Willkommen im Kulturportal vom Kulturbüro Göttingen.

Hier finden Sie Termine und Nachrichten aus dem Kulturleben der Region.

Hier sammeln Sie Termine, die Sie auf den Detailseiten mit „Merken“ gespeichert haben.

Um Ihre gemerkten Termine zu sehen, bitte einloggen.

Jetzt einloggen

 
Thyra Uhde in »Ihr wisst nicht, was Krieg ist« | © Photo: Dorothea Heise
  • Dieser PLUS-Artikel ist frei verfügbar
Information
Junges Theater

Wenn von der Kindheit nur eine Trümmerlandschaft bleibt

Information
Uraufführung »Ihr wisst nicht, was Krieg ist«
von Tina Fibiger, erschienen am 04. September 2024

Eine glückliche Yeva feiert ihren 12. Geburtstag mit freundschaftlichen Umarmungen und vielen Geschenken. Vielleicht wird sie nie wieder so strahlen wie an diesem 14. Februar 2022, weil in den Morgenstunden des 24. Februar eine russische Rakete direkt an ihrem Fenster vorbeirast. Aber auch diesen Moment will sie erinnert wissen und notiert ihn in ihrem Tagebuch. Krzyztof Minkowki hat das Kriegstagebuch von Yeva Skalietska dramatisiert, das in seiner Inszenierung am Jungen Theater uraufgeführt wurde.

»Ihr wisst nicht, was Krieg ist«

Mit der schmerzhaften Chronik einer jungen Ukrainerin über die Todesängste, die Fluchtstationen und den Überlebensalltag, der sich auf der Bühne die Form eines Hörspiels annimmt. Vier Schauspieler:innen geben ihr eine Stimme für ihre Worte und ihre Herztöne

Die langanhaltende Stille wird von einer beklemmenden Wirkung durchdrungen, während das Bühnenlicht einen weißen Raum ganz sanft erhellt. Fynn Knorr, Malin Kraft, Jens Tramsen und Tyra Uhde bilden zunächst eine gemeinsame Skulptur, die noch eine Zeitlang stumm verweilt, bis sich ein Chor von Stimmen mit einem Aufschrei entlädt. „Wie dieser Krieg meine Kindheit zerstörte“ hatte junge Chronistin ihrem Tagebuch anvertraut und dass sie ihre Gefühle mit diesen Seiten geteilt hat. Dann bringen die vier Schauspieler:innen mit strahlenden Gesichtern den Raum für das Geburtstagsfest noch einmal zum Tanzen, bevor der Horror einsetzt. 

Mit den Blicken von Angst und Panik, bis sich ihre Körper verkrampfen, am Boden krümmen oder in einer Nische verschwinden, um sich für das nächste Kapitel des Kriegsalltagsentsetzens wieder aufzurichten für einen Monolog oder für einen Chor von Worten, die sie mit ihren Stimmen fassbar und berührbar machen.

Die Tagebuchseiten, die Regisseur  Kzysztof Minkowsi in ein tief berührendes szenisches Oratorium übertragen hat, haben oft eine erschreckend sachliche Färbung, auch wenn die junge Chronistin von Panikattacken berichtet, von dunklen Kellern, in die sie mit ihrer Oma Schutz suchte, von Raketen und Panzern, die ihre Heimatstadt Charkiw verwüsteten und auch ihr Zuhause. Doch auch später, wenn sie Fahrt in die Westukraine und die hilfreichen Rot-Kreuz Samariter beschreibt oder die Grenzkontrolleure, die ihr und der Oma dem Fluchtweg nach Ungarn zunächst verweigert, meldet sich immer wieder die Stimme der Verzweiflung zu Wort. Die lässt sich  nicht einfach hoffnungsvoll ermutigen, wenn ein irisches Film-Team den Beiden beiseite steht, damit sie in Irland eine sichere Zuflucht bei einer Familie finden. Da sind die Nachrichten und immer wieder die von SchulfreundInnen, für die der Krieg weitergeht, die Angst vor Raketen und deren Zerstörungswut, den Trümmern, den Stromsperren und der Suche nach dem nächsten sicheren Ort, noch weiter weg von zu Hause, weil ihre Kindheit in Schutt und Asche liegt. „Jeder Tag wiegt schwerer auf meiner Seele“, hat Yewa in ihrem Kriegs-Tagebuch notiert. „Es zerreißt mir die Seele“. 

