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Werkraum Göttingen

Von Atem und Anziehung: »Natur, wer bist Du?« als Klangdialog

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Zeitgenössische Musik zwischen Wahrnehmung, Impuls und innerer Bewegung
von Jan Hendrik Buchholz, erschienen am 29. November 2025

Wie klingt Natur, wenn sie nicht Abbild, sondern Anziehungskraft ist? Der Werkraum Göttingen präsentierte ein Trio, das zeitgenössische Musik in fragile, dichte und unerwartete Klangräume öffnete.

Auf der Black-Box-Bühne des Werkraum Göttingen entfaltete sich am Abend des 23. November ein Konzert, das Natur weniger als Kulisse, sondern vielmehr als Kraftfeld verstand: »Natur, wer bist Du?«, eine weitere Ausgabe der Göttinger Abende zeitgenössischer Musik, brachte Werke aus Japan, Italien, Russland, Frankreich und Nordmazedonien zusammen – und stellte sie in einen sorgsam gesponnenen Dialog. Die Besetzung mit Dante Montoya (Flöte), Maria Pache (Viola) und Helene Schütz (Harfe) erwies sich dabei als klangliche Idealform: ein Trio, das sich sowohl im harmonischen Aufgehen wie in scharfkantiger Reibung souverän bewegte. Durch den Abend führte Bernd Schumann, der Projektleiter der Reihe, gewohnt kenntnisreich, mit kurzen, heiter-pointierten Moderationen, die Orientierung boten, ohne die Musik zu übererklären.

Eröffnet wurde das Konzert mit Tōru Takemitsus »And Then I Knew ’Twas Wind« (1992). Das Werk, häufig als japanisches Pendant zu Debussys Trio für Flöte, Viola und Harfe verstanden, verhandelt den Moment des Erkennens: Wind als unsichtbare Präsenz, als Bewegung, die sich nicht erfassen, nur erfühlen lässt. Montoyas Flöte, weich konturiert und von atmender Lyrik getragen, verband sich mit dem samtigen, dabei stets präzise fokussierten Ton von Maria Pache. Helene Schütz legte einen schillernd-schwebenden Klanggrund, aus dem die motivischen Partikel Takemitsus aufzusteigen schienen. In dieser Interpretation hörte man nicht nur die Nähe zu Debussy, sondern auch jene charakteristische Ruhe des Spätwerks, in dem Takemitsu Natur als Resonanzraum innerer Vorgänge versteht.

Mit Malika Kishinos »Monochromer Garten VI« (2015) verdichtete sich die Klangsprache. Kishino, in Paris lebend und tonsprachlich zwischen spektraler Klarheit und japanischer Reduktion angesiedelt, setzt hier auf minimal verschobene Impulse, die wie Windzüge durch einen unbewegten Garten streichen. Ein Zugang, der der Interpretin eine ganz eigene, buchstäblich unerhörte Virtuosität abverlangt. Für Pache kein Problem, in deren Händen die Viola zum atmenden Mitteltöner wurde – der spröden Akustik des Werkraums erfolgreich trotzend.

Den zentralen dramaturgischen Akzent des Abends setzte die Uraufführung von »Centripetal« (2025) der jungen Komponistin Marijana Janevska, ein Werk, das eigens von der Göttinger Reihe beauftragt wurde. Janevska, deren Ausbildung in Skopje und Wien sie früh mit der osteuropäischen Avantgarde verband, untersucht hier die Idee der Anziehung: Bewegungen, die nach außen drängen, werden durch unsichtbare Kräfte zur Mitte geführt. Das Trio meisterte die rhythmisch komplexen Überlagerungen souverän. Beeindruckend war die Art, wie sich die Flöte allmählich vom solistischen Impulsgeber zum Teil eines kollektiven Pulses verwandelte. Die Harfe fungierte dabei mal als kinetischer Motor, mal als struktureller Marker, während Paches Viola den entscheidenden »Sog« formte. Das Publikum reagierte mit gespannter Aufmerksamkeit – und wurde dafür belohnt, wurde das Stück doch als Zugabe erneut geboten.

Miyuki Itos »Lunar Phases« (2006) stellte eine ästhetische Weitung dar: ein Werk, das zyklische Formung und feinste Schattierungen in den Vordergrund rückt. Ito, deren Musik häufig von astronomischen und naturphilosophischen Bildern geprägt ist, verteilt ihre Impulse in kreisenden Bewegungen. Montoyas Flöte zeichnete silbrige Linien, während Schütz’ Harfe in sensibel dosierten Anschlägen changierende Lichtpunkte setzte. Die phasenhaften Übergänge – vom gleißenden Vollmond zum fragilen Sichellicht – wurden mit großer Delikatesse gestaltet.

Mit Salvatore Sciarrinos »Fauno che fischia a un merlo« (1980) betrat das Trio eine andere Welt: die des flüsternden, verwehten Tons, des Intervalls am Rand des Hörbaren. Sciarrino, Meister des quasi-natürlichen Geräuschs, schrieb hier eine Art musikalische Zoologie. Montoya zeigte beeindruckende Kontrolle über die extremen Atem- und Geräuschanteile; Pache antwortete mit feinsten Bogendruck-Nuancen, die an Rascheln, Kratzen und Flügelschläge erinnerten. Es war ein Stück, das die Zuhörenden zwang, ihr Ohr neu einzustellen.

Den Abschluss bildete Sofia Gubaidulinas »Garten von Freuden und Traurigkeiten« (1980), ein Werk, das zu den Schlüsselstücken für diese Besetzung zählt. Mit dem Tod der Komponistin im Jahr 2025 erhält es eine zusätzliche, stille Resonanz. Gubaidulina versteht Natur spirituell, als Ort der Prüfung und Erleuchtung. Schütz’ Harfe war hier das gestische Zentrum, während Pache und Montoya die seelischen Bewegungslinien zeichneten – einmal zart und fast gebrochen, dann eruptiv und voller innerer Glut.

Mit »Natur, wer bist Du?« zeigte sich erneut, wie lebendig und klanglich reich die Reihe der Göttinger Abende zeitgenössischer Musik agiert: nicht als museale Bewahrung, sondern als eine überzeugende »Operation am offenen Ohr«. Ein Abend voller Sensibilität, Präzision und jener Fragilität, die zeitgenössische Musik unverwechselbar macht. Die nächste Ausgabe findet am 31. Mai 2026 in der Alten Fechthalle statt.

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