In der intimen Atmosphäre des dt.x Kellers artet ein vermeintlich zufälliges Kneipengespräch in ein bedrohliches, messerscharfes Wortgefecht aus. Basierend auf dem gleichnamigen Film von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann inszeniert Raphaela Möst »Nebenan« als ein nervenaufreibendes Kammerspiel. Durch die faszinierende Dynamik der beiden Hauptdarsteller Moritz Schulze und Ronny Thalmeyer entpuppt sich das Kneipengespräch mehr als ein reiner Dialog zwischen zwei Männern – es ist ein unverblümter Blick auf soziale Ungleichheit und Verdrängung. Das Stück feierte Premiere am 14. September.
Klaustrophobisches Kammerspiel
»Nebenan« spielt fast ausschließlich in der Berliner Kneipe und entfaltet dort ein intensives, fast schon klaustrophobisches Streitgespräch zwischen zwei Männern: Dem Schauspieler Daniel gespielt von Moritz Schulze (eine fiktionalisierte Version von Daniel Brühl) und dem Nachbarn Bruno (Ronny Thalmeyer), der ihn dort konfrontiert. Kurz vor dem Abflug zu seinem wichtigen Casting für einen Superhelden-Actionfilm in London betritt der bekannte und erfolgreiche Schauspieler Daniel eine Berliner Eckkneipe. Der Stammgast Bruno verwickelt ihn dort auf recht amüsante Weise in ein Gespräch. Die trockene Art von Ronny Thalmeyer als Bruno trägt viel zur anfänglich humorvollen Atmosphäre bei. Wie sich herausstellt wohnt Bruno im gleichen Haus wie Daniel und hat seit Jahren dessen Post entgegennimmt. Zu DDR-Zeiten hat Brunos Vater sogar in Daniels Wohnung gelebt.
Die Masken fallen
Bruno ist seit Jahren sein Nachbar und weiß verdammt viel über Daniel, sogar seine Kreditkartenabrechnung und die seiner Frau?! Was als harmloses Gespräch beginnt, entwickelt sich rasch zu einem unbehaglichen Kreuzverhör. Die Dynamik zwischen Schulze und Thalmeyer macht das Kammerspiel besonders spannend. Anfänglich denkt man als Zuschauer:in, dass Bruno nur ein anhänglicher Stalker ist, doch nach und nach fällt die Maske von Daniel. Moritz Schulze spielt den berühmten Schauspieler äußerst exzentrisch, aber sympathisch - was den Schock verstärkt, als Bruno dessen Leichen aus dem Keller holt. Daneben brilliert Ronny Thalmeyer als Bruno mit seiner sarkastischen und einfachen Art. Man kann sich später sogar gut mit ihm identifizieren. Bruno ist ein Geringverdiener und arbeitet nun als “Kreditkartenentsperrer”, der viele Schicksalsschläge erleiden musste und zu DDR-Zeiten sogar zu Unrecht eingesperrt wurde. Dagegen verkörpert Daniel die gutverdienende gehobene Mittelschicht. Soziale Ungerechtigkeit lässt grüßen!
Anschauliches Bühnenbild und Superhelden-Action!
Obwohl das Stück fast ausschließlich in der Kneipe spielt, hat Bühnenbildnerin Belén Montoliú eine äußerst unterhaltsame und intime Kneipenszenerie geschaffen. Neben der Theke gibt es eine Leinwand, die den Darsteller:innen immer wieder als Karaoke-Screen dient und viele lustige Szenen beisteuert. Aber auch Flashback-Filme zu Daniel und Bruno sowie verstörende geheime Kameraaufnahmen des Schauspielers auf der Leinwand sorgen für Abwechslung und spannende Momente.
Besonders unterhaltsam wird es, als Daniel Bruno auffordert, seine Szene als “Laser-Angel” gegen “Darkman” zu proben! Hier füllt Nebel den Raum, Blitze leuchten auf und Ventilatoren bringen Schulzes Jacke zum Flattern wie bei einem echten Actionfilm. Hier werden Kenner:innen sofort an Daniel Brühls Paraderolle im Superheldenfilm »Captain America: Civil War« erinnert!
Fazit: Spannung von Anfang bis Ende
Wenn das Gespräch zur Abrechnung wird: »Nebenan« überzeugt mit einer dichten Atmosphäre und viel Nervenkitzel. Welches ominöse Geheimnis von Daniel will Bruno nun offenbaren? Von Anfang bis Ende ziehen Moritz Schulze und Ronny Thalmeyer die Zuschauer:innen in ihren Bann, und man fragt sich ständig, für welche Person man nun eigentlich Sympathie empfinden soll. Ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nie Langeweile aufkommt dank des gelungenen Pacings.