Am vergangenen Samstag war der Teufel los im Deutschen Theater, und das wortwörtlich! Denn das Stück »Mephisto« in der Inszenierung von Erich Sidler feierte am 26. April Premiere. Das Theaterstück orientiert sich dabei eng am Originalroman von Klaus Mann, verpasst dem Stoff aber eine willkommene Frischzellenkur. Dies liegt sowohl an der schnellen Erzählweise als auch an der rockigen Live-Musik von Michael und Johannes Frei.
Auch in Sidlers Inszenierung wird das dramatische Portrait des Mephisto-Darstellers Hendrik Höfgen (Gabriel von Berlepsch) erzählt, der wahrlich einen Pakt mit dem Teufel, dem nationalsozialistischen Regime, schließt, um berühmt zu werden. Er arrangiert sich mit den Machthabern und verrät dabei nicht nur seine eigenen politischen Ideale, sondern auch seine Freunde.
Die Aufteilung des Stücks und das Pacing ist dem Ensemble mehr als geglückt. Im ersten Teil erleben wir die Freundschaft zwischen Höfgen und seinen Schauspielkollegen, seinen langsamen Aufstieg und gleichzeitig auch den Aufstieg des Nationalsozialismus. Nach der Pause verwandelt sich Berlepsch vollkommen in Mephisto und wir sehen, wie alle Freunde unterschiedliche Wege beschreiten, ins Exil gehen und Höfgen zum Hofnarren des Nazi-Regimes wird.
Auch wenn die gesamte Besetzung um Moritz Schulze überzeugen kann, stiehlt Gabriel von Berlepsch allen die Show. Sein Höfgen ist nämlich sehr facettenreich und er ist „schrecklich gut“ in seinem Auftritt als Mephisto. Berlepsch schafft es, den opportunistischen und exzentrischen Schauspieler richtiges Leben einzuhauchen mit Zeilen wie „Auf der Bühne kann ich alles sein“ oder „Meine Realität ist die Bühne.“ Diese Zeilen erzählt er mit so viel Leidenschaft und Hingabe, einfach richtig überzeugend. Gleichzeitig gibt er eine sehr rührende Darbietung ab, als sein Geliebter von den Nationalsozialisten verhaftet wird.
Und wenn Berlepsch das Mephisto-Make-Up aufträgt, ist er einfach nicht mehr wiederzuerkennen. Erschreckend und hemmungslos verkörpert er seinen Mephisto, rekelt sich anmutig und hüpft wild auf der Bühne rum. Dies wirkt aber nie zu albern und stets todernst. Besonders, als er unheimliche Hunde-Geräusche von sich gibt. Ganz der Pudels-Kern!
Ein großes Highlight des Stücks ist Berlepschs Tanz zu dem passenden Rolling Stones Song »Sympathy for the Devil«, der live von Michael und Johannes Frei auf E-Gitarre und Bass gespielt wird. Hier bekommt das Publikum Entertainment vom Feinsten. Denn wenn Berlepsch als Mephisto verspielt, losgelöst und cool vor sich hin tanzt zu »Sympathy for the Devil«, wird man gleich an Joaquin Phoenix’ Oscar nominierte Performance als »Joker« erinnert.
Wie vorher schon erwähnt, ist das Pacing, also das Erzähltempo, sehr gelungen in Sidlers Inszenierung. Hinter dem Vorhang sehen wir nämlich eine drehbare Bühne, auf welcher mehrere Szenen gleichzeitig vorgespielt werden. Szenen in welchem Höfgen seine Leidenschaft für das Theater mit seinen Freunden (Moritz Schulze und Rebecca Klingenberg) teilt, sowie sein Aufstieg vom Provinzschauspieler zum Großstadtstar, werden somit im Schnelldurchlauf mit groovigen Bluesriffs gezeigt.
Und natürlich ist der moralische und ethische Aspekt des Stück eine weitere große Stärke von »Mephisto«. Denn die Inszenierung zeigt, vor welcher beängstigenden Herausforderung wir stehen, wenn Machthaber die Grenzen des Sagbaren und Etablierten verschieben. Mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten spricht das Stück somit ernste und besonders aktuelle politische Themen an. „Wir sehen eine kontinuierliche Verschiebung der roten Linien... Das müssen wir benennen als Theater. Und wir müssen versuchen uns dem entgegenzustellen, indem wir bewusst machen, welche Prozesse gerade stattfinden,“ erklärt Intendant Erich Sidler.
»Mephisto« überzeugt besonders mit einem starken Hauptdarsteller und schafft es, den Geist von Klaus Manns Roman einzufangen. Die musikalische Untermalung à la Rolling Stones und die Montagesequenzen geben dem Charakterporträt einen frischen Anstrich. Und vor allem der moralische Aspekt des Stücks trifft genau den Nerv unserer Zeit. Somit ist »Mephisto« nicht nur extravagante Unterhaltung, sondern ein Weckruf zum Schutz unserer demokratischen Werte!