Der beste deutschsprachige Roman des Jahres wurde gekürt und die erste öffentliche Lesung des Preisträgers oder der Preisträgerin des Deutschen Buchpreises fand zum 11. Mal in Folge beim Göttinger Literaturherbst statt. Mit dem Deutschen Buchpreis 2024 wurde Martina Hefter für ihren Roman »Hey guten Morgen, wie geht es dir?« ausgezeichnet und am Samstagabend wurde sie dann mit langanhaltendem Beifall in der Sheddachhalle zu ihrem Gespräch mit dem NDR-Redakteur Joachim Dicks begrüßt.
In Anspielung auf den Romantitel leitet Dicks das Gespräch mit der Frage „Hey guten Abend, wie geht es Ihnen?“ ein, um Hefter daraufhin zu fragen, wie es ihr nach der Bekanntgabe der Auszeichnung ergangen ist. „Wie ein schöner Traum“ fühlte es sich für Martina Hefter an und obwohl sie betont, dass nun viel Arbeit auf sie zukommt, ist die Freude über die Anerkennung für ihren Roman vordergründig. Denn erst durch die Gespräche mit den Lesern, die die Geschichte ergänzen und immer wieder neue Aspekte aufbringen, würde ihr Roman vollständig werden.
Sehnsucht, Krankheit, Paarbeziehungen und Love-Scamming – die Themen des Romans beruhen alle auf realen Begebenheiten und verfließen in der Geschichte mit Erfundenem. Dicks verweist dabei auf die vielen Parallelen zwischen der Autorin und der Protagonistin Juno, beide Künstlerinnen und deren Lebensgefährte jeweils an Multipler Sklerose erkrankt ist. „Wenn man 1:1 meint, über sich selbst zu schreiben, ist man schon direkt nicht mehr man selbst“, sagt Hefter zu der Fiktionalisierung ihrer eigenen Person. Auch durch die Götternamen, die sie für ihre Charaktere verwendet, sei bereits ein hohes Level an Fiktion erreicht. Das Love-Scamming ist auch ein Thema, mit dem sich Hefter so wie ihre Protagonistin vertieft auseinandergesetzt hat. Zuerst wollte sie diesem Thema einen Essay widmen, hat sich dann jedoch entschieden, dies in einen Roman zu verpacken.
Was ist Wahrheit und was ist Wirklichkeit? Diese Begriffe dreht und wendet Juno im Roman stets für sich. Die Geschichte spielt in zwei Welten, der digitalen und der realen. Die digitale Welt ist eine andere Realität als das echte Leben und diese beiden Welten lässt Hefter in ihrem Roman auf grandiose Weise verschwimmen, wodurch auch Identität und Wahrheit neue Bedeutungen bekommen. Juno braucht die Zeit nachts für sich selbst, um in ihrer eigenen Welt für sich zu sein und verbringt deswegen schlaflose Nächte, in denen sie mit Love-Scammern im Internet chattet. Love-Scammer sind Männer, die oft aus dem globalen Süden kommen und sich im Internet falsche Profile anlegen, um dann gezielt ältere, alleinstehende Frauen anzuschreiben und diesen eine Beziehung vorzutäuschen. Dies geht dann so weit, dass sie Vertrauen aufbauen und die Frauen nach großen Summen an Geld fragen. Auch Juno bekommt solche Anfragen, die sie jedoch durchschaut und sich aus Wut über diese Männer, aber auch aus Neugier, dazu entscheidet, die Rollen umzudrehen. Sie erfindet Lügen über sich selbst und täuscht somit die Love-Scammer, lernt dann aber Benu aus Nigeria kennen, zu dem eine echte Bindung entsteht. Dabei bestehen jedoch weiterhin Unsicherheiten, wer denn jetzt wen betrügt und ob die Beziehung zwischen den beiden echt ist.
Wie eine Vorsehung erscheint die erste vorgelesene Textpassage, in welcher es um eine Preisverleihung für Literatur geht, die mancherlei Assoziationen zum Deutschen Buchpreis zulässt. Für diese gab es auch ein reales Vorbild, Marina Hefters Lebensgefährte Jan Kuhlbrodt wurde im Jahr 2023 für seinen Roman »Krüppelpassion« mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet, in dem er seine Erkrankung Multiple Sklerose thematisiert.
Die Jury des Deutschen Buchpreises hat vor allem Hefters Sprache für ihre Poesie gelobt und auch Dicks verweist auf das tänzerische Element ihrer Sprachgestaltung und ihr Gefühl für Rhythmus, was auch in den vorgelesenen Textpassagen stark zur Geltung kommt. Hefter erläutert, dass die Lyrik für sie eine große Inspirationsquelle war. Nachdem ihr vorletzter Roman im Jahr 2008 erschienen ist, hat sie sich lange Zeit der Lyrik gewidmet und in der Zeit auch 5 Lyrikbände veröffentlicht. Dadurch konnte sie ihre Sprache finden und schulen und dieses tiefe Gefühl für Sprache hat ihren Roman zu einem ganz besonderen Werk mit einer hohen sprachlichen Qualität gemacht.
Besonders an Hefters Werk ist es auch, dass sie die prekären Lebensverhältnisse von Künstlern schildert, die Protagonistin Juno ist Performancekünstlerin. Hefter betont, dass sie sich verantwortlich fühlt, diese noch wenig in der Literatur sichtbare Position sichtbar zu machen. Durch die Verleihung des Deutschen Buchpreises fühle sie sich nun wie eine Art Botschafterin für das Lesen für ein Jahr. Auch in ihrem Gespräch mit Dicks merkt man, wie wichtig ihr das Vermitteln von Literatur und von wichtigen Themen durch Literatur sind.
Die tiefe Verbundenheit mit ihrem Roman zeigt sich auch darin, dass Hefter und ihre Lektorin sich gemeinsam eine Wildbiene tätowiert haben, nachdem der Roman auf der Shortlist gelandet ist. Die Wildbiene ist ein wichtiges Symbol im Roman und nimmt auch eine der Schlüsselstellen in der Geschichte ein.
»Hey guten Morgen, wie geht es dir?« ist ein originelles und sprachgewaltiges Werk, in dem wichtige Themen der Gesellschaft thematisiert werden, wie Krankheit, die Suche nach der eigenen Identität und die digitale Welt mit ihren Möglichkeiten und Gefahren. Das Publikum war von der Lesung und dem Gespräch begeistert und zahlreiche Zuschauer haben die Möglichkeit genutzt, sich den preisgekürten Roman zuzulegen und von der Autorin signieren zu lassen.