Zwischenbilanz von Erich Sidler und Sandra Hinz
Es gibt diese Termine, bei denen man relativ schnell merkt, dass es um mehr geht als um eine nüchterne Bilanz. Die Pressekonferenz im Deutschen Theater Göttingen gehört dazu. Was Intendant Erich Sidler und Verwaltungsdirektorin Sandra Hinz hier vorstellen, lässt sich zunächst problemlos als Erfolgsgeschichte lesen – und gerade deshalb irritiert der zweite Teil umso mehr.
Denn die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Mit 663 Veranstaltungen in der vergangenen Spielzeit, einer Auslastung von über 83 Prozent und mehr als 91.000 Besucherinnen und Besuchern liegt das Haus deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. Besonders das Familienstück mit einer Auslastung von 92 Prozent zeigt, wie stark das Theater inzwischen im Alltag vieler Menschen verankert ist. Produktionen werden über mehrere Spielzeiten hinweg gespielt und finden weiterhin ihr Publikum, die Abozahlen entwickeln sich nach der Pandemie wieder nach oben.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das Publikum ist da.
Und es kommt, weil dieses Theater sichtbar arbeitet. Weil es präsent ist, weil es sich in die Stadt hineinbewegt und nicht darauf wartet, entdeckt zu werden. Sidler beschreibt das einmal ganz beiläufig als Anspruch, „Gesprächsstoff in den Tee- und Kaffeeküchen dieser Stadt“ zu sein – ein Satz, der hängen bleibt, weil er den Kern ziemlich genau trifft. Theater als Teil des Alltags, nicht als gelegentliches Ereignis.
Gerade deshalb entsteht im weiteren Verlauf dieser Pressekonferenz ein Moment, der sich schwer auflösen lässt.
Denn parallel zu dieser künstlerischen Stabilität verschiebt sich die finanzielle Grundlage zunehmend. Die Zuschüsse von Stadt, Landkreis und Land bleiben im Kern konstant, während die Kosten steigen, und zwar vor allem dort, wo sie sich nicht wegdiskutieren lassen: bei den Personalkosten. Rund 80 Prozent des Etats entfallen auf diesen Bereich, jede tarifliche Erhöhung wirkt sich unmittelbar aus. Diese Tarifsteigerungen sind politisch gewollt – und im Koalitionsvertrag der niedersächsischen Landesregierung ist ausdrücklich festgehalten, dass sie für die Theater anerkannt und anteilig mitgetragen werden sollen.
Auf dem Papier ist das eine klare Zusage. In der Praxis entsteht dennoch eine Lücke.
Diese Lücke wird derzeit durch Rücklagen geschlossen, die zum Teil aus den Corona-Jahren stammen und ursprünglich dazu gedacht waren, Unsicherheiten abzufedern und Handlungsspielräume zu sichern. Dass sie nun eingesetzt werden, um ein strukturelles Defizit auszugleichen, ist nachvollziehbar – aber eben keine dauerhafte Lösung. Spätestens 2027 wird dieses Polster aufgebraucht sein.
Was danach folgt, lässt sich bereits jetzt erahnen. Sidler formuliert es an einer Stelle sehr nüchtern: „Wir nähen extrem auf Kante.“ Es ist einer dieser Sätze, die keine große Geste brauchen, weil sie die Situation präzise beschreiben.
Denn ohne Rücklagen verändert sich die Logik des Betriebs. Risiko wird zur Gefahr, nicht mehr zur Voraussetzung für künstlerische Entwicklung. Entscheidungen müssen enger kalkuliert werden, Spielräume werden kleiner. Das betrifft nicht nur einzelne Produktionen, sondern die Grundhaltung, mit der ein Spielplan entsteht. Wenn man sich kein Scheitern mehr leisten kann, wird man vorsichtiger – und Vorsicht ist im Theater selten ein guter Motor.
