Ein Abend voller französischer Klangpoesie erwartete das Publikum in der Aula der Universität Göttingen am 9. November. Mit dem renommierten japanischen Pianisten Kotaro Fukuma war eine wahre Koryphäe am Klavier zu Gast. In seinem expressiven Spiel vereinten sich die unterschiedlichen Farben der französischen Musik: von der Leichtigkeit eines Erik Satie über Debussys malerische Klangwelt bis hin zu den virtuosen und technisch anspruchsvollen Werken Maurice Ravels. Nicht ohne Grund zählt Fukuma zu den herausragenden Pianisten seiner Generation; er konzertiert weltweit in berühmten Spielstätten wie der Carnegie Hall, der Berliner Philharmonie und der Wigmore Hall in London. Auch an diesem Abend zeigte er technische Brillanz und große poetische Gestaltungskraft – ein Spiel, das gezielt die Vorstellungskraft beflügelt und regelrechtes Kopfkino entstehen lässt. Dazu kommt eine große Bühnenpräsenz, die bei vielen Studierenden für Selfie-Schlangen nach dem Konzert sorgte.
Saties Anmut und Faurés ernste Klangwelt
Eröffnet wurde die »Soirée de la musique française« mit Erik Saties (1866–1925) träumerischer »Gymnopédie No. 1« (1888). Mit der einfachen, ruhigen Melodie ließ Fukuma die Zeit stillstehen und schuf eine Atmosphäre meditativer Versenkung. Diese Leichtigkeit setzte er mit »Je te veux« (1897) fort – einem heiteren, charmanten Walzer.
Mit Gabriel Faurés (1845–1924) »Thème et Variations op. 73« (1895) entstand ein deutlicher Kontrast. Das zunächst ruhige Thema führte Fukuma nach und nach in düstere, spannungsvolle Regionen. Dynamische Entwicklungen und kraftvolle tiefe Töne formten eine melancholische, emotional dichte Klangwelt. In den elf Variationen steigerte er das Tempo eindrucksvoll, bevor das Werk in einer zarten Variation in aufgehelltem Cis-Dur endete – eine Wendung, die Fukuma mit sichtlicher Freude herausarbeitete.
Debussys Klangmalerei
Claude Debussys (1862–1918) »Reflets dans l’eau« (1904/05) bildete den Auftakt des nächsten Programmblocks. Debussy versucht darin, Lichtreflexe auf dem Wasser musikalisch einzufangen – Fukuma verwandelte das zentrale Drei-Töne-Motiv in schillernde »Lichtbrechungen«. Akkordflächen lösten sich in flirrende Bewegungen auf, Triller glitzerten wie Wasseroberflächen im Sonnenlicht.
Es folgten das weltberühmte »Clair de Lune« (1890) und »L’Isle Joyeuse« (1903). »Ich will eine kleine Geschichte mit der Musik erzählen«, erklärte der Pianist dem Publikum. »Zuerst stehen wir am See, bis der Mond erscheint – ›Clair de Lune‹. Und bei Sonnenaufgang beginnt eine aufregende Schiffsreise.« Fukuma zeichnete diese Erzählung mit Klangfarben nach: das sanft leuchtende Mondlicht im einen Stück, das überschwängliche, von Watteaus Gemälde »Einschiffung nach Kythera« inspirierte Triller-Feuerwerk im anderen.
Uraufführung und großes Finale mit Ravel
Anschließend erklang die Göttinger Premiere des neuen Werkes »Le Tombeau de Ravel« (2024) von Laurent Mettraux – eigens für Kotaro Fukuma komponiert und vom Menuett aus Ravels »Le Tombeau de Couperin« inspiriert. Das Resultat: ein melancholisches, nostalgisch gefärbtes Stück voller absteigender Motive, das Fukuma mit viel Leidenschaft interpretierte.
Mit Maurice Ravels (1875–1937) »Gaspard de la Nuit« (1908) begann der dramatische Schlussteil des Abends. In »Ondine« erzählte Fukuma mit schwebenden, an Ballett erinnernden Linien von der Wassernixe, während »Le Gibet« mit seinem stetigen Glockenton eine bedrückende Atmosphäre schuf. »Scarbo« schließlich wurde zum pianistischen Showdown – ein rasender, lauter, irrlichternder Kobold, den Fukuma mit atemberaubender Präzision zeichnete.
Den krönenden Abschluss bildete Ravels »La Valse«: ein wilder, stürmischer Walzer, den Fukuma mit großem Gestaltungswillen und packender Virtuosität entfachte. Das zweite große Crescendo wirbelte die Aula in einen Strudel aus Klang und Energie, bevor der Pianist in einer dramatischen Pose endete – ein echter Showman am Klavier.
Kotaro Fukuma: virtuos und charismatisch.
Der Pianist präsentierte ein abwechslungsreiches Programm voller französischer Klangbilder und überzeugte das Publikum mit Tiefe, Virtuosität und Star-Appeal.
