nicht gerade unpassend für das romantische Bild von Shakespeares schmachtendem Helden. Mit seiner Befragung eines eigersüchtigen Jago schubste er das Klischee des idealen jugendlichen Liebhabers von der Bühne. Erich Sidler und sein Dramaturgenteam hatten ihn da bereits in einer Szene von Lars Noren erlebt. Den Auftritt eines explosiven Zuhälters, der auf der Bühne in Rage gerät und dabei wild und laut gestikuliert. Dann wollten sie noch mehr von ihm sehen, ob er es auch mit einer Frauenfigur in einem Stück von Herbert Achternbusch aufnimmt.

Das Deutsche Theater war eine der letzten Stationen auf dem Vorsprechmarathon unseres Preisträgers. Was ein Glück, das schon Erich Sidler und sein Thema mehr von ihm sehen wollten, wie dann auch wir als Zuschauer und mit ihnen die Jury, die sein erstes Göttinger Theaterjahr miterlebt hat.

Sie möchte heute Bardo Böhlefeld mit dem Förderpreis auszeichnen.

Von Bardo Böhlefeld erfahren wir, wie das ist, sich auch auf den fremden, widerspenstig Anderen einzulassen, alles daran zu setzen, ihn auch ohne Worte zum Reden zu bringen und ihm auch dann zuzuhören, wenn er lügt, mordet und stiehlt und anderer Leute Häuser anzündet. Jeder Rolle lässt ihn offener werden, sagt er und damit auch seine Weltsicht, sein Verständnis für Menschen und wie sie warum ticken.

Es gibt kein wenn oder aber, wenn man wie er mit offenen Antennen arbeitet und sich ständig in diese Bilderfluten stürzt, darauf auch bei der Entwicklung einer Figur vertraut. Ständig wird nachgebohrt und fein justiert und  dann auch wieder losgelassen und erneut zurückgespult an den Anfang. Wieder passiert etwas mit einem dieser unmissverständlich widersprüchlich aufgeladenen Typen, wie Bardo Böhlefeld sie nennt, die sich nicht auseinanderfalten lassen. Da wird es für ihn spannend. Und da geht es ihm wie anderen Schauspielern auch, die sich natürlich lieber in die seelischen Abgründe von Monstergestalten stürzen und wie sie mit großer Lust zerstörerisch wüten als jetzt in die tragisch verlaufenden Eskapaden eines Romeo.

Aber er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter - in dem Wunsch, auch solche Menschen zu verstehen.

Was wäre denn, wenn Shakespeares Jago jetzt nicht nur von Eifersucht auf Othello zerfressen würde, weil der seiner militärischen Karriere im Weg steht. Um zu sehen, wie einer der ins Grübeln kommt über diesen Erfolgszwang und das Arsenal an taktischen Manövern, die ihn zunehmend erschöpfen und alten lassen. Der leidenschaftliche Intrigant könnte uns ebenso anstrahlen, so lange bis wir seine Freude teilen, die ihn in seinen verräterischen Schachzügen beflügelt, um dann zu erleben, dass dieser Mann das Leben jetzt wirklich genießt…um den Preis, dass er das eines Anderen vernichtet. Richard III, auch so eine Rolle, die Bardo Böhlefeld  wie er sagt, anfixt, ist ein fast schon psychopathologischer Fall.  Vermutlich würde er die Zuschauer dafür in ein Kellergewölbe locken, wo sich die Leichen stapeln und stinken ohne dass sich jemand über die morbiden Ausdünstungen beschwert. Damit sie ins Staunen geraten und mitten hinein in ein Vexierbild, das sich ständig dreht,  während ein blutiges Gemetzel lustvoll zelebriert wird.

Gestern Abend betrat ein junger Mann das „Fremde Haus“ von Dea Loher. Zunächst noch ganz unbefangen und voller naiver Hoffnungen kreuzt er bei seinen Verwandten auf. Die Heimat Mazedonien, war ihm zu unsicher geworden, um dort eine Zukunft zu träumen und zu leben.

Warum also nicht anderswo. Die Menschen in diesem fremden Haus verweigern sich dem Träumer Sie sind schon so beschädigt und erschöpft. Auch von dem was sie einander an Lügen, an Verrat zugemutet haben, um irgendwie zu Überleben. Schon bald verhärten sich
nicht nur die Gesichtszüge des Schauspielers  sondern auch die Worte. Es ist ein schleichender Anpassungsvorgang, den Bardo Böhlefeld uns hier so berührend erleben lässt. Wie sie einen jungen Träumer deformiert, der sich den Gesetzen des materiellen Überlebens anpasst und dabei mit den Schwächen und Stärken anderer spekulieren lernt. Trotzdem verweigert ihm Bardo Bardo Böhlefeld das fertige Bild eines nunmehr abgebrühten Zeitgenossen. Er lässt uns lieber hoffen, dass ein Rest von Träumerseele in ihm weiter lebt und beflügelt. Auch mit einem schmutzigen Auge.

Allerherzlichste Glückwünsche zum Förderpreis.

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