Es sind allein die Worte, die die Verzweiflungsschreie auf der Bühne spürbar werden lassen, kein szenischer Aufruhr und kein Unterton, der mit einer Form von  Betroffenheit grundiert ist. Krzsysztof Minkowki verweigert dem Kriegs-Tagebuch von Yeva Skalieska in seiner Inszenierung auch jede Form von visueller Ablenkung. Es gibt keine Requisiten in diesem leeren Raum, der manchmal in farbige Lichtstimmungen getaucht wird. Er vertraut auf die Gedankenchoreografie, die das JT-Ensemble mit sparsamen Gesten hörbar und berührend macht. Selbst die musikalischen Motive in den Arrangements von Fred Kerkmann mit einem Song der »Cranberries«,  den Klangbildern von Boris Breja und Samuel Barber und dem Zitat aus Beethovens »Mondscheinsonate« drängen sich nicht als dramatische Verstärkung des Textes auf. Sie umspielen  ihn sanft und sensibel, bis wieder ein Nachrichtenaufruhr einsetzt, bei dem die heimatlose Chronistin noch einmal von ihrer glücklichen Kindheit berührt wird, die sich in eine Trümmerlandschaft verwandelt hat. 

Mit einer Aufnahme ihrer wunderschönen Plüschkatze Tschupapapejla, die ihr aus dem zerbombten Schlafzimmer zublinzelt. Nichts wusste sie damals, bevor sie Tagebuch schrieb, was Wörter wie Angst, später, Alarm, Schuld, Heimat, Kerze, Liebe, Soldaten, Bunker, Familie, zu Hause noch alles bedeuten, die der Schauspielchor jetzt wie ein Kriegswörterbuch abruft. Yanas Appell „Wir sind Kinder und wir haben ein Recht auf Frieden“ gleitet über in eine langanhaltende Stille, als ob ihre Gedankenechos jetzt einen Raum ganz für sich brauchen, bis das Publikum mit seinem Beifall auch die junge Chronistin umarmt. 

Keine Kommentare

Hier sammeln Sie Termine, die Sie auf den Detailseiten mit „Merken“ gespeichert haben.

Um Ihre gemerkten Termine zu sehen, bitte einloggen.

Jetzt einloggen

 

Kennen Sie schon unsere Newsletter?

Bestellen Sie kostenlos.

  • täglich: Termine und Meldungen heute
  • jeden Samstag: Nachrichten aus dem Kulturbüro
  • jeden Mittwoch: Newsletter Literatur
  • jeden Mittwoch: Newsletter Chormusik
  • jeden Dienstag: Newsletter Klassische Musik
  • jeden Dienstag: Newsletter Theater
  • weitere sind in Vorbereitung: Bildende Kunst, Jazz, Rock/Pop, Angebote für Familien..

Haben Sie noch weitere Vorschläge? Melden Sie sich bei redaktion@kulturbuer-goettingen.de

Erstellen Sie für Ihre Bestellung ein kostenloses Konto

PLUS-Partner Junges Theater

Warum kann ich diesen PLUS-Artikel lesen?

PLUS-Artikel sind Texte, für die eine freie Mitarbeiterin oder ein freier Mitarbeiter bezahlt wird. Die Umsätze unserer Abonnent:innen dienen zur Finanzierung dieser Leistung.

Auch die Veranstalter als Partner des Kulturbüros tragen zum Beispiel mit ihren Anzeigen zu dieser Finanzierung bei. In diesem Fall hat das Junge Theater Göttingen eine PLUS-Partnerschaft übernommen, damit Sie diesen Text lesen können.

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.