An den Beginn des rund 45 minütigen Konzertes setzte Kordes eines der klangprächtigsten Werke von Johann Sebastian Bach (1685-1750), das ursprünglich als Rahmen einer Sammlung einiger seiner Orgelwerke gedacht war: Präludium und Fuge Es-Dur, BWV 552. Das Präludium ähnelt einer konzertanten Ouvertüre, deren Punktierungen Kordes klar und wohldosiert setzte. Durch das feine Herausarbeiten der Themen und die präzise gespielten virtuosen Läufe brachte Kordes den Zuhörer:innen die Komposition Bachs näher. Ebenso gelang es ihm bei der Fuge, das jeweilige Thema in den einzelnen Stimmen für das Publikum hörbar werden zu lassen. Bach komponierte die Fuge in Es-Dur mit drei aufeinanderfolgen Themen, die sich stilistisch unterscheiden. Er verzichtet zwar auf eine Kombination aller drei Themen, lässt jedoch das erste Thema jeweils zum Ende hin noch einmal durchscheinen.
Auf die ineinander verwobenen Themen Bachs folgte ein wahrhafter Ruhepunkt von Olivier Messiaen (1908-1992). Ein tiefer, im Körper vibrierender rhythmischer Bass ist Grundlage der „Apparition de l’église éternelle“ (Die Erscheinung der ewigen Kirche, 1930). In einem „très lent“ bauen sich ausgehend vom Forte bis hin zum fünffachen Forte reich gefärbte Klänge auf, die stets von der Dissonanz in die leere, stehende Quinte führen - bis die Quinten nach einem Decrescendo im Pianissimo verblassen. Kordes verlangte der Orgel akustisch alles ab, und schaffte es trotz der Lautstärke den pulsierenden Ruhepunkt im Pedal immer beizubehalten.
Im starken musikalischen Kontrast dazu ging es mit Edward Elgars (1857-1934) Marsch „Pomp and circumstances“ Nr. 1 sowie zwei weiteren Orgel-Transkriptionen von E. H. Lemare (1865-1934) weiter. Elgars fröhlich-tänzerische Musik ließ die Köpfe der Zuhörer:innen wippen. Rhythmisch, virtuos und kontrastreich registriert ließ Kordes die Orgel tanzen. Im hymnischen Abschnitt „Land of Hope and Glory“ stiegen die Besucher:innen spontan mit ihrem Gesang ein - wohl auch, weil vielen der Vorabend noch im Ohr war, als ebenjenes Stück von der Jacobikantorei zusammen mit dem Göttinger Symphonieorchester als Zugabe in der Stadthalle erklang.
Schon reich beseelt folgte für das Publikum weitere Musik für das Herz: R. Wagners (1813-1883) „O du, mein holder Abendstern“ aus „Tannhäuser“. Zart-schwebende Klänge kombiniert mit einer wunderschönen solistischen Melodieführung erfüllten die Kirche.
Mit der anspruchsvollen Orgelbearbeitung von Wagners „Walkürenritt“ präsentierte Kordes zum Abschluss noch einmal sein ganzes spielerisches Können. Organist und Instrument schienen wie für dieses Stück geschaffen und sich zum Finale zu vereinen. Kräftige Pedaltöne unter schillernden, hochvirtuosen Läufen bildeten ein beeindruckendes Klangspektrum. Die Größe des Instrumentes und das künstlerische Talent ließen diese Musik meisterlich erklingen und erfüllten Raum und Menschen gleichermaßen.
Langanhaltender Applaus mit stehenden Ovationen war der Dank der Zuhörer:innen für diese erfüllende, vielfältige Orgelmusik, die traditionsreiche Orgelklänge mit anderen Genres der Musikwelt verband und das Können von Spieler und Instrument beeindruckend zum Ausdruck brachte. Kordes dankte unter dem Applaus auch seiner „Königin“, wie die Orgel unter den Instrumenten genannt wird. Die beiden gehören einfach zusammen.