Sidler spricht in diesem Zusammenhang von einer möglichen „Verarmung“ des Spielplans. Das klingt drastisch, wirkt in diesem Kontext aber eher wie eine sachliche Beschreibung als wie eine Zuspitzung.
Hinzu kommt ein Aspekt, der in solchen Zusammenhängen selten offen angesprochen wird, hier aber deutlich zur Sprache kommt: die persönliche Haftung der Geschäftsführung. In der Struktur einer GmbH kann ein finanzielles Defizit für die Verantwortlichen konkrete Konsequenzen haben. Auch das verändert Entscheidungen – nicht laut, nicht sichtbar, aber nachhaltig.
Was sich hier abzeichnet, ist kein plötzlicher Bruch, sondern eine Entwicklung, die sich langsam zuspitzt.
Dabei ist das Deutsche Theater kein Einzelfall. Auch andere Bühnen in Niedersachsen verweisen auf eine wachsende Diskrepanz zwischen politischen Zusagen und tatsächlicher Finanzierung. Gleichzeitig betont die Landespolitik ihre Unterstützung für die Kultur und verweist auf zusätzliche Mittel. Beides lässt sich nebeneinander stellen – und genau darin liegt das Problem. Denn es entsteht ein Zustand, in dem die Verantwortung formal anerkannt wird, praktisch aber nur teilweise getragen wird.
Ein Blick in andere Bundesländer macht deutlich, dass es auch andere Wege gibt, mit dieser Situation umzugehen. In Brandenburg sichern mehrjährige Vereinbarungen den Theatern eine verlässlichere Planung, in Mecklenburg-Vorpommern werden Kostensteigerungen verbindlich zwischen Land und Kommunen aufgeteilt, in Sachsen beteiligt sich das Land gezielt an zusätzlichen Finanzierungsbedarfen. Die Herausforderungen sind vergleichbar, der Umgang damit fällt unterschiedlich aus.
An dieser Stelle wird die Diskussion grundsätzlicher, als sie auf den ersten Blick wirkt. Denn die Frage ist nicht allein, wie ein Theater finanziert wird, sondern welche Rolle ihm zugeschrieben wird.
Warum muss sich Kultur immer wieder rechtfertigen, selbst dann, wenn sie offenkundig funktioniert?
Das Deutsche Theater Göttingen liefert den Nachweis seiner Relevanz jeden Abend. Die Zahlen belegen das, das Publikum bestätigt es. Und dennoch entsteht der Eindruck, dass genau diese Leistung nicht ausreicht, um die eigene Grundlage dauerhaft zu sichern. Das wirkt, mit Verlaub, wie ein schiefer Maßstab.
Denn Theater ist mehr als ein Betrieb, der möglichst effizient laufen soll. Es ist ein Ort, an dem gesellschaftliche Fragen verhandelt werden, an dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden, an dem Öffentlichkeit überhaupt erst entsteht. Wenn dieser Ort enger wird, bleibt das nicht ohne Folgen – auch wenn sich diese nicht sofort in Zahlen ausdrücken lassen.
Sidler spricht in diesem Zusammenhang von der „Freiheit der Kunst“ und davon, dass das Theater souverän arbeiten können müsse. Das sind große Begriffe, die man leicht überhört. In diesem Kontext bekommen sie eine sehr konkrete Bedeutung.
Was von dieser Pressekonferenz bleibt, ist deshalb ein doppelter Eindruck. Die Gewissheit, dass dieses Theater trägt – und die wachsende Skepsis, ob die politischen Rahmenbedingungen diesem Umstand gerecht werden.
Oder persönlicher gesagt: Es ist schwer nachzuvollziehen, warum ein Haus, das seine Relevanz so klar belegt, gleichzeitig gezwungen ist, seine eigenen Möglichkeiten immer weiter einzuschränken.
Das Publikum hat seine Entscheidung längst getroffen, die Politik ist noch dabei.