Zwitschernde Vögel, Gewitter, Hagelkörner, torkelnde Betrunkene, ein gemütlicher Tag am Kamin und eisige Winde – nur wer Antonio Vivaldis »Vier Jahreszeiten« genau kennt, weiß, dass es sich bei diesen zusammenhanglos scheinenden Begriffen um eine großartige Komposition für Streichorchester handelt.
Wie viele Vögel singt ein Streichorchester?
Viele Kinder strömten mit ihren Eltern und Großeltern am Sonntag, dem 3. Mai 2026 zur Aula der Freien Waldorfschule Göttingen, um diese vielseitige Komposition beim Familienkonzert des Göttinger Symphonieorchesters zu hören.
Beim ersten von insgesamt zwei Konzerten an diesem Tag war die Aula schon gut gefüllt. Die Kinder warteten gespannt auf den Beginn von Vivaldis »Vier Jahreszeiten«, eine Komposition, die sich aufgrund ihrer Tonmalerei hervorragend für ein Familienkonzert eignet. Viele Naturgeräusche hat Vivaldi mit den Streichern darzustellen versucht, die es mit den Ohren zu entdecken gilt. Als das bunt gekleidete Streichorchester die Bühne betrat, entlud sich die gespannte Stimmung in großem Applaus – und los ging es mit Vivaldis »Frühling«.
Bei diesem Konzert gab es nicht nur wunderbare Tonmalerei zu entdecken, sondern auch die Instrumente, allen voran die Geige. Nachdem die Streicher den musikalisch komponierten »Frühling« kurz vorgestellt hatten, erklärte Thomas Scholz (Violine, Konzept und Moderation), was hier alles geschah. Vivaldi verzichtete auf Bläser und wollte im Jahre 1725 zeigen, was man mit der Violine alles machen kann. Thomas erklärte zunächst, wie auf der Geige im Zusammenwirken von Saiten und Resonanzkörper ein hörbarer Ton entsteht. Und diesen Ton können die Musiker:innen nun mit zahlreichen Techniken unterschiedlich gestalten und z. B. Naturgeräusche imitieren. Bei der Frage, wie viele Vögel in Vivaldis »Frühling« zu hören waren, gingen die Meinungen weit auseinander. Also gab es jetzt beim erneuten Spielen des 1. Satzes vom »Frühling« eine Höraufgabe: Wie viele Vögel sind zu hören und wie gestaltet Vivaldi Bäche und Donner und Blitze mit dem Streichorchester?
Tremolo, Kuckuck und Hagelkörner
Dem »Frühling« folgt naturgemäß der »Sommer«, so auch heute beim Konzert. Und bevor es neue Naturgeräusche zu entdecken gab, ging Thomas auf den Geigenbogen ein. Dieser besteht aus ca. 170 Pferdehaaren, mit denen die Saiten gestrichen werden, und dafür gibt es mehrere Techniken. So sind die schnellen Tremoli der Streicher ein ganz spezifisches Merkmal für dieses Instrument, da nur Streicher so schnelle Tonrepetitionen mit dem Bogen aus dem Handgelenk ausführen können. Vivaldi verwendet sie für das Gewitter und schnelle Winde, die nun im »Sommer« zu hören sein werden. Auch einen neuen Vogel gibt es zu entdecken, und die Kinder konnten ihn nach dem 1. Satz sofort erraten: der Kuckuck!
Der »Sommer« bietet an Naturgewalten und deren musikalischer Umsetzung noch mehr. Zusammen mit zwei jungen Assistent:innen aus dem Publikum und mit Hilfe eines Springseiles erklärte Thomas, wie so eine Saite schwingt. Wie später noch zu hören sein sollte, forderte Vivaldi u. a. ein Spielen direkt am Steg, wo die Saite eben nicht mehr richtig schwingen kann und ein hart klingender Ton zustande kommt. Und zu der jeweils speziellen Bogenbewegung hinzu kommen noch die Finger der anderen Hand, die für die Tonhöhe verantwortlich sind. Beides zusammen ergibt im 3. Satz des »Sommers« Hagelkörner und Regen, dargestellt mit schnellen Tonleitern abwärts.
Vom Erntetanz zum Zähneklappern
Im 1. Satz des »Herbstes« gibt es erneut eine neue Technik zu hören: Die Solo-Violine, am heutigen Tag gespielt von Seayoung Kim, spielt zweistimmig – es sind also zwei Violinen zu hören, obwohl nur eine spielt. Der Satz stellt einen Tanz nach der Ernte dar, und zu hören sind zudem torkelnde Betrunkene – dargestellt mit melodischen Wellen –, die anschließend in den Schlaf fallen, und lang gehaltene Töne bestimmten die Musik.
Es folgte der 2. Satz des »Winters«, der zum Teil ohne Bogen auskommt: Die Saiten werden mit dem Finger gezupft und stellen den ans Fenster prasselnden Regen dar. Die kleinen Kinder kuschelten sich bei diesem gemütlich klingenden Satz „am Kamin" an ihre Eltern. Viel gab es bei diesem Konzert zu entdecken, und so viel Neues macht müde. Deshalb folgte sogleich der Abschluss, der noch einmal spannend wurde: Das schon angekündigte Streichen über dem Steg. Die Saite schwingt nicht richtig, eine Art Kratzen ist zu hören – perfekt für die Darstellung des Eises sowie Frieren, Zittern und Zähneklappern. Nachdem eisige Winde tobten, tobte auch das Publikum mit kräftigem Applaus für diese wunderbar virtuos gespielte Musik von Solistin Seayoung Kim und dem Streichorchester des GSO sowie den spannenden und lehrreichen Erläuterungen von Thomas Scholz. Und das Publikum klatschte so lange weiter, bis es den letzten Satz noch einmal zu hören bekam.